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Kamenzer Firma will wertvolle Metalle retten

Liofit repariert Batterien für E-Bikes. Zu alte Akkus werden bisher verbrannt. Um das zu ändern, investiert das Unternehmen jetzt Millionen - und schafft neue Jobs.

Ralph Günther gründete in Kamenz auf der Nordstraße vor sieben Jahren das Unternehmen Liofit. Jetzt erhielt die Firma eine Fördergeld-Zusage für ein neues Projekt. Damit sollen wertvolle Rohstoffe aus alten E-Bike-Akkus gewonnen werden.
Ralph Günther gründete in Kamenz auf der Nordstraße vor sieben Jahren das Unternehmen Liofit. Jetzt erhielt die Firma eine Fördergeld-Zusage für ein neues Projekt. Damit sollen wertvolle Rohstoffe aus alten E-Bike-Akkus gewonnen werden. © René Plaul

Kamenz. Die noch junge Kamenzer Firma Liofit trägt ihr Geschäftsfeld im Namen: Die 25 Mitarbeiter machen gebrauchte Fahrrad-Akkus wieder fit – auf Lithium-Ionen-Basis. Räder mit Elektroantrieb liegen im Trend. Wenn der Akku schlappmacht, dann kommen die Kamenzer ins Spiel. Sie verschaffen den Batteriepaketen ein zweites Leben oder bereiten sie fürs Recycling der Rohstoffe auf.

Jetzt hat die Firma noch viel mehr vor. Dabei geht es um europäische Dimensionen, um den Aufbau einer europäischen Batteriezellfertigung mit allem, was dazu gehört. Bund und Land fördern solche Projekte jetzt – unter anderem in der Oberlausitz, wie Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) kürzlich ankündigte.

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Der Großröhrsdorfer Hersteller von Energiespeichern Skeleton soll Teil der Strategie werden und ebenso die Firma Liofit. Als kleiner Mittelständler stehe er in einer Reihe mit Tesla und BMW, freut sich Geschäftsführer Ralf Günther. Er sei schon ein bisschen stolz, dass „unser Projekt mit ausgewählt wurde". Die Akkuproduktion sei für die EU von strategischem Interesse , schätzt er ein.

Akkus werden zu grauen Schnipseln

Der Firmengründer holt eine Handvoll grauer Schnipsel aus einer Tüte, die Schwarzmasse, wie der Fachmann sagt. Es sind zerkleinerte Akkuzellen. In ihnen liegt der Schlüssel zur Idee der Kamenzer Firma. Die fährt bei der Verwertung gebrauchter E-Bike-Akkus schon heute mehrgleisig. Eine Methode ist es, die „müden“ Zellpakete auszutauschen. Danach sind die Akkus wieder einsatzbereit.

Die Kamenzer sind aber inzwischen auch in der Lage, die nötige Steuerungselektronik nicht nur zu reparieren, sondern selbst herzustellen: „Das war ein riesen Schritt gegenüber der Konkurrenz“, so Günther. Es gebe etwa zehn Mitbewerber auf dem Sektor: „Wir machen aber ein paar Sachen anders“, sagt der Unternehmer.

Dafür musste bereits umfangreiches Know-how entwickelt werden. Liofit investierte in Teststationen, ließ sich zertifizieren, schult die Mitarbeiter. Die brauchen einige Spezialkenntnisse. Wie Kommunikationselektriker Dirk Hensel. Er testet die Steuerteile und entscheidet, ob sie zu retten sind. Dann greift er zum Lötkolben und tauscht winzige Bauteile aus. Ein paar Meter weiter verbindet eine Mitarbeiterin am Punktschweißgerät einzelne Batteriezellen zu großen Paketen, dass es nur so funkt.

Mit Metallplättchen werden einzelne Zellen zu Akkupaketen zusammengeschweißt.
Mit Metallplättchen werden einzelne Zellen zu Akkupaketen zusammengeschweißt. © René Plaul

Ist die Reparatur unmöglich, werden verschlissene Fahrrad-Akkus zerlegt und für die Wiederverwertung der Rohstoffe aufbereitet. Liofit arbeitet dabei mit Recyclingfirmen zusammen. Für sie trennen die Mitarbeiter Gehäuse, Elektronik, Metall und Kunststoffteile.

Die Zellpakete werden derzeit noch verbrannt. „Dabei lassen sich aber nur 30 Prozent der Metalle herausholen“, sagt Ralf Günther. Da müsse mehr drin sein, um die Ressourcen zu schonen. Es geht um Lithium, um Aluminium und um Eisen, die bisher als Schlacke im Straßenbau enden. Eine Verschwendung, bezeichnet es Ralf Günther.

Statt der Verbrennung sei der Schlüssel eine mechanische Aufbereitung. Liofit plant dafür einen Neubau und die Anschaffung der entsprechenden Technik. Das sind insbesondere Schredder.

Reststrom wird ins Netz eingespeist

Bevor die Batteriezellen dort hineinkommen, muss die Elektrolytlösung herausgezogen werden. „Außerdem werden die Zellen komplett entladen“, so Günther, um gefährliche Reaktionen in den Schreddern vorzubeugen. Sogar der Reststrom verschwinde nicht ungenutzt, sondern werde ins Netz eingespeist. Zehn Akkupakete bringen etwa eine Kilowattstunde. Damit könnte man eine Stunde staubsaugen.

Liofit gebe die Vorprodukte dann an Recyclingpartner weiter. In chemischen Prozessen werden die Metalle dort zurückgewonnen.

Die Kamenzer planen mit einer Investitionssumme von gut fünf Millionen Euro. Bund und Land wollen das Projekt finanziell unterstützen. Es sei das erste Mal, dass seine kleine Firma eine solche Förderung erhalte, betont Ralf Günther. Subventioniert werde nur die Entwicklung des technischen Know-hows.

Standort für Neubau wird gesucht

Die Firma werde mindestens 13 neue Jobs schaffen. Der Chef rechnet aber mit deutlich mehr. Vor sieben Jahren startete er mit einem Team aus drei Leuten. Nach dem Aus für das Arzneimittelwerk Dresden im Jahr 2011 suchte der promovierte Chemiker eine neue Aufgabe.

Ein Tipp habe ihn auf die Akku-Schiene gebracht. Die sei ein Wachstumsmarkt. Inzwischen liege der Jahresumsatz bei 1,5 Millionen Euro. Die Firma reparierte 2020 rund 6.000 Fahrrad-Akkus und bringt in Kleinserien bis zu 150 aus eigener Herstellung auf den Markt. Die Aufträge kommen zu 95 Prozent aus Deutschland. Außerdem aus Nachbarländern wie Frankreich, der Schweiz und Österreich.

Inzwischen ist auch Sohn Rico Günther, Maschinenbau-Ingenieur, ins Unternehmen eingestiegen. Er sei es, der die Firma jetzt besonders vorantreibe: „Wir müssen uns entwickeln“. Einen tüchtigen Schub soll es jetzt geben. Bis März soll klar sein, wo die neue Recycling-Linie in Kamenz aufgebaut wird, sagt Ralf Günther: „Wir suchen einen geeigneten Standort.“

Solche Platinen für die E-Bike-Akkus stellt die Kamenzer Firma inzwischen selbst her.
Solche Platinen für die E-Bike-Akkus stellt die Kamenzer Firma inzwischen selbst her. © René Plaul

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