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Der Königsbrücker Geschichten-Maler

Ralph-Klaus Winkler verfasst Bücher zur Geschichte von Königsbrück. Dafür sichtet er Tausende Seiten in Archiven - und verhilft alten Fotos zu Farbe.

Von Heike Garten
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Ralph-Klaus Winkler aus Königsbrück zeigt das Buch, das er in diesem Jahr herausgebracht hat. Der Autor beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte seiner Stadt.
Ralph-Klaus Winkler aus Königsbrück zeigt das Buch, das er in diesem Jahr herausgebracht hat. Der Autor beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte seiner Stadt. © Matthias Schumann

Königsbrück. Die Geschichte der Stadt Königsbrück ist bis zur Wende 1989 vor allem geprägt durch das Militär. Ab 1892 gab es hier einen Infanterieschießplatz für die sächsische Armee, später kamen Kasernen, ein Truppenübungsplatz und Lager für Kriegsgefangene hinzu. 1945 wurden die Einrichtungen von der Roten Armee übernommen. Die Sowjetunion nutzte das Areal in Königsbrück bis zum Ende der DDR. Einen großen Teil dieser Geschichte für die Nachwelt festzuhalten, dieser Aufgabe hat sich Ralph-Klaus Winkler verschrieben. Für seine Bücher recherchiert der 73-Jährige selbst, schreibt Texte und sucht Fotos heraus.

„Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert, vor allem für Militärgeschichte“, sagt Winkler, der bis 1990 als Schriftmaler gearbeitet hat. Bevor er sich speziell mit Themen seiner Heimatstadt beschäftigte, veröffentlichte er bereits Texte in Fachzeitschriften. Vor ein paar Jahren schlug seine Frau ihm dann vor, doch auch mal etwas zur Geschichte von Königsbrück in Angriff zu nehmen. „Heutige Generationen sollen erfahren, was Königsbrück früher geprägt hat“, sagt Angelika Winkler.

„Bislang lagen überhaupt noch keine ausführlichen Publikationen zur Geschichte des Kriegsgefangenlagers und des Kriegsgefangenen-Friedhofes vor“, sagt Ralph-Klaus Winkler. Immerhin waren bis zu 15.000 Gefangene verschiedener Nationalitäten in Königsbrück untergebracht. Vielen Einwohnern sei dies gar nicht mehr bekannt, und Zeitzeugen gebe es mittlerweile nicht mehr.

Das Foto im Original: verwundete Kriegsgefangene im Alten Lager in Königsbrück .
Das Foto im Original: verwundete Kriegsgefangene im Alten Lager in Königsbrück . © privat

Für den Autor begann eine Sisyphusarbeit, immer unterstützt von seiner Frau, da er selbst auf einen Rollstuhl angewiesen ist. „Für die Recherche habe ich mehrere Tausend Aktenseiten im sächsischen Staatsarchiv in Dresden durchgesehen und über 800 Kopien angefertigt“, berichtet Winkler.

Viel Unterstützung erhielt er auch von Ute Steckel, der Leiterin des Stadtarchives von Königsbrück. Und dann konnte er sich noch auf die Erzählungen seiner Oma stützen, in denen vor allem die kleinen, alltäglichen Episoden eine Rolle spielen. Auch sie sind in den Publikationen von Ralph-Klaus Winkler zu finden.

Seine ersten Bücher entstanden, wie man es von selbst gestalteten Fotobüchern kennt. Es werden Fotos herausgesucht und auf den Seiten platziert, die Texte dazugeschrieben. „Das ist alles eine sehr zeitaufwendige und letztlich kostspielige Angelegenheit“, sagt Ralph-Klaus Winkler.

Dazu kommt, dass er die Schwarz-weiß-Fotos selbst nachkoloriert. „Die Kolorierung ist ein ernsthafter Versuch meinerseits, Dinge zu ergänzen, die Fotografen in früherer Zeit nicht möglich waren - nämlich Farbe zu zeigen“, sagt der Autor. Dabei seien ihm Literatur und auch die Bestandslisten aus den Lagern, in denen auch die Regimentszugehörigkeit angegeben ist, hilfreich.

So sieht das Foto aus, nachdem es Ralph-Klaus Winkler nachkoloriert hat: Bei den Farben orientiert er sich an verschiedenen Quellen aus Archiven.
So sieht das Foto aus, nachdem es Ralph-Klaus Winkler nachkoloriert hat: Bei den Farben orientiert er sich an verschiedenen Quellen aus Archiven. © privat

Jeden Tag setzt sich Ralph-Klaus Winkler an seinen großen Schreibtisch im Wohnzimmer, schreibt, recherchiert, koloriert. Nach dem Aufstehen schaltet er immer zuerst den Computer an, noch vor dem Frühstück. Die Beschäftigung mit Geschichte ist für ihn keine Arbeit, sondern ein Hobby, das ihm Spaß macht, das ihn erfüllt. „Ich habe genug zu tun und könnte fünf Leben leben“, sagt er.

Etwa zehn Bücher sind in den vergangenen Jahren von ihm erschienen, das letzte erst im Herbst. Dabei handelt es sich um den dritten Teil einer Reihe zur Geschichte von Königsbrück vor dem ersten Weltkrieg. Ein anderes Buch beschäftigt sich mit dem Kriegsgefangenenfriedhof und dem Kriegsgefangenenlager zwischen 1914 und 1919. Vor drei Jahren gehörte Winkler mit dieser Arbeit zu den Gewinnern beim Wettbewerb zum sächsischen Landespreis für Heimatforschung.

Erst kürzlich sorgten seine Veröffentlichungen zum Friedhof für Aufmerksamkeit. So besuchten die Botschafterin der Republik Serbien, Dr. Snezana Jankovic, und der Verteidigungsattaché, Oberst Nenad Milojevic, den Friedhof, um der in Königsbrück beerdigten serbischen Soldaten zu gedenken. Dabei schenkte Ralph-Klaus Winkler den Gästen sein Buch zur Geschichte der serbischen Kriegsgefangenen und bekam prompt eine Einladung in die Botschaft nach Berlin.

„Wenn Corona vorbei ist, werden meine Frau und ich dieser Einladung bestimmt nachkommen.“ Doch bis dahin geht es mit dem nächsten Projekt weiter - Winkler erforscht die Geschichte der indischen Legion in Königsbrück.