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Die Heavy-Metal-Ärztin

Neurologin Alena Trojanova aus Prag arbeitet an der Schlossklinik in Pulsnitz. In ihrer Freizeit singt sie - laut und rau.

Den weißen Kittel trägt Alena Trojanova, die in der Schloss-Klinik Pulsnitz arbeitet, genau so gern wie die schwarze Lederkluft, in der sie mit ihrer Band auftritt.
Den weißen Kittel trägt Alena Trojanova, die in der Schloss-Klinik Pulsnitz arbeitet, genau so gern wie die schwarze Lederkluft, in der sie mit ihrer Band auftritt. © René Plaul

Pulsnitz/Prag. Blonde Haare,  nettes Lächeln, Stethoskop um den Hals - so kennen die Patienten Alena Trojanova. Und der weiße Kittel ist Standard. Die Ärztin trägt ihn mit Stolz. Stolz ist die Tschechin auch auf ihre Herkunft. Trotzdem arbeitet die 39-Jährige seit vielen Jahren in Deutschland und seit einigen Monaten wieder in der Pulsnitzer Schlossklinik.

Nach Feierabend,  zurzeit vor allem an den Wochenenden, tauscht die junge Ärztin ihren Kittel gegen die Lederkluft. Schwarz ist ihre Lieblingsfarbe, und das hat seinen Grund: Alena Trojanova singt in der Heavy Metal Band Strange Feelings. 

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"Es gibt seit Langem eine riesige Metal-Szene in Tschechien, nicht nur, aber vor allem auch in Prag", erzählt sie. "Das hat bei uns Tradition." In Tschechien finden zudem  jährlich jede Menge angesagter Festivals statt, wie das Metalfest in Pilsen, Obscene Extreme in Trutnov oder das Brutal Assault Open Air auf der  Festung Josefov. Corona legte in diesem Sommer zwar zwischenzeitlich alles lahm. Doch die Szene lebt. 

Musik dient zur Psycho-Hygiene

Die Sängerin liebt die rauen Töne, die harten Riffs, massiv verzerrte Gitarren und donnernde Schlagzeug-Soli. Wenn sie ihre Auftrittskluft überstreift, verwandelt sie sich in jemand anderes. Psycho-Hygiene nennt sie das Ganze. "Als Ärztin stehst du in 24-Stunden-Schichten deine Frau. Man braucht dafür viel Kraft, muss ab und zu wieder auftanken. Jeder macht das sicherlich anders - ich brauche dafür Heavy Metal", sagt die Pragerin.

Bereits als Kind liebte sie Musik, sang im Chor. Ihre erste Band hatte sie mit 17. Früher war sie noch in anderen Stilrichtungen unterwegs, absolvierte später auch noch eine Rock-Gesangsausbildung. "Die Metal-Szene kenne ich aber seit  20 Jahren sehr gut, habe viele Freunde dort. Mein Mann, der ebenfalls in einer Band spielt, vermittelte mir den Kontakt zu Strange Feelings", erzählt Alena Trojanova.  "Ich habe eine ziemlich weiche Stimme. Eigentlich war das Ganze nicht geplant, aber mittlerweile liebe ich das, was ich tue", sagt sie.

Die Band Strange Feelings aus Prag, zu der Alena Trojanova gehört, war gerade im Studio und hat ihr lange geplantes Album "Drown" mit zehn eigenen englischsprachigen Songs aufgenommen.
Die Band Strange Feelings aus Prag, zu der Alena Trojanova gehört, war gerade im Studio und hat ihr lange geplantes Album "Drown" mit zehn eigenen englischsprachigen Songs aufgenommen. © PR

Von Montagfrüh bis Mittwochabend ist sie aber Ärztin aus Überzeugung, verdient damit auch die Brötchen für die Familie mit. "Ich habe in Tschechien Medizin studiert, aber es ist dort leider schwierig mit fair bezahlten Jobs und vor allem mit der Weiterbildung", sagt die zweifache Mutter. Beides sei ihr jedoch wichtig. Seit mittlerweile neun Jahren arbeitet sie deshalb im benachbarten Deutschland. In nur zwei Stunden ist sie mit dem Auto von Prag aus in Pulsnitz. 

Spagat zwischen Arbeit, Familie und Freizeit

Die Arbeit an der Reha-Klinik macht ihr Spaß. Die Kollegen seien super, sagt sie. Manche kennt sie näher, wie Iryna Fingerova, die in Kamenz lebt und nebenbei als Buchautorin tätig ist. "Da hat gleich die Chemie gestimmt", sagt Alena lachend.  Viele der Kollegen kommen aus anderen Ländern. Vor allem auf dem flachen Land greifen medizinische Einrichtungen gern auf Fachkräfte aus dem Ausland zurück. Zu wenig eigenen Nachwuchs zieht es in die ländliche Regionen.

Alena Trojanova ist froh, dass sie nach der Geburt ihrer zwei Söhne wieder so unkompliziert in der Pfefferkuchenstadt anfangen konnte. Zuvor arbeitete sie bereits in der Schloss-Klinik auf Station - damals in Vollzeit. "Das schaffe ich momentan mit  beiden Kindern noch nicht. Da bleibt mir einfach zu wenig Zeit, die ich mit ihnen verbringen kann", sagt sie.  Vor der Geburt der Beiden stand Alena Trojanova kurz vor der Beendigung ihrer Facharztausbildung. Ihr fehlte nur noch die Intensivmedizin. Das will sie nun demnächst zu Ende bringen.

Wenn Alena Trojanova bei Konzerten mit ihrer Band loslegt, feiern die Fans sie. Zurzeit gibt es wegen Corona wenig Live-Auftritte, doch die Musiker hoffen auf das nächste Jahr.
Wenn Alena Trojanova bei Konzerten mit ihrer Band loslegt, feiern die Fans sie. Zurzeit gibt es wegen Corona wenig Live-Auftritte, doch die Musiker hoffen auf das nächste Jahr. © PR

Wenn die Zweifachmutter am Sonntagabend ins sächsische Pulsnitz fährt und sich zum Dienst meldet, dann hat sie in der Regel ein entspanntes Wochenende mit ihren Lieben hinter sich. Ihr Mann, der Philosoph ist und eine private Hausmeisterfirma betreibt, und ihre Kinder sind ihre Welt. Vier und zwei Jahre alt sind die Söhne erst und Alenas ganzer Stolz. "Ich habe eine tolle Familie, vor allem liebevolle Großeltern, die hinter uns stehen. Sonst könnte ich diesen Job in Deutschland nicht machen", sagt sie. Aktuell erfordert die Corona-Krise einen allwöchentlichen Test, wenn die Ärztin aus Prag anreist. Doch bislang war dieser immer negativ.

Seit der Geburt der Jungs hat sie zwar aktuell nur eine halbe Stelle in der Schloss-Klinik inne, aber auch das müsse gut koordiniert werden. "Ich arbeite montags bis mittwochs durch, schlafe in einer kleinen Pension neben der Klinik, brauche vor Ort nicht viel. Ich konzentriere mich dann voll  auf meine Arbeit in der Neurologie", erzählt sie. Auf der Station 7 b liegen die schwierigeren Fälle. Menschen, die nach einem Schlaganfall oder schweren Unfällen mit Hirn- und Kopfschädigungen in der Vamed-Klinik ihre Reha-Kur antreten.  

Kontakt zu deutschen Metal-Bands gesucht

Zwischen Muttersein und Haushalt wartet aber bei den Heimatbesuchen in der Regel noch eine Probe mit ihrer Band "Strange Feelings" auf Alena Trojanova. "Manchmal muss ich mich ganz schön zerteilen, aber die Musik gibt mir ja auch jede Menge zurück", sagt sie.

Zurzeit ist es wegen Corona mit Auftritten etwas ruhiger geworden. Aktuell sind die Prager Clubs geschlossen, gibt es wenig Termine. "Die Szene arbeitet aber trotzdem im Hintergrund. Wir haben die Zeit zum Beispiel genutzt und endlich unser lang geplantes Album mit zehn eigenen Songs aufgenommen", freut sich Alena Trojanova. Das heißt "Drown" und soll bald herauskommen. Die meisten der Liedtexte  stammen von ihr.

"Wir würden uns übrigens riesig freuen, wenn wir Kontakt mit  deutschen Metal-Bands aufnehmen und gemeinsame Gigs planen könnten", sagt die Sängerin. "Das wäre eine Mega-Sache."  

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