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PLUS Familienkompass 2020 Kamenz

„Kitabeiträge sollten die Hälfte kosten“

Viele Eltern in Kamenz bewerten die Kinderbetreuung kritisch. Marita Lehmann ist im Kinderschutz aktiv und kennt die Probleme.

Als Vorsitzende des Kinderschutzbundes kennt Marita Lehmann die Probleme in den Kitas. Sie wirbt für eine bessere Kommunikation mit den Eltern.
Als Vorsitzende des Kinderschutzbundes kennt Marita Lehmann die Probleme in den Kitas. Sie wirbt für eine bessere Kommunikation mit den Eltern. © René Plaul

Kamenz. Marita Lehmann hat ein Herz für Kinder. Deshalb engagiert sich die 67-Jährige beim Kamenzer Kinderschutzbund und ist als Begleiterin in Kindertagesstätten der Stadt und der Umgebung unterwegs. Ihre Themen sind Bewegung für Kinder bis zu sechs Jahren und eine gute Kommunikation – mit den Kindern und Eltern. So kennt die Kamenzerin auch die Probleme in den Kitas.

Und die gibt es durchaus. Das bestätigt der Familienkompass Sachsen. Er ist die bislang die größte Befragung zur Familienfreundlichkeit in Sachsen. In den meisten Bereichen der Umfrage liegt die Stadt Kamenz im Sachsendurchschnitt zwischen den Schulnoten 2 und 3. Überdurchschnittlich gut bewerteten die Kamenzer das Wohnen mit relativ niedrigen Kosten. Viel Lob gibt es außerdem für die Ganztagsangeboten der Schulen.

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Kritisch wird die Kita-Situation eingeschätzt. Es hagelt keine Fünfen, aber Kamenz kratzt am kritischen roten Notenbereich unterhalb des Durchschnitts in Sachsen. Dort tendieren die Befragten zum Gut, die Kamenzer Richtung befriedigend, auch teilweise schlechter. Marita Lehmann sieht in schlechter Kommunikation einen Schlüssel für viele Probleme.

Frau Lehmann, ein Punkt, der die Note drückt ist der Kitabeitrag mit einer fast glatten Vier. Sind die Kitas zu teuer?

Ja, es sind schon heftige Preise. Wobei ich der Meinung bin, die Kita sollte nicht kostenlos sein, der Preis aber deutlich reduziert, maximal die Hälfte. Wenn ein Krippenplatz in Kamenz ab kommendem Jahr 240 Euro für neun Stunden im Monat kostet, wären es halbiert 120 Euro, selbst das ist immer noch viel. Es gibt Bundesländer, die elternfreundlichere Wege gehen. Sachsen sollte auch darüber nachdenken, um Familien zu entlasten. 

Auch die kurzen Öffnungszeiten wurden kritisiert. Die meisten Kitas haben zwischen 6 und 17 Uhr geöffnet, in wenigen nur bis 16.30 Uhr, in einer Kita bei Bedarf bis 18 Uhr. Sind die Öffnungszeiten zu kurz?

Der Bedarf ist ermittelt worden und liegt schon im Wesentlichen in der Zeit von 6 bis 17 Uhr, teilweise bis 18 Uhr. Je nach Familiensituation ändern sich die Ansprüche der Eltern ja auch immer wieder.

Was ist, wenn die alleinstehende Mutter bis 19 Uhr an der Ladenkasse sitzt. Wäre eine Spät-Kita für bestimmte Eltern eine Lösung, sollte man das testen?

Warum nicht. Es wäre sicher eine Möglichkeit. Es wurde auch bereits diskutiert, und es gab Für und Wider. Aber eine Spät-Kita wäre nicht meine bevorzugte Lösung. Ich denke, Eltern suchen sich sehr bewusst eine Kita aus, nach den Angeboten, dem pädagogischen Konzept oder weil ein Geschwisterchen schon dort betreut wird. Wenn man miteinander spricht, lässt sich oftmals viel erreichen. Mangelnde Kommunikation könnte eine Ursache für die schlechte Note sein. Es braucht natürlich auch genug Personal.

Fehlt es an an Personal?

Die Kitas kommen immer wieder an die Grenze. Es fehlt nach wie vor an wichtigen Voraussetzungen, die der Freistaat schaffen müsste. So wurden bei den Personalkonzepten Krankheit und Urlaub nicht mit berechnet, was immer wieder zu Engpässen führt.

Wer soll das alles bezahlen?

Der Freistaat gibt so viel Geld für die unterschiedlichsten Projekte aus. Die Kinder, die Familien, sollten uns aber besonders wichtig sein. Am besten wäre es ohnehin, wenn Kinder erst mit zwei Jahren in die Kita kommen würden, das würde Spielraum verschaffen. Der Freistaat sollte es den Eltern unbedingt ermöglichen und finanziell abfedern. Ein Kitaplatz ist ja auch nicht billig. Das gesparte Geld könnte doch durchgereicht werden.

Sie sprachen die Kommunikation an. Da wird ebenfalls über Defizite geklagt. Auch haben Eltern, das Gefühl nicht ordentlich informiert und mit ihren Hinweisen einbezogen zu sein. Wo sehen sie Ursachen?

Da sehe ich durchaus Unterschiede in den Einrichtungen, die ich kenne. Es gibt nicht immer gleich eine Lösung, aber es ist wichtig, die Eltern mit ihren Sorgen und Vorschlägen ernst zu nehmen und sehr wertschätzend miteinander umzugehen. Eben nicht nur schnell zwischen Tür und Angel ein paar Worte zu wechseln, wie es vorkommt. Und es reicht oftmals nicht, darauf zu verweisen: „Haben Sie den Aushang nicht gelesen!“ Der ist leicht zu übersehen. Auch hier hilft reden und dabei richtig reagieren, sich nicht angegriffen fühlen und gleich Kontra geben. So lassen sich viele Dinge aus der Welt schaffen, wo sich Frust aufstauen könnte. Aber dafür muss die Zeit sein.

Also ist wieder der Staat gefragt?

Richtig. Wenn eine Erzieherin nicht weiß, wo ihr der Kopf steht, dann ist es schwer, den Kopf frei zu bekommen für die Eltern. Denn das Aufgabenpensum ist erheblich gewachsen. So sind wir schon wieder beim Personal und dem Freistaat.

Vielleicht muss sich auch in der Ausbildung etwas ändern?

Ja, die ist ein langer Weg mit viel Theorie. Die Praxis muss mehr Raum bekommen. Außerdem erhalten die Auszubildenden keine Vergütung, bestenfalls Bafög. Darüber sollte nachgedacht werden. Aber letztlich muss man den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers im Herzen haben, sonst wird es schwer.

Die Ausstattung ist ebenfalls ein Thema. Sie kommen viel rum. Wo sehen sie Defizite?

Es gibt noch einigen Nachholbedarf. Wenn ich da an manche Sanitäranlage denke, manches Mobiliar oder Räume, die renoviert werden sollten. Die Kommune kann das nur Stück für Stück in Angriff nehmen. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht immer nur darauf ankommt, dass alles das Modernste und Schönste ist.

Was dann?

Die Kinder müssen sich wohlfühlen. Mit Kreativität lässt sich da viel Atmosphäre in die Kita bringen. Themenräume sind ein Stichwort. Die können gemeinsam mit den Kindern geschaffen werden. Ich sage immer, der Raum ist der dritte Erzieher. Da gibt es viele Reserven. Solche Räume können zum Experimentieren sein, für Rollenspiele, ein Bewegungsraum. Die Eltern können mit ins Boot geholt werden. Das muss nicht teuer sein. 

Welche Meinung habe Sie zur Situation der Kitas in Kamenz? Schreiben Sie an [email protected]

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