merken
PLUS Kamenz

„Die Schwangerschaft hat mich gerettet“

Julia aus Kamenz hatte Probleme mit der Schule, der Polizei und den Eltern. Mit 15 bekam sie Zwillinge - und krempelte ihr Leben um.

Noch lebt Julia aus Kamenz mit Finn (l.) und Marlon in der Mutter-Kind Wohngruppe der Kinderarche. In wenigen Wochen zieht die kleine Familie in die eigenen vier Wände.
Noch lebt Julia aus Kamenz mit Finn (l.) und Marlon in der Mutter-Kind Wohngruppe der Kinderarche. In wenigen Wochen zieht die kleine Familie in die eigenen vier Wände. © René Plaul

Kamenz. Mit 15 schwanger. „Nein – ein Schock war das nicht für mich“, sagt Julia aus Kamenz, „Ich habe mich gefreut. Aber auch gleich daran gedacht, wie bringe ich das bloß meinen Eltern bei.“ Bis sie den Mut dazu aufbrachte, dauerte es Wochen. Der Vater sagte nur: „Jetzt übernimmst du Verantwortung für dein Leben.“ Die Mutter war aufgelöst. Als sich dann noch herausstellte, dass es Zwillinge sind, habe sie erstmal tief durchatmen müssen. Der Vater sei sprachlos gewesen.

In ihrem Leben lief in der Zeit vieles schief. Das Mobbing in der Schule sei schlimm gewesen: „Jetzt bin ich viel selbstbewusster, um mich wehren zu können“, sagt sie heute. Dazu die falschen Freunde. Sie habe den Unterricht geschwänzt. Mit den Eltern habe Julia nicht reden können. „Es war gerade ein schwieriges Verhältnis.“ Die Mutter leide zudem unter einer Erkrankung. Sie sei von zu Hause abgehauen, wollte cool sein, in der Clique gut dastehen. So wurde Julia auch noch beim Klauen erwischt. Ein Tiefpunkt. 

Arbeit und Bildung
Alles zum Berufsstart
Alles zum Berufsstart

Deine Ausbildung finden, die Lehre finanzieren, den Beruf fortführen - Hier bekommst Du Stellenangebote und Tipps in der Themenwelt Arbeit und Bildung.

Probleme mit der Schule sind Vergangenheit

„Es war irgendwie ausweglos. Die Schwangerschaft hat mich gerettet“, sagt Julia heute. „Die Kinder haben mich in ein geordnetes Leben zurück gebracht. Ich weiß nicht, was sonst passiert wäre.“ Denn eines habe für die junge Frau festgestanden, sie wollte die Zwillinge. Und sie wollte Verantwortung übernehmen. Daran hatte es bisher gehapert. 

Schon in der Schwangerschaft habe ein Umdenken begonnen, sagt Kerstin Naumann, ihre spätere Betreuerin bei der Kinderarche in Kamenz. Es sei aber in der Zeit auch klar geworden, dass die Familie nicht allein in der Lage ist, die Situation zu stemmen. So hätten Jugendamt und Eltern gemeinsam entschieden, die junge Mama in eine Mutter-Kind-Gruppe zu geben. Allerdings war damals zuerst nur in Görlitz ein Platz frei. Das Heimweh sei groß gewesen, sagt Julia. Da habe sie um einen Platz in Kamenz gekämpft und bei den Kleeblattwichteln der Kinderarche bekommen. 

Gerade in den ersten Monaten sei es sehr anstrengend mit den Babys gewesen. Sie habe kaum Schlaf gefunden. Dennoch: „Ich habe die Kinder genossen und das ist immer noch so, jedes Lächeln, jeden kleinen Schritt in der Entwicklung, das Krabbeln, die Zähnchen, einfach alles.“ Probleme mit dem Gesetz oder der Schule sind Vergangenheit. Stattdessen hat die junge Mitter einen Berg schmutziger Kleidung auf den Armen: „Ich muss erstmal die Waschmaschine anwerfen“, ruft sie. Die Zwillinge – inzwischen gut zwei Jahre alt - spielen. Finn hat sich Bausteine geschnappt, Marlon übt schon mal fürs Abendbrot und bäckt Pizza. 

An der brombeerfarbenen Wand hängen Babyfotos. Alles ist freundlich und aufgeräumt, wie inzwischen auch das Leben von Julia. Sie habe sich von Anfang an bei den Kleeblattwichteln wohl gefühlt. Aber diese Zeit der Geborgenheit in der Kinderarche geht dem Ende entgegen. Im November zieht die kleine Familie in ihre ersten eigene Wohnung. Während der Zeit in der Kinderarche habe sie für ihr neues Leben viel von den Erzieherinnen gelernt. Ganz praktische Dinge wie Füttern, Baden, Wickeln der Jungs. Aber vor allem habe sich ihre innere Einstellung geändert. 

Schulabschluss nachgeholt, Ausbildung angefangen

Sie wolle nicht nur ein bisschen Mama sein, sondern mit ganzem Herzen und „eine liebe Mutti“, sagt sie. Auch wenn sie da manchmal an ihre Grenzen komme. Denn die Jungs sind ganz schön wild, dann reiße ihr der Geduldsfaden. „Ich muss lernen, Ruhe zu bewahren, konsequent zu sein, den Kindern eine Struktur geben“, sagt Julia. Sie arbeite dran.

„Ich freue mich darauf, einzukaufen, zu kochen, meine Zeit selbständig zu gestalten“, sagt Julia, „und ich weiß, dass ich mich auf ein großes Netzwerk verlassen kann.“ Erzieherin Kerstin Naumann begleitete Julia mit dem Team der Kleeblattwichtel und sagt: „Wir trauen Julia ein selbständiges Leben mit ihren Kindern zu.“ Trotz Corona und Kinderstress habe sie den Hauptschulabschluss super hingekriegt und die Ausbildung zur Krankenpflegehelferin begonnen. „Julia hat eine gute Entwicklung genommen. Wir haben ihr genug Mittel in die Hand gegeben, um ihren Weg zu gehen und wünschen ihr, dass sie ihn gut meistert.“ 

Die Wohnung nahe der Schwimmhalle in Kamenz hat sie mit Unterstützung des Kinderarche-Teams gefunden. Eine gebrauchte Schrankwand sei bereits angeschafft, sagt die 18-Jährige und kommt schnell ins Schwärmen. Alles soll in schwarz und weiß gestaltet werden. Kinderbettchen brauche sie noch, einen Kleiderschrank, Geschirr und vieles mehr. Vom Jugendamt komme Geld für die Erstausstattung und bei der Lichtblickstiftung habe sie sich um Hilfe beworben. 

Sie sei aber auch mit gebrauchten Sachen zufrieden, sagt die junge Frau, strahlt und schmiedet Pläne für die Zeit nach der Ausbildung. Am liebsten würde sie gleich noch weiterlernen: zur examinierten Pflegefachkraft oder in Richtung Physiotherapie. Und dann gibt es noch ein wichtiges Ziel: den Führerschein, um flexibler zu sein. Erst einmal müsse sie sich natürlich in der neuen Wohnung einleben und ohne die gewohnte Unterstützung mit den Kindern klarkommen.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz