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Was hält die Gesellschaft noch zusammen?

Am Mittwoch hält Jana Simon in Kamenz die Lessing-Rede. Die Publizistin und Christa-Wolf-Enkelin konzentriert sich dafür auf Lichtstreifen am Krisenhorizont.

Jana Simon setzt auf die Menge der Vielen, die sich nicht nur für sich, sondern für die Allgemeinheit engagieren.
Jana Simon setzt auf die Menge der Vielen, die sich nicht nur für sich, sondern für die Allgemeinheit engagieren. © Frank Rothe

Frau Simon, es ist viel von einer Spaltung der Gesellschaft die Rede. Sie teilen diese Diagnose. Wenn wir dieses Bild der Spaltung – oder vielleicht auch: der Fragmentierung – einfach mal so hinnehmen: Wann hatte es seine Ursprünge?

Persönlich aufgefallen ist mir diese Veränderung zum ersten Mal 2010 und 2011, als ich in Los Angeles lebte. Damals gab es einen Anschlag auf eine demokratische Kongressabgeordnete. Ich berichtete darüber. Dabei fiel mir auf: Anhänger der Demokraten und der Republikaner standen sich derart feindlich gegenüber, dass sie für die jeweils andere Seite buchstäblich keine Worte mehr hatten. Nur Verachtung. Diese Form des Hasses gegenüber dem Andersdenkenden, als Mensch – das kannte ich aus Deutschland damals noch nicht. Jetzt, zehn Jahre später, erlebe ich das oft auch hierzulande. Das ist eine traurige und gefährliche Entwicklung.

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Was halten Sie von der These, dass Corona diese Polarisierung verschärft hat?

Das sehe ich auch so. Zu den herkömmlichen Gegensätzen Alt gegen Jung, Arm gegen Reich, Rechts gegen Links, Zuwanderungsbefürworter gegen -ablehner hat sich nun der Gegensatz zwischen den Befürwortern und Gegnern der Krisenmaßnahmen gesellt. Am deutlichsten ist das im Streit über die Einschränkungen der Grundrechte und über die Hygienemaßnahmen. Da geht der Riss in der Gesellschaft durch jede Schicht, jede Altersgruppe, jedes politische Milieu. Es entzweit selbst die, die sich in der Zuwanderungsfrage noch mehr oder weniger einig waren.

Der Grad der gegenseitigen Verachtung nimmt zu

Aber es hat innerhalb der politischen Milieus doch auch vorher schon Fragmentierungen gegeben.

Das stimmt, nur war der Grad der gegenseitigen Verachtung noch nicht so hoch wie heute. Diese Entwicklung hat Corona weiter verschärft.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach vor allem? Daran, dass Corona, anders als viele andere Streitpunkte, eine potenzielle direkte Lebensbedrohung ist?

Ja, und daran, dass die Meinungen darüber inzwischen so weit auseinandergehen, dass vieles gar nicht mehr diskutiert wird, nicht mal unter Freunden oder in der Familie, weil es sofort Streit gibt. Das hat, wie ich glaube, unter anderem auch mit unserem veränderten Medienkonsum zu tun.

Damit, dass wir zwar keine Ahnung von Virologie haben, uns aber eine Meinung bilden wollen, und uns diese dann aus den Medien zusammensuchen?

Und zwar gezielt aus solchen Medien, die die jeweilige Meinung verstärken, egal, ob diese Medien nun vertrauenswürdig und seriös sind oder nicht. Hauptsache, die Informationen und Meinungen dienen der eigenen Selbstvergewisserung. Was uns aber zunehmend fehlt, sind gesamtgesellschaftliche Gesprächsplattformen, auf denen wir uns offen austauschen, miteinander reden und Probleme aushandeln können. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat in Frankreich die Grand Debate National initiiert. Das war der Versuch, überall im Land mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten über relevante gesellschaftliche Probleme und Themen öffentliche Diskussionen zu führen. Das könnte auch ein Format für Deutschland sein. Obwohl es natürlich naiv wäre, zu glauben, damit könnten nun alle Probleme gelöst werden. Aber es wäre zumindest ein Anfang. So wie damals nach dem Mauerfall die Runden Tische.

Nun geschieht so etwas in kleiner Form ja längst. Seit ein paar Jahren gibt es in Deutschland überall das Modell der Bürgergespräche. Auch der Sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer ist darin sehr aktiv ...

Aber das sind meist nur einzelne Parteipolitiker mit einzelnen Gesprächsangeboten. Die Angebote müssten flächendeckend und parteiunabhängig sein. Wir brauchen Foren, die Menschen aus verschiedensten Schichten und politischen Milieus wieder zusammenführen und in denen die verschiedensten Meinungen diskutiert und verhandelt werden. Und es wäre wichtig, dass die Ergebnisse dieser Foren wie beim französischen Vorbild der Politik vermittelt und von den Entscheidungsträgern aufgenommen werden. Damit könnten solche Gremien eine beratende Funktion haben.

Wenn Linke und AfD-Anhänger gemeinsam "Nazis raus" rufen

Das bringt uns zum Thema Ihrer Lessing-Rede: „Was uns zusammenhält“. Im letzten Jahr erschien Ihr Buch „Unter Druck“ mit sechs Langzeitporträts verschiedenster Menschen, darunter Alexander Gauland, ein Polizist und eine Pflegerin. Insgesamt las sich das so, als seien wir unausweichlich Richtung Katastrophe unterwegs. Jetzt „Was uns zusammenhält“ – woher kommt auf einmal die Zuversicht?

Nein, ein solche Katastrophe sehe ich eigentlich nicht auf uns zukommen. Denn in meinem Buch erzähle ich von Menschen, die zwar unter sehr hohem Druck stehen, aber ihr Leben trotzdem meistern. Zugleich zeigt es eben die Polarisierung der Gesellschaft. Und was für groteske Formen die manchmal annehmen kann. Denken Sie etwa an die Stelle, wo Alexander Gauland in Jena bei einer AfD-Kundgebung auf Björn Höcke trifft und dieser die versammelten Gegendemonstranten „rotlackierte Nazis“ nennt. Daraufhin rufen die AfD-Anhänger „Nazis raus!“ Die Gegendemonstranten bekommen aber nicht gleich mit, von wem die Parole stammt – und stimmen mit ein. Für ein paar Sekunden rufen beide Seiten vereint im bizarren Chor: „Nazis raus!“ Der Gegner ist der Nazi – das beendet jede Diskussion.

Wobei man immer noch nicht von einer 50:50-Spaltung sprechen kann. Die Zustimmungswerte zur Politik zeigen: Die radikalen Ablehner bleiben weiterhin eine kleine Minderheit.

Die Radikalen schon, aber nach allem, was ich in den vergangenen Jahren bei Recherchen erlebt habe, ist ein unterschwelliges Misstrauen in unser politisches System inzwischen schon weiter und tiefer in unserer Gesellschaft verbreitet.

Nun wird ja der Druck, unter dem nicht nur die Menschen aus Ihrem Buch stehen, vor allem verursacht durch Globalisierung, Digitalisierung und den allmählich wachstumstechnisch leerlaufenden Kapitalismus. Sind das nicht alles Faktoren, an denen man nichts oder nur schwer etwas ändern kann?

Für die Demokratie muss man sich einsetzen. Umso wichtiger ist alles, was den Zusammenhalt stärken kann. Was uns ja tatsächlich zusammenhält, sind die vielen Menschen, die sich jeden Tag dafür einsetzen, dass unsere Gesellschaft funktioniert. Ich denke dabei zum Beispiel an die Kranken- und Altenpflegerin in meinem Buch. Aber auch an den Thüringer Polizisten Mario Melzer. Der hat sich bei der Aufarbeitung des NSU-Komplexes wirklich bemüht, aufzuklären, was auch in den eigenen Reihen der Polizei schiefgelaufen ist. Dafür wurde ihm das Leben schwer gemacht. Er hat fast seinen Job verloren, ist krank geworden und war mehrere Jahre nicht mehr im Dienst. Jetzt arbeitet er sich da langsam wieder heraus. Solche Menschen machen mir Mut. Menschen mit Zivilcourage und Anstand, die versuchen, etwas zu tun, das nicht nur für sie selbst gut und wichtig ist, sondern für uns alle. Im Fall von Mario Melzer ist es der Einsatz für den Rechtsstaat.

Glauben Sie, dass die Summe solcher einzelnen Menschen die Mehrheit der Bevölkerung widerspiegelt?

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Es ist auf keinen Fall die Minderheit. Denn unser Staat und seine demokratischen Instanzen funktionieren ja. Es gibt also offenbar noch genug Menschen, die sich einsetzen und anständig miteinander umgehen, trotz der Fragmentierung der Gesellschaft. Menschen, die andere Meinungen nicht gleich ablehnen, die den jeweiligen Menschen respektieren, und nicht nur das, was er vielleicht repräsentiert. Wie ich schon sagte: Es liegt eher an der Summe der Einzelnen als an einer bestimmten Partei oder Institution. Insofern würde ich doch sagen: Ja, sie sind die Mehrheit. Und ich will auch die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Menschen, trotz neuer sozialer und politischer Verwerfungen, durch das gemeinsame Erleben dieser jetzigen Krise solidarischer werden und mehr zusammenhalten.

Das Gespräch führte Oliver Reinhard

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