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Pulsnitz zeigt Strawalde-Werke - und keiner sieht sie

In der Kunsthalle stellt einer der bedeutendsten deutschen Künstler aus. Doch bisher bleiben die Türen zu. Warum Jürgen Böttcher trotzdem begeistert ist.

Galeristin Sabine Schubert hat Werke von Strawalde nach Pulsnitz geholt. Sie werden voraussichtlich bis 11. Juli in der Kunsthalle in Pulsnitz gezeigt, die gegenwärtig aber geschlossen ist.
Galeristin Sabine Schubert hat Werke von Strawalde nach Pulsnitz geholt. Sie werden voraussichtlich bis 11. Juli in der Kunsthalle in Pulsnitz gezeigt, die gegenwärtig aber geschlossen ist. © Miriam Schönbach

Pulsnitz. Bislang bleibt nur der Blick durch die großen Scheiben der Kunsthalle in Pulsnitz. „Strawalde zum 90. Geburtstag“ steht in großen Lettern an der Wand. „Wir zeigen einen Querschnitt durch das Schaffen des Künstlers. Es ist erstaunlich, welche Kraft diese Bilder aus ganz unterschiedlichen Jahrzehnten haben“, sagt Kuratorin Sabine Schubert. Die Retrospektive lädt ein, durch das Leben und Werk eines der bedeutendsten deutschen Künstler zu wandeln – sobald es wieder möglich ist.

Sabine Schubert streift durch die Neonlicht-beleuchtete ehemalige Kaufhalle. Das kalte Licht lässt Strawaldes Werke noch einmal anders wirken. „Wir wollten die Ausstellung gern anlässlich des Jubiläums machen, schließlich hat Jürgen Böttcher, bekannt unter dem Pseudonym Strawalde, viele Berührungspunkte mit der Oberlausitz“, sagt die Pulsnitzer Kulturring-Chefin. Geboren wird der Maler und Filmemacher am 8. Juli 1931 im sächsischen Frankenberg. Sein Vater verliert seine Arbeit als Lehrer, weil er sich weigert, in die NSDAP einzutreten. Die Familie lebt von der Hand in den Mund, findet erst in Liegau-Augustusbad eine Bleibe und ab 1937 im Dorf Strahwalde bei Herrnhut.

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Jürgen Böttcher - besser bekannt unter seinem Künstlernamen Strawalde - vor einem seiner Werke im Stadtmuseum Dresden.
Jürgen Böttcher - besser bekannt unter seinem Künstlernamen Strawalde - vor einem seiner Werke im Stadtmuseum Dresden. © Archivfoto: Christian Juppe

Erinnerungen an diese Zeit hat der Kameramann Peter Badel im Auftrag des Ernst-Rietschel-Kulturrings bei einem Besuch in Strawaldes Wohnatelier in Berlin eingefangen. Mitten in seinen Arbeiten sitzt der Künstler in einem Ledersessel. „Ich habe die Oberlausitz lieben gelernt. Dieses Dorf hat uns aufgenommen, obwohl wir Fremde waren. Dort ist mein Raumgefühl entstanden. Wir konnten bis ins Zittauer Gebirge schauen, zum Jeschken, zur Lausche, zum Kottmar und an klaren Tage bis ins Iser- und Riesengebirge“, macht er seiner Wahlheimat eine Liebeserklärung. Sicher wählt er aus dieser Verbundenheit heraus seinen Künstlernamen nach dem Kindheitsort.

In Strahwalde verkauft Jürgen Böttcher auch seine ersten selbstgezeichneten Kunstwerke. Mit 18 Jahren, 1949, entscheidet er sich, an der Dresdener Hochschule für Bildende Künste ein Studium der Malerei zu absolvieren. Nach dessen Ende arbeitet er als freier Künstler und hängt darüber hinaus noch ein weiteres Studium an, 1955 immatrikuliert er sich an der Filmhochschule Babelsberg. Fünf Jahre später schließt Böttcher sein Regiestudium ab und wird Regisseur beim Defa-Studio für Dokumentarfilme. Trotz Kamera kann er zu seinen Protagonisten immer eine besondere Nähe herstellen.

Spielfilm wurde vor der Uraufführung verboten

Sein Spielfilm „Jahrgang 45“ wird 1966 nach der Vorführung des Rohschnitts verboten. Der Film zeigt ungeschönt den Alltag junger Menschen in den 1960er-Jahren in Ostberlin, sein Uraufführung erlebt das Werk erst nach der Wende. Gerade ist der 90-Minüter anlässlich „75 Jahre Defa“ in der ARD-Mediathek zu sehen. Seine filmischen Arbeiten zeichnen sich durch große Wahrhaftigkeit und besondere Ästhetik aus. In Vitrinen in der Pulsnitzer Kunsthalle wird auf das Schaffen des mehrfach ausgezeichnete Regisseur hingewiesen. Und obwohl sich Jürgen Böttcher voll ins Filmemachen stürzt, bleibt er immer der zweiten Leidenschaft, der Malerei treu.

Sabine Schubert geht in den hinteren Teil der Ausstellung. Die frühesten Arbeiten sind Ende der 1960er/Anfang der 1970er-Jahre datiert. Große Vorbilder sind der Renaissance-Maler Giorgione, Europas bedeutender Barockmaler Rembrandt und Pablo Picasso. „Erste Werke sind auf Schul-Geschichts- und Landkarten entstanden. Oft hat ihn das Thema der Tafel inspiriert“, sagt die Galeristin. Mehr als 20 Arbeiten hat sie für die Pulsnitzer Werkschau im Atelier vor Ort ausgesucht. „Der Hintergrund der Auswahl war, dass eine Spannung in der Ausstellung entsteht“, sagt sie.

Große Schaufenster ermöglichen Einblick

Zum Oeuvre von Strawalde gehören kleine Skizzen, Collagen, Zeichnungen, farbenintensive Gemälde, abstrakte Landschaften, Stillleben, „Weibsbilder“. „Dass ich nun in der Oberlausitz eine so schöne Ausstellung meiner Werke in Pulsnitz bekomme - mit frühen Sachen und den letzten Arbeiten - ist für mich voller Zauber“, sagt der Künstler einer Videobotschaft. Zur Finissage am 11. Juli hat er schon die Einladung in seine alte Heimat. Bis dahin sollen sich auf jeden Fall die Türen für die Besucher in der Kunsthalle schon geöffnet haben.

„Die Resonanz aus ganz Deutschland ist groß. Wir bekommen Anrufe und Mails und hoffen, dass wir bald öffnen können“, sagt Sabine Schubert. Solange aber bleibt nur der Blick auf Strawalde durch die großen Schaufenster.

www.ostsaechsische-kunsthalle.de

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