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Eine Stunde warten auf den Schulbus

Der Familienkompass zeigt: Für viele Schüler in Oßling und Schwepnitz ist der Schulweg ein Problem. Doch nicht nur sie leiden unter der schlechten Busanbindung.

Lena, Susann und Selina (v. l.) sind frustriert, wenn sie an ihren Schulweg denken. Denn die Busverbindung von Oßling nach Lieske passt oft nicht zu den Unterrichtszeiten.
Lena, Susann und Selina (v. l.) sind frustriert, wenn sie an ihren Schulweg denken. Denn die Busverbindung von Oßling nach Lieske passt oft nicht zu den Unterrichtszeiten. © Matthias Schumann

Oßling/Schwepnitz. Lena, Susann und und Selina sind frustriert. Um 13 Uhr hat es zum Schulschluss an der Freien Mittelschule in Oßling geklingelt. Für die 15-Jährigen könnte es jetzt also schnell nach Hause gehen, und sie hätten noch den ganzen Nachmittag Zeit. Zeit für die Hausaufgaben, zum Chillen, zum Sport und um sich mit Freunden zu treffen. Doch der Schulbus in ihren Heimatort Lieske fährt erst um 13.58 Uhr. Also heißt es Warten für die drei Mädchen aus Lieske. Eine Stunde ihrer Freizeit geht verloren. 

"Meistens entscheiden sie sich, ein Elternteil anzurufen, damit sie mit dem Auto abgeholt werden", erzählt Daniela Trepte, die Mutter von Lena und Susann. Ohne Fahrgemeinschaften fürs Elterntaxi geht in dem kleinen Ort fast gar nichts. Dabei ist Lieske von Oßling nur etwa zwei Kilometer entfernt. Manchmal laufen die Mädchen auch.  

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So wie Familie Trepte geht es vielen in der Region um Oßling, Schwepnitz und Neukirch. Die Befragung im Rahmen des Familienkompasses der Sächsischen Zeitung in Zusammenarbeit mit der evangelischen Hochschule Dresden hat extrem schlechte Werte für die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) ergeben. Während im Sachsen-Durchschnitt eine Note von 2,22 erreicht wurde, liegt diese Note für die oben genannten Gemeinden bei 3,74. Das ist der schlechteste Wert im Landkreis Bautzen. 60 Prozent der Befragten in Oßling, Schwepnitz und Neukirch sind mit dem ÖPNV unzufrieden. 

Haltestellen werden nicht angefahren

Der Oßlinger Bürgermeister Johannes Nitzsche (Wählervereinigung BZG) kennt die Situation. "Der Schülerverkehr ist gesichert, auch wenn die Fahrzeiten der Busse oft nicht zu den Schulbeginn- oder Schulendzeiten passen", sagt er. Auf dem Land sei das auch nicht einfach zu realisieren. Allein zu seiner Gemeinde gehören die Ortsteile Döbra, Liebegast, Lieske, Milstrich, Oßling, Weißig, Scheckthal, Skaska und Trado - darunter kleinere Dörfer, die nicht an den Hauptverkehrsstraßen liegen. "Meist fahren Busse nur, weil die Kinder in die Schule müssen. Ansonsten gibt es so gut wie keine Verbindungen, gerade am Wochenende", so Johannes Nitzsche. 

In den einzelnen Ortsteilen gibt es unterschiedliche Probleme. So passiert es, dass die Busse zu spät kommen, mit der Folge, dass die Kinder den Unterrichtsbeginn verpassen oder ihren Anschlussbus nicht kriegen, berichtet der Ortschaftsrat von Trado. Der Dorfclub-Vorsitzende von Scheckthal, Hagen Bomsdorf, ergänzt, dass die Haltestelle mitunter gar nicht angefahren wird, und die Eltern dann ihre Kinder zum Anschlussbus bringen müssen. Der Ortsvorsteher von Döbra, Norbert Beller, fordert einen Stundentakt für die Buslinie, um die Schülerbeförderung zu gewährleisten.

Die Verantwortlichen der Freien evangelischen Schulen in Oßling haben darauf reagiert: Die Einrichtung hat schon vor Jahren vier Kleintransporter angeschafft, die bei Bedarf Kinder von zu Hause abholen oder wieder zurückbringen. 

Anschlussbus wird oft verpasst

Die Situation mit dem öffentlichen Nahverkehr ist in Schwepnitz dieselbe. Familie Kazus-Ernst wohnt in Grüngräbchen, Tochter Antonia besucht das Gymnasium in Hoyerswerda, Mama Agnieszka arbeitet in Schwepnitz.  Das ist ein Glück, denn so kann sie ihre Tochter morgens mit zum Bus nach Schwepnitz nehmen, wenn der Unterricht erst zur zweiten Stunde beginnt. Von dort geht es dann nach Hoyerswerda, wo der Bus 8.21 Uhr ankommt. Müsste Antonia mit dem Bus von Grüngräbchen fahren, hätte sie in Schwepnitz einen Aufenthalt von 40 Minuten.

"Auf der Heimtour hat unsere Tochter oft Pech. Der Bus von Hoyerswerda hat Verspätung, und sie schafft den Anschluss nach Grüngräbchen nicht", erklärt Agnieszka Kazus-Ernst. Laut Fahrplan kommt der Bus in Schwepnitz 14.02 Uhr an, nur eine Minute später fährt der andere dann in Richtung Heimatort. "Dann ruft Antonia mich oder meinen Mann an, und wir versuchen, dass jemand fährt", erzählt die Mutter. Oft seien die Busse auch übervoll, vor allem im Abschnitt zwischen Hoyerswerda und Bernsdorf.

Ohne Auto auf dem Land aufgeschmissen

Die Probleme mit dem öffentlichen Nahverkehr kennt auch die Schwepnitzer Bürgermeisterin Elke Röthig (parteilos). Und sie hat nicht nur die Schüler im Blick, sondern auch die Berufstätigen, die in Schwepnitz arbeiten,  wo es zahlreiche Unternehmen gibt. Sie würden nicht nur aus Sachsen kommen, sondern häufig auch aus Brandenburg. "Ländergrenzen werden überschritten, was zu einem echten Problem beim öffentlichen Nahverkehr wird", weiß die Bürgermeisterin. So würde sich die Gemeinde wünschen, dass es direkte Verbindungen zu den Bahnhöfen in Ruhland und Hohenbocka gibt. Doch Fehlanzeige. Man komme zwar mit dem Bus nach Königsbrück und dann mit dem Zug nach Dresden - aber eben nicht in die andere Richtung.

Die Bürgermeisterin hat zu diesem Problem schon mehrfach mit der Bautzener Vize-Landrätin Birgit Weber (parteilos) gesprochen. "Sie unterstützt uns zwar in unseren Bemühungen, aber das Problem ist damit nicht gelöst", so Elke Röthig. Also bleibt es dabei: Ohne Auto ist man auf dem Land aufgeschmissen. 

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