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Totschlag im Pflegeheim?

Ein Krankenpfleger aus Pulsnitz soll einem Wachkoma-Patienten wichtige Medikamente nicht verabreicht haben. Doch so eindeutig ist der Fall nicht.

Mit seinem Verteidiger Thomas Kotré sitzt Ringo G. im Schwurgerichtssaal des Landgerichtes Görlitz. Der Krankenpfleger aus Pulsnitz soll einem Patienten unverzichtbare Medikamente vorenthalten haben.
Mit seinem Verteidiger Thomas Kotré sitzt Ringo G. im Schwurgerichtssaal des Landgerichtes Görlitz. Der Krankenpfleger aus Pulsnitz soll einem Patienten unverzichtbare Medikamente vorenthalten haben. © SZ/Timotheus Eimert

Pulsnitz/Görlitz. Um 10.53 Uhr betritt der Angeklagte Ringo G. am Montag den Schwurgerichtssaal am Landgericht Görlitz. Er trägt schwarze Lederschuhe, einen hellgrauen Anzug, eine schwarze rechteckige Brille sowie schwarze Knopfohrringe. Die schwarzen Haare sind kurzgeschoren, der Bart rasiert. Er will nicht gefilmt oder fotografiert werden. Das Gesicht verdeckt er deshalb mit einer schwarzen A4-großen Schreibmappe.

Dieser eher unscheinbare Mann ist derzeit wegen Totschlag angeklagt. Dem gelernten Krankenpfleger aus Pulsnitz wird vorgeworfen, im Frühjahr vergangenen Jahres dem Wachkoma-Patienten Enrico B. wider besseren Wissens unverzichtbare Medikamente vorenthalten zu haben. Seit Ende 2017 war Ringo G. der gesetzliche Betreuer des verstorbenen Patienten. Dieser lag seit 2003 im Wachkoma und wurde seit 2007 in einem Pflegeheim in Pulsnitz behandelt.

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Nach Überzeugung der Anklage war Ringo G. bewusst, dass die Nicht-Verabreichung der Medikamente letztlich zum Tod des Mannes führen würde. So verstarb dieser am 6. April 2019 an Multiorganversagen. Der Angeklagte wollte sich am Montag dazu nicht äußern. Auch weil das Gericht bereits am Anfang der Verhandlung deutlich machte, dass es sich nur um einen versuchten Totschlag handeln könnte. Der Tod des Patienten könnte auch andere Ursachen haben, hieß es.

Im Arztbrief ist keine Rede von Wassertabletten

Am Montag wurden zunächst eine Sachverständige und zwei Zeuginnen gehört sowie die Patientenakte aus dem Pflegeheim verlesen. „Das ist der Schlüssel zu vielem“, sagte der Vorsitzende Richter Theo Dahm. So ist in der Akte festgehalten, dass sich der Gesundheitszustand des Patienten im März 2019 erheblich verschlechterte. Immer wieder hatte der damals 49-Jährige starke Atembeschwerden, musste regelmäßig mit Sauerstoff versorgt werden.

Doch das allein reichte nicht aus. Am 25. März wurde er ins Malteser Krankenhaus St. Johannes nach Kamenz eingeliefert. Dort diagnostizierten die Ärzte einen Harnwegsinfekt sowie Wassereinlagerungen in der Lunge. „Gemeinsam mit dem Chefarzt habe ich mich für eine Weiterbehandlung im Pflegeheim entschieden “, sagte Assistenzärztin Mareen F., die als Zeugin geladen war. Darüber informierte sie den gesetzlichen Betreuer Ringo G. Dieser habe im Gespräch viele Rückfragen gestellt. „Es war ein aktives Gespräch“, erinnert sich die Assistenzärztin.

Der Harnwegsinfekt sollte mit einem Antibiotikum behandelt werden, die Einlagerungen in der Lunge mit wasserabführenden Tabletten. Dies habe sie Ringo B. am Telefon mitgeteilt. Im Arztbrief für den Hausarzt ist von der Verabreichung der Wassertabletten aber keine Rede. Die Assistenzärztin wollte sich deswegen nicht weiter dazu äußern.

Verwirrung um angebliche Patientenverfügung

In dem Arztbrief steht außerdem geschrieben, dass bei einer erneuten Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Patienten keine lebenserhaltenden Maßnahmen veranlasst werden sollen. Herr G. „hat so etwas Ähnliches wie eine Patientenverfügung abgegeben“, sagte die zweite Zeugin. Petra P. war zum damaligen Zeitpunkt als Pflegedienstleiterin im Pulsnitzer Pflegeheim angestellt. „Er hat mir erklärt, dass der Patient schon eine lange Leidenszeit hatte und nicht weiter leiden sollte“, sagte sie nun vor Gericht.

Diese Patientenverfügung soll Ringo G. nach einem Gespräch mit dem Hausarzt aber wieder zurückgezogen haben. Dem Hausarzt sei vorher ein Brief mit einer nicht leserlichen Unterschrift zugesandt worden, indem behauptet wird, dass die Patientenverfügung nicht gesetzeskonform sei.

Ob dem so gewesen ist, konnte das Gericht am Montag nicht abschließend klären. Auch die Frage, welche Schuld der Angeklagte nun am Tod des Verstorbenen hat, konnte noch nicht geklärt werden. Drei weitere Verhandlungstage sind zunächst angesetzt. Bereits am Dienstag geht der Prozess weiter.

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