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Was Künstler in die einstige Pfefferküchlerei zieht

Ein Verein hat das Geburtshaus des Bildhauers Ernst Rietschel in Pulsnitz gerettet - und noch viele Pläne.

Kulturrings-Chefin Sabine Schubert im Ausstellungsraum: Vor 20 Jahren wurde in Pulsnitz die Galerie in Ernst Rietschels Geburtshaus eröffnet.
Kulturrings-Chefin Sabine Schubert im Ausstellungsraum: Vor 20 Jahren wurde in Pulsnitz die Galerie in Ernst Rietschels Geburtshaus eröffnet. © Matthias Schumann

Pulsnitz. Eine Miniatur des berühmten Goethe-Schiller-Denkmals ist der erste Blickfang im Ausstellungsraum in der Rietschelstraße 16 in Pulsnitz. Mit schnellen Schritten kommt Sabine Schubert die Treppen aus der darüberliegenden Etage nach unten. „Vor 20 Jahren haben wir diese Galerie eröffnet. Damals war das Ernst-Rietschel-Geburtshaus ein leere Hülle, die wir mit Leben erfüllt haben“, sagt die Vorsitzende vom Ernst-Rietschel-Kulturring.

Unter dem Dach des über 170 Jahre alten Baus hat seitdem nicht nur der berühmteste Pulsnitzer Sohn wieder eine Heimat gefunden. Auch unzählige andere Künstler bekamen in der einstigen Pfefferküchlerei ein Ausstellungsrefugium auf Zeit. Sabine Schubert geht in die Mitte des Raums und malt eine imaginäre Linie in die Luft. „Hier stand einst der Verkaufstresen, als das Haus Rietschels Schwester Juliane gehörte. Mit der Hilfe des Künstlers konnte ihre Familie die Pfefferküchlerei nach dem großen Stadtbrand 1844 wieder aufbauen. Er war damals schon Professor für Bildhauerei an der Dresdener Kunstakademie“, sagt die Kunstexpertin.

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Mit einem Buch in der Oberlausitz gelockt

Rietschels Schwester und der Schwager Johann Christian Groschky hatten in dem elterlichen Haus das Handwerk eingerichtet. Damals hieß der holprige Weg davor noch Badergasse. In dem ursprünglichen Fachwerkhaus im Schatten der Kirche St. Nicolai wird Ernst Rietschel am 15. Dezember 1804 geboren. Sein Vater ist Beutel- und Handschuhmacher, seine Mutter kommt aus einem Organisten- und Schullehrer-Haushalt aus Obergersdorf.

Schon früh zieht der junge Rietschel mit Pinsel und Farbe durch die Stadt. Nach kurzer Kaufmannsausbildung geht das Zeichentalent 1820 mithilfe einer Freistelle an die Kunstakademie nach Dresden. Sein Förderer wird schließlich Christian Daniel Rauch. Er zählt zu den bedeutendsten Bildhauer des Klassizismus.

Rauch und Rietschel verbindet mehr als eine Lehrer-Schüler-Beziehung. „Sie werden Freunde, wie wir aus den Briefen wissen“, sagt Sabine Schubert. Ihre Leidenschaft gehört seit 30 Jahren Ernst Rietschel. Ihr Mann lockt die gebürtige Thüringerin mit den „Lebenserinnerungen“ des Künstlers von Berlin in die Oberlausitz. „Dieses Buch zeichnet ein schönes Charakterbild von einer besessenen Arbeitskraft“, sagt die 67-jährige Ohornerin. Mit ihrem Abschluss als Betriebswirtin heuert die zweifache Mutter kurz vor der Wende im Pulsnitzer Krankenhaus als Kulturverantwortliche an.

Mit großzügiger Spende Schulden getilgt

Nach 1990 entsteht genau dort und mit einem neuen Klinik-Eigentümer die Idee, einen Ernst-Rietschel-Kunstpreis zu verleihen. Im Vorfeld gründet sich mit 19 Mitgliedern der Ernst-Rietschel-Kulturring. Heute gehören dem Verein mehr als fünf Mal so viele Mitglieder an, darunter zahlreiche Rietschel-Nachfahren. Der Verein erwirbt 2004 das Geburtshaus von der Stadt. Der historische Ort war ab den 1970er-Jahren in Vergessenheit geraten. Der letzte Mieter verließ 1998 das sanierungsbedürftige Haus. Mithilfe von Förderung und Krediten wird es gerettet. „Eine großzügige Spende vor zehn Jahren ermöglichte uns die komplette Entschuldung“, sagt Sabine Schubert.

Die Vereinschefin geht durch die Räume. Im ehemaligen Flur entfaltet sich an der Wand ein Rietschel-Stammbaum über vier Generationen. Neben einer Dauerausstellung zum Leben und Wirken Ernst Rietschels beherbergt das Geburtshaus ein Schaudepot mit Kunstsammlung, zum Beispiel mit Werken Carl Lohses, und die Walter-Nessler-Stiftung mit mehr als 750 Kunstwerken. Nessler emigrierte 1937 von Dresden nach London, wo er 2001 starb. Sein Werk steht in enger Verbindung zur Geschichte der Emigration deutscher Künstler im 20. Jahrhundert. Mit einer Auswahl Nesslers Aquarelle und Zeichnungen wird das Rietschel-Geburtshaus im Jahr 2000 eingeweiht.

Briefverkehr mit einem Freund wird veröffentlicht

Seitdem haben in der Galerie unbekanntere und vielbeachtete Künstler, wie Gerhard Richter, ausgestellt. Neben der Sammlung in der Innenstadt ist 2011 als Ausstellungsort die Ostsächsische Kunsthalle dazugekommen. In der ehemaligen HO-Kaufhalle sind derzeit die Knopfkunstwerke Michael Voigts zu sehen.

Rund 200 Ausstellungen hat der Kulturring organisiert. Dessen Mitglieder richten nun den Blick nach vorn. Denn die nächsten Jubiläen stehen schon ins Haus. Am 21. Februar 2021 jährt sich der Todestag des Künstlers zum 160. Mal. Anlässlich dieses Gedenktags könnte eine weitere Publikation erscheinen. In Arbeit ist derzeit eine Herausgabe der Niederschriften und Briefe Ernst Rietschels, unter anderem an seinen Freund Christian Daniel Rauch. Auch die nächsten Ausstellungen sind schon geplant – mit ganz viel Passion für die Auszustellenden. „Unser Credo heißt: Wir tun etwas für die Künstler – ganz im Sinne Rietschels“, sagt Sabine Schubert.

www.ernst-rietschel.com

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