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Igel in Gefahr: So werden Sie zum Retter

Jetzt werden viele unterernährte Igel gefunden. Doch die Auffang-Stationen sind überfüllt. Eine Kamenzerin weiß, wie jeder den Tieren selbst helfen kann.

Igel-Freundin Henriette Braun aus Kamenz weiß mittlerweile, wie man untergewichtige Tiere aufpäppelt.
Igel-Freundin Henriette Braun aus Kamenz weiß mittlerweile, wie man untergewichtige Tiere aufpäppelt. © Matthias Schumann

Kamenz. Namen haben sie keine, aber sie gehören trotzdem zur Familie. Henriette Braun aus Kamenz hat die beiden Igelbabys vor Kurzem auf der Straße gefunden und vor dem sicheren Tod bewahrt. "Jetzt geht es kurz an die frische Luft", murmelt sie den handgroßen Stachelbällen zu. Sorgsam hat sie die Beiden in ihren rosafarbenen Schal gewickelt. Fürs Pressefoto kommen Borstel-Mädchen und Borstel-Junge mit in den Garten. Das Mädchen guckt neugierig und schnuppert in die Luft. Zwei Handvoll Hilflosigkeit.

Ansonsten gehören sie eher in die Nähe der Heizung. Ihr Zuhause auf Zeit steht an selbiger im Hause Braun. Ab und zu schnuppern die drei Katzen Pepper, Purzel und Klemke vorbei. Oder Hündin Curry. Ansonsten bleibt es ruhig in der tierischen WG.

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Leichter als 500 Gramm sind schlecht

Das Igel-Mädchen wog am Anfang nur 138 Gramm, der Junge 240. Menschliche Hilfe ist vonnöten, wenn die Tiere im Herbst auch tagsüber aktiv sind und weniger als 500 Gramm auf die Waage bringen. Die Igeljungen sollten vor dem Winterschlaf auf eigenen Füßen stehen. Denn nur wer entsprechenden Futterspeck hat, überlebt. Das wusste Henriette Braun noch aus dem letzten Jahr, als sie schon zwei Jungtiere gefunden hatte.

Diesmal klappte das Abgeben in einer Tierstation allerdings nicht, denn ihr erster Anlaufpunkt, der Verein "Igelfreunde" in Radebeul ist überfüllt. 2021 nahmen die ehrenamtlichen Tierschützer bereits 920 kranke, untergewichtige oder alte Tiere auf. Bis 1.100 könnten es bis zum Jahresende noch werden, befürchtet man.

"Die Mitarbeiter appellieren an jeden neuen Finder, dass man die Igel deswegen mit nach Hause nimmt und selbst aufzieht, bis sie über den Berg sind", erklärt Henriette Braun. Sie verstehe das. "Leider sehen viele das nicht so. Und beschimpfen die Ehrenamtler, weil sie keine Tier mehr aufnehmen können. Das ist unverschämt", findet sie.

Zu wenig Insekten aufzufinden?

Im August kommen die Jungtiere zur Welt. Für die Aufzucht sind allein die Mütter zuständig. Auf der Suche nach Futter legen sie lange Wege zurück und etliche werden dabei überfahren. Deshalb bleiben Jungtiere oft zurück. Auch passende Nahrung scheint aktuell Mangelware zu sein. Und ab Mitte Oktober nimmt das Angebot an Käfern und Larven ohnehin ab.

Dass es allgemein zu wenig Insekten gibt, darüber habe Henriette Braun mit Cornelia Schicke von der "Igelhilfe" gefachsimpelt. Woran das liegen mag, kann auch diese nur vermuten. "Die trockenen Sommer, der sorglose Umgang mit dem Unkrautvernichter Glyphosat und zu viele sterile Hochglanzgärten tragen sicherlich dazu bei", so die Kamenzerin. Das weltweite Insektensterben ist mittlerweile durch verschiedene Studien belegt.

Diese zwei Igel hat Henriette Braun aus Kamenz gerettet.
Diese zwei Igel hat Henriette Braun aus Kamenz gerettet. © Matthias Schumann

Eine öffentliche Diskussion über solche Probleme sei mehr als überfällig, findet sie. Wenn die Igel-Stationen überfüllt sind, dann könnte ein Zoo für die Aufzucht des Nachwuchses einspringen. Zum Beispiel der in Hoyerswerda. "Es handelt sich dabei ja nur um ein paar Wochen und die Fachleute haben Erfahrung", so Henriette Braun.

Der besagte Zoo in Hoyerswerda tut dies schon nach seinen Möglichkeiten. Wie auch die Naturschutzstation in Neschwitz oder der Zoo Görlitz, war auf Nachfrage beim Landratsamt Bautzen zu erfahren. "Weitervermittlung und fachkundige Beratung zur Verfahrensweise erfolgen dann gezielt im jeweiligen Einzelfall", sagt Pressesprecherin Sabine Rötschke. Doch überall gehe man in diesem Herbst an seine Grenzen.

Kein Obst, Milch oder Gemüse füttern

Also legt Henriette Braun daheim selbst Hand an. "Ich habe viele nützliche Tipps von den Radebeulern erhalten", ist sie froh. Und ein Zauberwerk sei das Ganze auch gar nicht. Als Insektenersatz hat sich Katzenfutter bewährt. „Das sollte frei von Getreide sein, das Nassfutter ohne Soße und Gelee“, so Henriette Braun. Im Zoofachhandel gebe es außerdem spezielles Igelfutter. Auch ein ungewürztes Rührei bringt Punkte. Wichtig sei, dass man kein Obst und Gemüse füttert. Und ja keine Milch! "Igel fressen so etwas nur bei Wassermangel, verdauen können sie es auf Grund ihres kurzen Darmes nicht", sagt die Kamenzerin.

Dem Igel-Mädchen verpasste sie mit Nagellack einen roten Punkt, damit sie es vom Jungen unterscheiden kann. Mittlerweile sind beide gleich groß. Und haben gut zugenommen. "70 bis 100 Gramm sollten das pro Woche sein", weiß die Igel-Mutti.

Von der "Igelhilfe" Radebeul hat sie ein Blatt mit Fotos mitbekommen, auf dem die verschiedenen Kot-Varianten der Stachler abgebildet sind. "Je grüner, je ungünstiger", sagt Henriette Braun. Bei ihren Exemplaren ist bis jetzt alles gut gegangen.

Auch Dank ihres langen Atems. Zweimal Füttern am Tag, Antibiotikum einflößen und viel Liebe - so wird sie ihre Igelkinder winterfit bekommen. Und dann in den Garten aussiedeln können. Dort wird Winterschlaf gehalten. Mit den beiden Exemplaren aus dem Vorjahr hat das übrigens geklappt: "Sie wohnen seitdem bei uns hinterm Haus und kommen täglich vorbei, um zu fressen", freut sich Henriette Schönherr.

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