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„Wer süchtig ist, muss sich dafür nicht schämen“

Mirko Richter aus Laußnitz ist trockener Alkoholiker. Doch bis dahin war es ein schwieriger Weg. Jetzt hilft er anderen, mit der Krankheit klarzukommen.

Von Heike Garten
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Mirko Richter in seiner Wohnung in Laußnitz bei Königsbrück. Viele Jahre kämpfte er mit seiner Alkoholsucht. Jetzt ist er trocken und leitet eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke.
Mirko Richter in seiner Wohnung in Laußnitz bei Königsbrück. Viele Jahre kämpfte er mit seiner Alkoholsucht. Jetzt ist er trocken und leitet eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke. © Anne Hasselbach

Laußnitz. Das Leben von Mirko Richter aus Laußnitz war bisher eine Achterbahn – eine Achterbahn zwischen Alkoholabhängigkeit, Entzug und Abstinenz. Es gab Zeiten, da bestimmte Schnaps seinen Alltag, mit extremen Begleiterscheinungen: Verlust der Arbeit, des Führerscheins, der Frau und Tochter, Privatinsolvenz. Seit Anfang 2016 ist Mirko Richter trockener Alkoholiker, doch der Weg dahin war alles andere als leicht.

Dabei fing alles ganz harmlos an, wie bei vielen Jugendlichen. „Meinen ersten Kontakt mit Alkohol hatte ich zu meiner Jugendweihe“, blickt der 51-Jährige zurück. Später traf sich die Klasse, zog von Familie zu Familie, und immer gab es etwas zu trinken - da ein Bierchen, da einen Schnaps oder auch ein Glas Sekt. Später bei den ersten Disco-Besuchen ging es weiter. Die Jungs fanden es damals cool, von ihren Erlebnissen im Alkoholrausch zu berichten. Von da an gehörte Alkohol zum Leben von Mirko Richter dazu, auch als er 1986 seine Lehre als Kfz-Mechaniker begann und seine erste feste Freundin kennenlernte.

Eine Flasche Schnaps am Tag war normal

Zum Bier kam jetzt auch immer öfter Schnaps dazu. „Einmal die Woche war ich ordentlich berauscht“, sagt Mirko Richter. „Ich bemerkte gar nicht, wie sich der Alkohol in mein Leben eingeschlichen hatte. Ich wollte nicht mehr ohne sein, denn er war doch wunderschön, dieser Rausch.“ Dass er trank, merkten natürlich auch die Freundin und die Eltern. Die Konflikte häuften sich. Doch er selbst merkte nicht, dass sich der Großteil seines Lebens nur noch um das Trinken drehte.

Auch als sein Sohn geboren wurde, änderte sich nichts an den Trinkgewohnheiten. Dabei ging es Mirko Richter gar nicht mehr um den Geschmack des Alkohols, sondern darum, den Körper zu beruhigen. Eine Flasche Schnaps am Tag war für ihn normal. Die Beziehung zu seiner Freundin stand ernsthaft auf der Kippe. Mirko Richter entschied sich 1997 erstmals, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen. Doch das funktionierte nur kurz. „Ein Jahr später hatte mich der Alkohol wieder voll im Griff“, sagt er. Er selbst habe sich damals entschieden, Freundin und Sohn zu verlassen und wieder zu seinen Eltern zu ziehen.

Zum Bier kam bei Mirko Richter aus Laußnitz irgendwann Schnaps dazu und davon immer mehr.
Zum Bier kam bei Mirko Richter aus Laußnitz irgendwann Schnaps dazu und davon immer mehr. © dpa

Damit war das Alkohol-Problem aber nicht gelöst, sondern verschlimmerte sich eher. Es kam die erste Entgiftung im Krankenhaus in Arnsdorf. „Eigentlich habe ich das nur gemacht, um vor meinen Eltern Ruhe zu haben, vor den ständigen Vorwürfen. Im Kopf selbst war ich für einen Entzug noch nicht bereit“, erinnert sich Mirko Richter.

Mit über zwei Promille kam er damals in der Klinik an, doch es gab weder Vorwürfe noch Beschimpfungen vom Personal. „Trotz meines Zustandes wurde ich sehr nett empfangen und sogar dafür gelobt, dass ich mich zu diesem Schritt entschlossen habe.“ Der Laußnitzer fühlte sich ernst genommen. Vor allem wurde ihm eines klar: Alkoholabhängigkeit ist eine Krankheit, die man behandeln muss. Wichtig war es für ihn, dass er über seine Probleme sprechen konnte, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Damals glaubte Mirko Richter, er habe die Sucht besiegt. Doch er irrte sich gewaltig. Nach nur wenigen Wochen der erste Rückfall, an einem Wochenende, als die Eltern nicht zu Hause waren. Wieder musste er ins Krankenhaus, er schämte sich dafür, dass er so viele Menschen enttäuscht hatte. Der zweite Entzug sollte nicht der letzte für ihn gewesen sein. „Ich musste im Laufe der Jahre an die 30-mal wegen meiner Alkoholprobleme in eine Klinik“, sagt er. Einmal habe er sogar auf der Intensivstation gelegen, weil er Desinfektionsmittel getrunken hatte.

Mit 5,19 Promille zur Entgiftung

Unter diesen Vorzeichen standen auch Beziehungen zu Frauen unter keinem guten Stern. Zwar heiratete er 2005, doch die Ehe zerbrach schon nach einem Jahr. Es folgte eine weitere Ehe, und eine Tochter kam zur Welt. Mirko Richter glaubte, glücklich zu sein. Doch der Alkohol bestimmte weiter sein Leben. Seine Frau zog mit der Tochter aus. „Ich trank mehr und mehr, zu einer Entgiftung kam ich mit 5,19 Promille. Es war kein Rausch mehr, es war wie in einem Tunnel. Ich fühlte mich wie eine Marionette, mein Leben war mir entglitten“, resümiert der Laußnitzer. Inzwischen trank er drei große Flaschen Doppelkorn am Tag.

Einen wirklichen Wendepunkt gab es erst im Jahr 2015. Nach einem weiteren Totalzusammenbruch wurde Mirko Richter bewusst, dass er alles verloren hatte. Er entschloss sich zu seiner zweiten Langzeittherapie, anschließend zur Mitarbeit in einer Selbsthilfegruppe in Ottendorf-Okrilla. Er fand einen Job bei einer Firma in Ottendorf und sprach gleich am ersten Tag offen mit seinem Chef darüber, dass er trockener Alkoholiker sei. Für diesen wie auch die anderen Mitarbeiter sei das kein Problem gewesen.

Heute geht Mirko Richter offen mit der Krankheit um

Mit dieser Offenheit gestaltete Mirko Richter sein weiteres Leben. Als er 2018 seine jetzige Frau Corinne kennenlernte, sprach er gleich beim ersten Date das Thema an. „Das war kein Grund für mich, mit Mirko keine Beziehung einzugehen“, sagt die 49-Jährige. Beide sind glücklich und können mit dem Leben eines trockenen Alkoholikers gut umgehen. Corinne trinkt nur selten mal ein Glas Sekt, auch bei Feiern kommt kein Schnaps auf den Tisch. Trotzdem genießen sie das gesellige Leben, gehen zum Fasching oder treffen sich mit Freunden zum Grillen. Auch sie wissen, dass Mirko keinen Alkohol trinkt, und akzeptieren es.

Mittlerweile hilft Mirko Richter anderen Menschen, die den Weg weg von der Flasche gefunden haben. Er leitet seit Herbst vergangenen Jahres die Begegnungsgruppe von Suchtkranken – nicht nur Alkoholiker – des Blauen Kreuzes in Ottendorf-Okrilla, hat dafür extra einen Lehrgang absolviert. Er will aber auch auf das Thema aufmerksam machen. „Niemand muss sich dafür schämen, wenn er süchtig ist. Er muss nur einen Weg heraus finden“, ist seine Meinung.

Mirko Richter will alle Betroffenen ermutigen, sich Hilfe zu suchen. Denn allein sei das Problem nicht zu lösen, auch nicht innerhalb der Familie. Er hat auch kein Problem damit, wenn ihn Leute anschreiben, um einen ersten Kontakt zu suchen und mit ihm zu reden. Zu den Gruppengesprächen können auch Menschen kommen, die noch in der Sucht stecken. Auch in der Klasse seiner Tochter hat er schon zu diesem Thema gesprochen, ist keiner Frage ausgewichen. Seine inzwischen zwölfjährige Tochter bezeichnet ihn als den coolsten Typen auf der ganzen Welt, und sie ist stolz darauf, dass er den Weg zurück ins Leben gefunden hat.

Kontakt: Blaues Kreuz, Begegnungsgruppe Ottendorf-Okrilla, Gräfenhainer Straße 16, Laußnitz, Telefon 0162 7862097, E-Mail: [email protected]