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Der Kanzel-Schatz von Kamenz

Das wichtigste bildkünstlerische Zeugnis der Reformation in der Oberlausitz wird gerade restauriert. Die Schönheitskur birgt auch Überraschungen.

Restauratorin Sigrun Freund legt hier gerade Hand an am "Jona mit Wal". Die Kanzel in der Kamenzer Kirche St. Marien wird seit vorigem Sommer restauriert.
Restauratorin Sigrun Freund legt hier gerade Hand an am "Jona mit Wal". Die Kanzel in der Kamenzer Kirche St. Marien wird seit vorigem Sommer restauriert. © René Plaul

Kamenz. Prophet Jesaja hält seine Säge fest in der Hand. Sie ist Instrument des Martyriums. Jesus Christus mit der Weltkugel lächelt milde neben ihm. Und König David hat die Harfe gezückt. Insgesamt fünf wundervolle Holzfiguren schmücken den Schalldeckel der Kanzel in der Kamenzer Hauptkirche St. Marien. Zahlreiche weitere Wappen, Engel, Tiergestalten und Evangelisten tun es ihnen gleich. Jahrelang fristete die Andreas-Dreßler-Kanzel aus Holz ein etwas unscheinbares Dasein. Dabei handelt es sich doch um einen echten Kirchenkunstschatz.

"Ich kann mir diese Kanzel oft ansehen und finde immer wieder Details", schwärmt Kirchenmusikdirektor Michael Pöche. Seitdem die aufwendige Restaurierung im letzten Jahr startete, schauten viele genauer hin. "Dahinter verbirgt sich so viel geschichtlicher Hintergrund", sagt Pöche. "Die Kanzel in der Hauptkirche ist das wichtigste bildkünstlerische Zeugnis der Reformation in der Oberlausitz. Ein echter Schatz!"

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Sinnbild für die Reformation in Kamenz

Der Künstler Andreas Dreßler schuf sie in den Jahren 1564 bis 1566. Er war der Sohn eines Kamenzer Schneiders. Zeit seines Lebens wirkte er hier als Maler und Bildschnitzer. Über 450 Jahre alt ist die Kanzel. "Ihre Entstehung fällt zeitlich zusammen mit dem Amtsantritt des Magisters Wolfgang Lindner aus Frankfurt/Oder", erzählt Michael Pöche. Der war der erste evangelische Pastor Primarius in Kamenz. "Man kann also sagen, dass ihre Fertigstellung ein Sinnbild für die Reformation in der Stadt war", sagt Pöche.

Vorher hatte es ein zähes Ringen um die Stellenbesetzung zwischen dem Rat der Stadt und dem Patronat des katholischen Klosters St. Marienstern gegeben. "Mit der Neugestaltung der Kanzel bekannte sich Kamenz nachdrücklich zur Reformation", sagt der Kirchenmusikdirektor.

Prophet Jona hat nun wieder Arme

Seit letztem Sommer liegt ihre Restaurierung in den Händen der Firma "Restaurierung + Farbdesign“ Freund aus Doberschau. Thomas Fauck wurde als erfahrener Holzbildhauer mit ins Boot geholt. An einigen Stellen konnte hellblaue Hintergrundfarbe, die übermalt war, freigelegt werden. Die durch Holzwurmbefall geschädigte Substanz wurde gereinigt und konserviert. Abgebrochene Zierelemente wurden angebracht sowie fehlende Schnitzereien ergänzt.

Bestes Beispiel dafür ist "Jona und der Wal" am Kanzelaufgang. Jona wollte sich einem Auftrag Gottes entziehen. Ein großer Fisch verschlingt ihn und speit ihn nach drei Tagen an Land wieder aus. Die Darstellung soll den Pfarrer beim Besteigen der Kanzel an seinen Sendungsauftrag gegenüber der Gemeinde erinnern. Doch Jonas Arme waren abgebrochen. Detailbezogen und nach vielen Absprachen mit der Denkmalschutzbehörde wurden neue angefertigt.

Die Restaurierung kostet 70.000 Euro. Sie wird durch das Sachgebiet Denkmalschutz des Landratsamtes gefördert. Ferner erhält die Kirchgemeinde Zuweisungen von der Landeskirche Sachsens. Auch der Kamenzer Kirchbauverein steuert Gelder bei. Und die Kirchgemeinde selbst.

Prophet Jesaja hält seine Säge fest in der Hand. Sie ist Instrument des Martyriums. Er ist Christus-Zeuge des Alten Testamentes.
Prophet Jesaja hält seine Säge fest in der Hand. Sie ist Instrument des Martyriums. Er ist Christus-Zeuge des Alten Testamentes. © René Plaul
Die Dreßler-Kanzel ist seit Monaten eingerüstet. Sie wird von der Firma Freund aus Doberschau restauriert.
Die Dreßler-Kanzel ist seit Monaten eingerüstet. Sie wird von der Firma Freund aus Doberschau restauriert. © René Plaul
Holzbildhauer Thomas Fauck wurde für die Arbeiten hinzugezogen, er klebt hier gerade Schmuckelemente der Kanzel mit erwärmtem Knochenleim an.
Holzbildhauer Thomas Fauck wurde für die Arbeiten hinzugezogen, er klebt hier gerade Schmuckelemente der Kanzel mit erwärmtem Knochenleim an. © René Plaul
Am Schalldeckel der Kanzel ist unter anderem Christus mit der Weltkugel zu sehen.
Am Schalldeckel der Kanzel ist unter anderem Christus mit der Weltkugel zu sehen. © René Plaul
Thomas Fauck und Sigrun Freund sind aktuell fast täglich in der Hauptkirche St. Marien zugange.
Thomas Fauck und Sigrun Freund sind aktuell fast täglich in der Hauptkirche St. Marien zugange. © René Plaul
Der Prophet Jona und der Wal am Kanzelaufgang. Jonas Arme waren abgebrochen und fehlten. Wie mag Jona sie gehalten haben? Nach umfangreichen Recherchen hat er nun neue bekommen.
Der Prophet Jona und der Wal am Kanzelaufgang. Jonas Arme waren abgebrochen und fehlten. Wie mag Jona sie gehalten haben? Nach umfangreichen Recherchen hat er nun neue bekommen. © René Plaul

Noch bis Ende August dauern die Arbeiten an. "Im Winter war es einfach zu kalt dafür. Auch das kühle Frühjahr zog sich hin", sagt Ines Furchner, Mitarbeiterin der Kirchgemeinde. Die Vorfreude auf die Wiedereinweihung der Dreßler-Kanzel ist groß. Ein Lichtkonzept, um sie ansprechend auszuleuchten, wäre wünschenswert. Doch dafür braucht es weitere Spenden.

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