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Die schreibende Ärztin

Iryna Fingerova aus der Ukraine lebt jetzt in Kamenz. Neben ihrer Arbeit in einer Klinik hat sie eine besondere Leidenschaft - die sie mit Gleichgesinnten in Dresden teilt.

Iryna Fingerova stammt aus Odessa und lebt jetzt in Kamenz. Neben ihrer Arbeit als Ärztin in Pulsnitz ist sie auch künstlerisch aktiv.
Iryna Fingerova stammt aus Odessa und lebt jetzt in Kamenz. Neben ihrer Arbeit als Ärztin in Pulsnitz ist sie auch künstlerisch aktiv. © privat

Kamenz/Dresden. Iryna Fingerova hat Heimweh. Großes Heimweh. Die Ärztin aus der Ukraine, die jetzt in Kamenz lebt, war seit drei Jahren nicht mehr zu Hause in Odessa. Wenn es besonders weh tut, dann schreibt sie es sich von der Seele. Zurzeit sei sie sehr produktiv. "Aufgrund meiner eigenen Nostalgie habe ich viele Kurzgeschichten geschrieben über die Ukraine", sagt sie. Das helfe.

In ihrer Heimat war sie für ihr junges Alter eine bekannte Autorin, veröffentlichte surrealistische Artikel in Zeitschriften. Diverse Texte wurden auch ins Englische und Serbische übersetzt. Deutsche Übersetzungen gibt es beim "Titel Kulturmagazin" Hamburg, im "Maulkorb" Dresden oder bei "Lichtungen" Graz. Der Verlag "Folio" in der Ukraine bringt noch immer Texte von ihr heraus. Auch ein Kinderbuch hat sie geschrieben.

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Auf Umwegen nach Deutschland gekommen

Seit sie mit ihrem Mann nach Deutschland kam, hat sich einiges im Leben der jungen Frau geändert. Sie ist mittlerweile Mutter und arbeitet als Assistenzärztin in der Vamed Klinik Pulsnitz. Zwischen Schichten und Familienalltag notiert sie, was sie bedrückt oder freut.

Die 27-Jährige studierte Medizin in der Heimat, kam mit ihrem ebenfalls jungen Ehemann über Umwege nach Deutschland. Auch er arbeitet als Arzt. Beide leben heute in Kamenz. Ein harter Weg war es bis dahin. Die junge Familie kannte hier niemanden, zog mehrfach um.

Als Iryna Fingerova noch in der Ukraine lebte, gründete sie dort ein kleines Theater mit, das "Theater der Ohren". Die Vorstellungen fanden vor einem Publikum statt, dem die Augen verbunden wurden. "Wir verwendeten nur Texte von modernen, ukrainischen Autoren und versuchten, die moderne ukrainische Literatur zu popularisieren", sagt Fingerova. Das Theaterprojekt zurückzulassen, habe ihr wehgetan. Seitdem ist sie auf der Suche nach neuen Ideen.

Auch in Kamenz war sie bereits an Projekten beteiligt, so lud sie im vergangenen Spätsommer während der "Interkulturellen Wochen" zu einem außergewöhnlichen Projekt in die Alte Baderei ein. "Das ,Theater der Ohren' steht immer noch ganz oben auf meiner Liste", sagt Iryna Fingerova. "Ich würde es mit Gleichgesinnten auch gern in Deutschland etablieren."

In der alten Heimat Odessa gründete Iryna Fingerova das "Theater der Ohren" mit. Es war das erste Audiotheater in der Ukraine. Das Publikum erlebt die Aufführungen mit verbundenen Augen.
In der alten Heimat Odessa gründete Iryna Fingerova das "Theater der Ohren" mit. Es war das erste Audiotheater in der Ukraine. Das Publikum erlebt die Aufführungen mit verbundenen Augen. © privat

In Dresden hat sie inzwischen ihre Fühler ausgestreckt - und eben solche Leute getroffen. Mit Tetiana Ivanchenko, einer Journalistin und Doktorandin an der TU Dresden, organisiert sie seit einem Jahr einen Buch-Club für die russischsprachigen Bewohner der Landeshauptstadt. "Wir wählen jeden Monat das Land aus und lesen ein Buch von dort. Wir genießen dazu eine Tasse Tee oder Kaffee, essen Kuchen und unterhalten uns", erzählt die Kamenzerin. Der Fokus liege auf modernen deutsch- und russischsprachigen Literaturwerken der letzten 50 Jahre.

Kürzlich entwarf Iryna Fingerova mit der Autorin Ksenyia Fuchs aus Stuttgart und der Fernsehjournalistin Tanja Ivanchenko eine musikalisch-literarische Performance, welche in der Gedenkstätte Bautzner Straße in Dresden lief. Gefördert wurde der Abend unter dem Titel "Die Verbundenen / Aussitzen Deluxe 2.0" durch das Kulturamt Dresden. Wegen Corona musste der Termin immer wieder verschoben werden, und am Ende wurde die Performance aufgezeichnet. Am 15. Juni gab es die Premiere über Youtube.

Mit dieser Performance setzten sich die Künstler mit dem Thema Zensur auseinander. Was steckt hinter Zensur? Welche Motivation und welche Ängste? Welche neurotischen Störungen und welche Konsequenzen folgen, wenn man unfähig ist, sich frei auszudrücken? Anhand von Visualisierungen, Musik und Texten wollten die Künstler darstellen, wie soziale Institutionen und Erwartungen Gedanken zensieren und wie Kunst diesen Gedanken wieder freien Lauf lässt.

In einer Welt, in der jeder Fünfte an psychischen Störungen leidet, seien Literatur und Kunst genauso wichtig für die Bekämpfung existenzieller Krisen, wie die regelmäßige Einnahme von Medikamenten, sagt die Künstlerin und Ärztin. Man habe auch an ukrainische und belarussische politische Gefangene erinnern und zeigen wollen, dass hinter den Namen lebendige Menschen stehen. "Das Projekt klappte super, und wir haben uns jetzt entschieden, einen Verein zu gründen", erzählt Iryna Fingerova. Dieser soll sich "Plattform" nennen.

Buch mit Kurzgeschichten über den Tod in Arbeit

Die 27-Jährige bleibt rastlos. Das Schreiben ist ihr Anker. Und sie spürt, dass auch viele andere einen solchen Anker brauchen. "Momentan arbeite ich an einem neuen Buch, das sich um das Thema Tod dreht. Tod macht unser Leben überhaupt wertvoll", sagt sie. Das Buch besteht aus verschiedenen Kurzgeschichten. Genügend Inspiration findet sie bei ihrer Arbeit. "Es ist auch für mich nicht einfach, in der Rehaklinik so viele traumatisierte Menschen zu treffen. Durch das Aufschreiben kann ich mich emotional abgrenzen und das Ganze verarbeiten", sagt sie.

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