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Ein Leben voller Dissonanzen zwischen zwei Buchdeckeln

Lange recherchierte der Kamenzer Reinhard Kärbsch zum Künstler Rudolf Sitte. Mit der entstandenen Biografie erfüllt er ein besonderes Versprechen.

Von Miriam Schönbach
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Erinnerungen an einen großen Künstler: Der Kamenzer Reinhard Kärbsch recherchierte ausgehend von den biografischen Skizzen des Bildhauers Rudolf Sitte das Leben seines Freundes. Nun ist sein Buch mit fiktiven Gesprächen mit dem Künstler erschienen.
Erinnerungen an einen großen Künstler: Der Kamenzer Reinhard Kärbsch recherchierte ausgehend von den biografischen Skizzen des Bildhauers Rudolf Sitte das Leben seines Freundes. Nun ist sein Buch mit fiktiven Gesprächen mit dem Künstler erschienen. © Anne Hasselbach

Kamenz. Die Katze mit den glänzenden Ornamenten ist eine unübersehbare Erinnerung. Reinhard Kärbsch hievt das mehr als lebensgroße Tier aus Steinzeug auf den Tisch im Arbeitszimmer in Kamenz. „Die Katze stammt aus der Werkstatt von Rudolf Sitte“, sagt der 76-Jährige. Eigentlich nennt er seinen langjährigen künstlerischen Freund Rudi, viele Stunden haben er und der Bildhauer mit Reden, Zuhören, manchmal Wettern miteinander verbracht.

Noch vor Sittes Tod hat ihm Wegbegleiter Kärbsch das Versprechen gegeben, dessen Lebenserinnerung zwischen zwei Buchdeckel zu drucken. Mit der gerade erschienenen Publikation „Über Kunst, Katzen und Keramik“ löst er den Wunsch ein.

Reinhard Kärbsch nimmt das Buch zur Hand, gleich daneben liegen die selbst aufgeschriebenen biografischen Splitter Sittes mit dem Titel „Ein Leben für die Katz“ mit Original-Grafiken, Familienbildern und Abzügen seiner Arbeiten.

Ein Leben lang im Schatten des berühmten Bruders

Rudolf Sitte wird 13. Mai 1922 in Kratzau, dem heutigen Chrastava in Tschechien, geboren. Die Eltern sind Bauern, der künstlerische Weg ist keineswegs vorgezeichnet. Stattdessen lernt der junge Rudolf den Beruf eines Webers, während das zeichnerische Talent seines ein Jahr älteren Bruders früh erkannt wird. Eben jener Willi Sitte wird später einer der bekanntesten und zugleich umstrittensten Maler der DDR.

Der große Schatten seines Bruders begleitet Rudolf Sitte ein Leben lang, weiß Reinhard Kärbsch. Er begegnet seinem späteren Freund erstmals bei einer Ausstellungseröffnung 1997 in Königsbrück. „Ich war Lokalredakteur der Sächsischen Zeitung. Bis zu dem Tag hatte ich weder von Willi noch von Rudolf Sitte gehört“, erinnert er sich. Bei dem Termin fällt dem gebürtigen Thüringer, der durch die Offiziershochschule nach Kamenz kam, der Enthusiasmus des Ausstellenden auf. In seiner Rede beschreibt er seine Vision, wie er arbeitslose Jugendliche mit Kunst zurück in den Arbeitsalltag führen will.

Hermsdorfer Schloss wird Sittes künstlerisches Domizil

Nach der ersten Begegnung folgen immer wieder Treffen. Reinhard Kärbsch fragt nach, erfährt von Brüchen und den Erfolgen des Künstlers. Rudolf Sitte beginnt nach dem Kriegsdienst und der Flucht aus der Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg 1946 ein Studium der Wandmalerei an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden.

Allerdings verweigert der Freigeist wenig später die vom Staat geforderte Abgrenzung vom Kunstbetrieb des Westens. Der Exmatrikulation folgen eine Zeit in den Tagebauen der Wismut und die Rückkehr zum Kunststudium. Gerhard Richter steht mit ihm im Zeichensaal. Jener Kommilitone gilt heute als Deutschlands bedeutendster Maler.

Solche Geschichten finden sich in Kärbschs „fiktiven Gesprächen mit Rudolf Sitte“. Für diese Biografie in Frage-Antwort-Form hat er die Lebenserinnerung des Künstlers, der seinen Lebensabend mit seiner Frau und zahlreichen Katzen in Königsbrück verbrachte, als Grundlage genommen. Sein künstlerisches Domizil fand der Keramiker und Bildhauer nach 1990 im Hermsdorfer Schloss.

Jeder Fakt und jeder Name sind überprüft

Seine künstlerischen Spuren sind teils bis heute noch zu entdecken, obwohl vielerorts seine „baugebundene Kunst“ nach 1990 abgerissen wurde. In Bautzen ist Sittes „Eisenflechter“ aus Keramik am ehemaligen Betonwerk in der Spreegasse noch erhalten. Rudolf Sitte stirbt 2009 in Königsbrück.

Reinhard Kärbsch fängt auf den 200 Seiten ein Leben voller Dissonanzen ein. Er hat sich die Mühe gemacht, jeden Fakt und jeden Namen aus Sittes Lebenserinnerung zu überprüfen. Zweieinhalb Jahre Recherche stecken im Buch, um verschlungene Lebenswege zu entwirren.

Der Autor hat mit Weggefährten gesprochen und bestimmt in stiller Stunde den Künstler durch dessen Erinnerungen über Schatten und Zeitgeist poltern hören. 200 Exemplare „Über Kunst, Katzen und Keramik“ sind erstmal im Eigenverlag gedruckt. Dieses Buch ist mehr als ein letzter Dienst für einen Freund.

Wer das Buch erwerben will, kann sich per E-Mail melden: [email protected]