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Diesem jungen Mann gehen nie die Argumente aus

Jakob Holling aus Ohorn ist Sachsens bester Debattierer. Bei Wettbewerben kann er aber nicht immer seine eigene Meinung vertreten.

Selbstbewusst und immer mit den richtigen Argumenten: Jakob Holling aus Ohorn ist Sachsens bester Debattierer.
Selbstbewusst und immer mit den richtigen Argumenten: Jakob Holling aus Ohorn ist Sachsens bester Debattierer. © René Plaul

Ohorn/Großröhrsdorf. Er wirkt entspannt und selbstbewusst zugleich. In schwarzen Jeans und Kapuzenpullover schlendert Jakob Holling über den Platz vor dem Lokal Harlekin in Pulsnitz. Ein Gespräch zu starten – für ihn kein Problem. Der junge Mann weiß sich auszudrücken – vollständige Sätze, kaum eine Pause zwischen den Wörtern. Dieser Umgang mit der deutschen Sprache kommt nicht von ungefähr. Jakob Holling ist der beste Debattierer Sachsens in der Altersgruppe der Elft- bis Dreizehntklässler. Beim Landesfinale „Jugend debattiert“ ließ er in mehreren Runden die anderen Teilnehmer hinter sich.

Der 18-Jährige besucht die zwölfte Klasse des Sauberbruch-Gymnasiums in Großröhrsdorf. Derzeit stehen die mündlichen Abiturprüfungen auf dem Programm. Jakob Holling bereitet sich darauf vor, Angst hat er keine. „Auf dem Zeugnis sollte schon eine Eins vor dem Komma stehen, aber das werde ich hoffentlich schaffen“, sagt er.

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Großröhrsdorfer Schule hat einen Debattierclub

Das Gymnasium in Großröhrsdorf besucht er seit der fünften Klasse. An der Schule gibt es einen Debattierclub. Die Schüler lernen, sich mit Argumenten für ein Thema oder eine Maßnahme einzusetzen oder dagegen zu sein. Dabei wird nicht danach gefragt, ob man selbst die Meinung vertritt, sondern man muss die richtigen Argumente finden. Es gibt also immer ein Pro und ein Kontra zu einer Frage. Ein Beispiel: Debattiert wird die Frage, ob Krankenhäuser ohne Gewinnerzielungsabsicht betrieben werden sollen. Ein Schüler argumentiert dafür, einer dagegen, egal, ob man selbst die Befreiung von Gewinnen für sinnvoll hält oder nicht.

In der achten Klasse wurde Jakob Holling von René Dörnbrack, Chef des Debattierclubs und Lehrer an der Schule, gefragt, ob er mitmachen wolle. Jakob Holling fand die Idee gut und fing an zu debattieren. Das freie Reden ist allerdings nur die eine Seite bei diesem Hobby. „Ausschlaggebend ist, dass man sich intensiv mit dem vorgegebenen Thema beschäftigt. Man muss wissen, wovon man spricht, braucht Argumente“, sagt der junge Mann. Er selbst arbeitet dabei viel im Internet, schaut sich die rechtliche Situation an, recherchiert, was Parteien oder Experten zu einem Thema sagen, und liest sich in Foren rein.

Das alles ist zeitaufwendig, aber unabdingbar. „Einfach nur drauflos schwafeln, geht nicht“, sagt Jakob Holling. Das merken der Gegenüber und auch die Jury sofort. Bewertet werden dann bei einem Debattierwettbewerb Sachkenntnis, Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit und Überzeugungskraft.

Schweres Thema zum Landesfinale

Jakob Holling scheint dies alles bestens hinzukriegen. Er wurde in der aktuellen Wettbewerbsrunde erst von seinem Lehrer René Dörnbrack zum Regionalausscheid Dresden-Land geschickt und qualifizierte sich dort als Zweiter für das Landesfinale. Jeder Teilnehmer bekommt zum Wettbewerb drei Themen vorgegeben, auf die er sich vorbereitet. Letztlich musste sich Jakob im sächsischen Landesfinale mit einer politischen Frage auseinandersetzen: „Soll die Reichskriegsflagge verboten werden?“ – ein sehr aktuelles Thema.

Der Ohorner sollte seine Argumentation auf ein Verbot ausrichten. „Ich habe das gut hinbekommen, konnte vor allem im Bereich Gesprächsfähigkeit punkten“, erklärt er. Und das, obwohl er persönlich diese Meinung nicht vertritt. „Ich finde, dass es zahlreiche Ausweichflaggen gibt, und dass Rechtsextreme immer eine Variante finden, um sich zu präsentieren. Das Verbot einzelner Symbole bringt noch nicht die Ideologie, für die sie stehen, zum Verschwinden. Daher nutzt eine solche Maßnahme, die die Bekämpfung des Rechtsextremismus als Ziel hat, wenig“, sagt der 18-Jährige.

Das Landesfinale fand digital statt. Für den Sieg gab es 3eeine Urkunde und eine Einladung zu einem professionellen Rhetorik-Training. Viel wichtiger für Jakob Holling ist allerdings, dass er jetzt am Bundesfinale in Berlin im Juni teilnehmen kann – dann vielleicht im persönlichen Schlagabtausch mit den Besten aus ganz Deutschland.

In der Freizeit als Schiedsrichter aktiv

Auch René Dörnbrack ist begeistert von der Leistung seines Schützlings. „Jakob war ja einer, dem das Debattieren nicht in die Wiege gelegt worden ist. Er musste sich alles erarbeiten, war dankbar für jeden Hinweis und wurde von Jahr zu Jahr besser“, sagt der Lehrer. Auch für ihn ist der Sieg von Jakob eine Anerkennung.

Doch was tut der junge Mann außer Lernen und Debattieren sonst noch? In seiner Freizeit hat Jakob Holling viele Jahre in Pulsnitz Fußball gespielt. Jetzt ist er Schiedsrichter, wo man zwar auch Argumente benötigt, es aber vielmehr auf schnelle und sichere Entscheidung ankommt. „Als Schiedsrichter kann ich es mir nicht leisten, lange mit den Spielern zu diskutieren. Darunter leidet meine Akzeptanz auf dem Spielfeld“, sagt er selbst.

Seine Zukunft hat er klar im Blick. „Ich habe bereits einen Arbeitsvertrag unterschrieben, werde im dualen System internationales Management studieren“, sagt er. Ein späterer Weg in die Politik reizt ihn. „Doch dazu sollte man vorher erstmal Arbeitsluft geschnuppert haben“, sagt er. Man darf trotzdem gespannt bleiben, ob der Name Jakob Holling später einmal in der Öffentlichkeit auftaucht.

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