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PLUS Familienkompass 2020 Kamenz

Familien unzufrieden: Zu wenig los im Dorf

Beim SZ-Familienkompass schneiden die sorbischen Gemeinden in der Kamenzer Gegend beim Freizeitangebot schlecht ab. Doch es gibt auch positive Beispiele.

Kristin Lehmann und Philipp Obst verbringen mit den Kindern Lena und Jonathan viel Zeit in ihrem Garten in Wendischbaselitz. Wenn sie etwas erleben wollen, müssen sie ins Auto steigen.
Kristin Lehmann und Philipp Obst verbringen mit den Kindern Lena und Jonathan viel Zeit in ihrem Garten in Wendischbaselitz. Wenn sie etwas erleben wollen, müssen sie ins Auto steigen. © Matthias Schumann

Nebelschütz. Endlich Wochenende - da können wir mit der Familie etwas unternehmen. Doch was wollen wir machen? Diese Frage stellen sich Kristin Lehmann und Philipp Obst sehr oft. Die Familie mit den Kindern Lena (9 Jahre) und Jonathan (7 Monate) wohnt im kleinen Nebelschützer Ortsteil Wendischbaselitz - ein sorbisches Dorf mit Feldern, Wiesen und Wäldern sowie kleinen Teichen oder Steinbrüchen ringsherum. Es ist eine ländliche Idylle ohne Stadttrubel und Straßenlärm. 

Doch so schön die ländliche Idylle auch sein mag - was kann man in der Freizeit machen? Beim Familienkompass der Sächsischen Zeitung ergibt die Befragung der Eltern aus Crostwitz, Elstra, Nebelschütz, Panschwitz-Kuckau, Räckelwitz und Ralbitz-Rosenthal, dass es im Großen und Ganzen für Familien in sorbischen Dörfern okay ist. Schlecht bewertet wird allerdings das Freizeitangebot. Während in Sachsen insgesamt die Frage nach den Freizeitmöglichkeiten mit einem Notendurchschnitt von 2,74 bewertet wurde, liegt diese Note in den sorbischen Gemeinden bei 3,49 - ist also deutlich schlechter. Auch bei den Vereinsangeboten klafft eine Schere. In Gesamtsachsen wurde die Note 2,74 vergeben, im Sorbenland die Note 3,36.

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Sicherheitsmängel auf dem Spielplatz

Lena ist ein aufgeschlossenes Mädchen. "Nach der Schule, wenn die Hausaufgaben gemacht sind, spiele ich mit Freundinnen draußen am Haus. Entweder wir sind bei uns oder bei den Freunden im Garten, oder wir fahren mit Inlinern", erzählt die Neunjährige. Auf den Spielplatz im Ort gehen die Freundinnen selten. Da gibt es zwar ein Drehscheiben-Karussell, ein Kletternetz mit Stange,  eine Rutsche, eine Schaukel sowie zwei Schaukelfiguren, aber so richtig in Ordnung sind die Geräte nicht.

Die Sicherheit lasse einiges zu wünschen übrig, sagt Kristin Lehmann. Da sind zum Beispiel Schrauben locker. Die Figuren könne man gar nicht mehr benutzen.  Vor etwa zwei Jahren hatten die Väter im Dorf den Spielplatz in Ordnung gebracht. "Die Gemeinde hat da nichts gemacht", sagt Philipp Obst. 

Der ehrenamtliche Bürgermeister von Nebelschütz Thomas Zschornak (CDU) berichtet, dass es in allen Ortsteilen, also Nebelschütz, Wendischbaselitz, Miltitz, Dürrwicknitz und Piskowitz, einen Spielplatz sowie einen Sport- oder Bolzplatz gibt. "In manchen Ortsteilen haben wir auch einen Volleyballplatz", sagt er. Oft seien es Eltern oder andere Bürger im Ort, die für die Ordnung auf den Plätzen sorgen.

So berichtet er von einer Initiative aus Piskowitz. Dort haben Eltern vor einigen Jahren einen Spielplatz gegenüber dem Schloss angelegt. Jetzt soll er von ihnen wieder aufgepeppt werden. Eine Mutti aus Piskowitz hat sich bei der MDR-Höreraktion "Wünsche werden wahr" beworben und gewonnen. "Sie wünscht sich Unterstützung für die Sanierung des alten Spielplatzes im Ort", heißt es vom MDR. Jetzt soll mit den Familien beraten werden, was genau am Spielplatz  gemacht wird.

Vereine organisieren viele Veranstaltungen

Doch zurück zu unserer Familie in Wendischbaselitz. "Im Ort selbst gibt es keine Möglichkeiten, etwas zu unternehmen", erzählt Kristin Lehmann. Also setzen sich die vier oft ins Auto. Ins Kino geht es nach Hoyerswerda, auch der Zoo dort ist ein Ausflugsziel. Lena fährt mit ihrem Papa in die Freibäder nach Burkau oder Großröhrsdorf. "Im Sommer waren wir  auch am Bärwalder See", so Philipp Obst, der Lebensgefährte von Kristin Lehmann. Lena fährt mit Oma Anke manchmal an die nahe gelegene Kiesgrube Piskowitz zum Baden.

Zum Eisessen lockt ein Kamenzer Café, und zum Bowlen geht es nach Elstra. "Wir haben auch schon Kindergeburtstage im Café Valentin in Bautzen oder im Playport in Dresden gefeiert", so Kristin Lehmann. Es gibt also Freizeitmöglichkeiten in der näheren und weiteren Umgebung von Wendischbaselitz - alles ist aber mit Fahren verbunden. 

Die Familie nennt auch Vereine, die es in den Orten gibt: Fußball-, Volleyball- oder Karnevalsverein. Doch dort sind sie nicht mit dabei.  Als besonders aktiv schätzen sie den Jugendclub in Wendischbaselitz ein, für den Lena aber noch zu jung ist. "Ab 14 Jahre kann man da mitmachen", erzählt Kristin Lehmann. Jeder im Ort sei willkommen, und es werden viele Veranstaltungen organisiert. Als Beispiel nennt sie die Clubteichparty, das Maibaumwerfen oder das Hexenbrennen. Wenn Lena alt genug ist, wird sie bestimmt beim Jugendclub mitmachen.

Jugendclubs in allen Ortsteilen

Jugendclubs gibt es in allen Ortsteilen, bestätigt Thomas Zschornak. Diese werden von den Jugendlichen selbst verwaltet. "Mit Arbeitseinsätzen bringen die jungen Leute die Clubs selbst in Ordnung", so der Bürgermeister. Mit 30 Prozent beteiligt sich die Gemeinde an den Betriebskosten. Auch im Rahmen der Vereinsförderung gibt es Geld für die Clubs.

Thomas Zschornak zählt einige andere Aktivitäten in der Gemeinde auf, die den Familien zugute kommen: der Verein "Steinleicht", der Kindern und Jugendlichen Angebote unterbreitet, die Sportvereine, ehrenamtliche Initiativen, die zum Beispiel einen Flohmarkt für Kindersachen oder Dorffeste organisieren, eine Kooperation mit der Volkshochschule. "Ein kulturelles Leben findet dann statt, wenn Menschen selbst Hand anlegen", sagt der Bürgermeister. "Es ist die Gemeinschaft im Dorf, die die größte Rolle spielt."

Kristin Lehmann und Philipp Obst haben sich im Garten am Haus selbst ein kleines Kinderparadies geschaffen. Erst in diesem Jahr wurde das Haus von Pippi Langstrumpf aufgebaut. Es ist ein Spielturm mit Klettergerüst, einem Haus in luftiger Höhe, einer Rutsche und einer Nestschaukel. Sie selbst haben das Haus mit bunten Farben angemalt. "Es ist unsere Villa Kunterbunt", erzählt Lena. Im Sommer steht außerdem ein großer Pool im Garten, dazu kommt ein Trampolin. Viel Zeit wird also im Garten verbracht, oder die Familie setzt sich aufs Rad und erkundet die nähere Umgebung. Und ein Picknick gehört immer mit dazu. 

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