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Königsbrück: Kamelien-Führung für Blinde

Blumen erkennen, ohne sie zu sehen? Im Kamelienhaus ist das möglich, dank der Hilfe von Schülern der Grund- und Oberschule.

Johanna Worm von der Oberschule in Königsbrück erklärt einem sehbehinderten Menschen die Kamelie, lässt ihn fühlen. Im Hintergrund die beiden Kameliendamen Marie (l.) und Franziska.
Johanna Worm von der Oberschule in Königsbrück erklärt einem sehbehinderten Menschen die Kamelie, lässt ihn fühlen. Im Hintergrund die beiden Kameliendamen Marie (l.) und Franziska. © privat

Königsbrück. Sie duften so herrlich und ihre Blüten leuchten in den schönsten Farben. Die Rede ist von Kamelien. Im Königsbrücker Gewächshaus am Schloss sind sie jedes Jahr aufs Neue zu bewundern. Ab Januar zieht es Tausende Besucher in die einzigartige Schau. Bereits jetzt zeigen die Bäume und Sträucher dicke Knospen. In zwei Monaten werden dann die großen weißen Alba Plena in Vollblüte stehen, wenig später zeigt die blutrote Althaeiflora erste Blüten. Anschließend präsentieren sich auch die anderen Großpflanzen im Kamelienhaus, und bis etwa Anfang April wird hier ein einziges Blütenmeer zu sehen sein – umrahmt von den zarten Düften der neuen Duftkamelien.

Doch nicht alle Menschen können sich an den Farben und Formen erfreuen. Die Rede ist von Blinden und Sehbehinderten. Peter Sonntag, Chef des Heimatvereines Königsbrück und einer derjenigen, der sich besonders um die Kamelien kümmert, hatte vor zwei Jahren die Idee, auch den Menschen mit einer Behinderung die Pflanze näherzubringen. "Warum sollen sie nicht in den Genuss der Kamelien kommen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, ihnen die Kamelien zu zeigen", dachte sich Peter Sonntag.

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Doch wie die Idee in die Tat umsetzen? "Blinde und Sehbehinderte haben einen besonders stark ausgeprägten Geruchs- und Tastsinn. Genau dies muss man nutzen, um die Kamelien zu präsentieren", sagt Peter Sonntag. Das heißt, die Interessenten kommen in das Gewächshaus, nehmen den Duft der Pflanzen auf und tasten die Blütenblätter. Doch das allein reicht noch nicht. Es braucht jemanden, der die Betroffenen an die Hand nimmt, sie zur Pflanze führt, die Blüten in die Hand gibt und jede Menge erzählt.

Schüler zeigen die Blumen

Also brauchte Peter Sonntag weitere Partner und fand sie in der Grund- und der Oberschule von Königsbrück. Die Schüler können die Blinden sozusagen an die Hand nehmen und ihnen so die Kamelien näherbringen. "Viele Mädchen und Jungen erklärten sich bereit, an dem Projekt teilzunehmen", sagt Peter Sonntag.

Anita Schumera aus Deutschbaselitz gehört zur Regionalgruppe Kamenz des Blinden- und Sehschwachenverbandes Kamenz. Auch sie wusste von den Kamelien in Königsbrück. Fast parallel zur Idee von Peter Sonntag nahm sie Kontakt mit ihm auf. Es passte also alles und die ersten Rundgänge konnten starten. "Es war beeindruckend. Die Schüler haben uns einzeln an die Hand genommen und ganz vorsichtig durch das Gewächshaus geführt. Sie erklärten die Blumen und wir konnten sie sogar betasten, um die Form zu erkennen", erzählt Anita Schumera. Für sie und andere aus der Regionalgruppe war es ein Erlebnis, dass sie sich auch für andere Blinde und Sehschwache wünscht.

Auch Werner Jurk, Chef der Kreisorganisation Bautzen des Blinden- und Sehschwachenverbandes, kennt die Aktion und war selbst schon einmal dabei. "Es war interessant und hat uns allen sehr viel gegeben", sagt er. "So konnten wir die Kamelien im wahrsten Sinne des Wortes erleben." Er fand es auch beeindruckend, dass Schüler die Führungen übernommen haben. Werner Jurk kann sich vorstellen, dass auch andere Blinde oder Sehschwache bei dieser Aktion in Königsbrück mitmachen. Derzeit sind im Landkreis Bautzen etwa 80 Menschen im Verband organisiert.

Lichtblick bezahlt die Fahrtkosten

Doch in diesem Jahr war alles ganz anders. Aufgrund des Corona-Lockdowns im Frühjahr konnten nur wenige Gruppen das Angebot des Heimatvereines nutzen. So waren unter anderem Blinde- und Sehbehinderte aus der Region Meißen, Coswig und Hoyerswerda dabei. Die Organisation läuft über den Verband, die Fahrtkosten wurden teilweise über die Aktion Lichtblick der Sächsischen Zeitung bezahlt.

Nicht nur die Menschen mit einem Handicap profitieren von dieser Kamelien-Aktion. Auch die Schüler waren begeistert, weiß Peter Sonntag. "Für sie war es eine ganz neue Erfahrung, diese Führungen zu übernehmen." Johanna Worm von der Oberschule Königsbrück ist eine von ihnen. Sie war schon bei allen Durchgängen dabei. "Es macht mich stolz, die besonderen Blumen auf diese Weise anderen Menschen zu zeigen", sagt sie. So kommen junge Menschen mit Leuten zusammen, die in ihrem Leben mit Beeinträchtigungen zurechtkommen müssen. "Ein Verständnis füreinander wird aufgebaut, was für beide Seite von Nutzen sein kann", meint Peter Sonntag. Bei Gesprächen hat er auch erfahren, dass die Sehschwachen und Blinden froh darüber waren, dass sie von den Mädchen und Jungen angenommen wurden - keine Selbstverständlichkeit.

Schade findet er, dass von Seiten der Kommunalpolitiker nur wenig Interesse gezeigt wurde. Lediglich der Kamenzer Bürgermeister Roland Dantz (parteilos) war bei einer Aktion mit dabei. Andere hatten sich, trotz einer Einladung, entschuldigt.

Wie es mit den Führungen durch die Kamelienschau im nächsten Jahr weitergeht, weiß auch Peter Sonntag nicht. Corona lässt vieles im Ungewissen. Und trotzdem hofft der Chef des Heimatvereines, dass die Pflanzen einer breiten Öffentlichkeit gezeigt werden können - auch den Blinden und Sehschwachen.

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