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Wo Patienten das Atmen wieder lernen

Corona-Intensivpatienten müssen häufig künstlich beatmet werden. In der Pulsnitzer Schloss-Klinik bekommen sie Hilfe auf dem Weg zurück in den Alltag.

Von Heike Garten
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Prof. Marcus Pohl leitet in der Pulsnitzer Klinik den Bereich der Beatmungsentwöhnung und der neurologischen Frührehabilitation.
Prof. Marcus Pohl leitet in der Pulsnitzer Klinik den Bereich der Beatmungsentwöhnung und der neurologischen Frührehabilitation. © Matthias Schumann

Pulsnitz. Als eine der bundesweit ersten Kliniken wurde jetzt die Vamed Klinik Schloss Pulsnitz als Zentrum für Beatmungsentwöhnung in der neurologisch-neurochirurgischen Frührehabilitation zertifiziert. Das heißt, dass Patienten, die aufgrund verschiedener Erkrankungen künstlich beatmet werden mussten, in Pulsnitz von den entsprechenden Geräten entwöhnt werden. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Zahl dieser Patienten erhöht. Der Ärztliche Direktor und Chefarzt der Pulsnitzer Klinik, Prof. Dr. Marcus Pohl, erklärt, wie die Betroffenen behandelt werden.

Prof. Pohl, welche Patienten benötigen eine Beatmungsentwöhnung?

Das betrifft alle Patienten, die beatmet wurden, zum Beispiel auch bei einer OP. Normalerweise passiert dies bereits im Aufwachraum. Bei etwa zehn Prozent der Patienten dauert die Entwöhnung ein paar Tag länger auf der Intensivstation des jeweiligen Krankenhauses. Und nur drei Prozent aller Intensivpatienten benötigen ein fortgeschrittenes Entwöhnungsprogramm, weil sie länger beatmet werden mussten.

Welche dieser Patienten werden in Pulsnitz behandelt und betreut?

Es gibt zwei Kategorien, in die Patienten eingeordnet werden, die von der Beatmung entwöhnt werden müssen. Das sind lungenkranke Patienten und Patienten mit neurologischen Krankheiten, deren Ursachen primär zum Beispiel in Blutungen im Gehirn, in Schädel-Hirnverletzungen oder sekundär im Rahmen einer Blutvergiftung mit multiplen Organversagen lagen. In diesen Bereich fallen zum Beispiel auch die Covid-Patienten. Die Fälle mit neurologischen Ursachen der Beatmung werden bei uns in Pulsnitz behandelt.

Patienten sollen wieder selbstständig leben können

Warum gerade diese Patienten?

Unsere Klinik hat sich darauf spezialisiert, Patienten mit schweren Folgeerscheinungen zu behandeln. Sie sind teilweise komatös oder desorientiert, haben also mitunter schwere Bewusstseinsstörungen und eine erhebliche Schwächung aller Muskeln, auch der Atemmuskulatur. In der Vamed-Klinik arbeiten Fachkräfte und Fachpflegekräfte der unterschiedlichsten Bereiche zusammen, um diesen Patienten zu helfen. Das sind neben den Fachärzten auch Atmungstherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen. Die Behandlung ist darauf ausgerichtet, den Betroffenen wieder ein selbstständiges Leben, soweit es geht, zu ermöglichen.

Den Bereich der Beatmungsentwöhnung gibt es schon seit 2015 in der Vamed-Klinik. Was ist jetzt neu?

Die Zertifizierung ist für uns in mehrerlei Hinsicht wertvoll und hilfreich. Primär untermauert sie die Qualität unseres spezialisierten Konzeptes zur Beatmungsentwöhnung. Darüber hinaus dient dieses Zertifikat auch der Transparenz nach außen. Wir zeigen damit, dass wir die geforderten Standards erfüllen. Um dies zu erlangen, haben wir in der Klinik unsere Konzepte überarbeitet, um die Qualität zu steigern. Letztlich profitieren die Patienten von diesen Maßnahmen. Nicht vergessen darf man in diesem Zusammenhang die Kostenträger, also die Krankenkassen und privaten Versicherer. Sie verlangen bestimmte Standards, damit die Leistungen auch bezahlt werden.

Wie hoch ist der Anteil dieser Patienten an der Gesamtpatientenzahl?

Die Zahl der Patienten, die entwöhnt werden müssen, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Inzwischen machen sie einen Anteil von 30 bis 40 Prozent aus. Wir haben auch viele Patienten übernommen, die schwer an Covid-19 erkrankt waren, darunter auch viele junge Patienten. In der dritten Corona-Welle 2021 haben wir fast ausschließlich Covid-19-Patienten in diesem Bereich behandelt.

In Pulsnitz werden jährlich über 100 Patienten entwöhnt

Wie muss sich ein Laie die Beatmungsentwöhnung vorstellen?

Während der Beatmung arbeitet die Lunge mithilfe einer Maschine, dies geschieht in einer sogenannten Weaning-Einheit. Bei der Entwöhnung wird das Beatmungsgerät unter Kontrolle der Fachkräfte immer wieder vom Patienten entfernt, so dass er dann am Anfang kurze Zeit und später immer mehr selbst atmen muss. Das passiert nach einem genau festgelegten Schema. Die Zeiten ohne Beatmungsgerät erhöhen sich immer mehr, bis die Lunge selbstständig arbeitet. Parallel dazu muss der Patient sprechen und schlucken sowie andere Fähigkeiten wieder neu erlernen. Dies alles geschieht hier in Pulsnitz in Zusammenarbeit mit allen Mitarbeitern der verschiedenen Fachdisziplinen.

Wie lange dauert so eine Beatmungsentwöhnung?

Das ist sehr individuell, im Durchschnitt vier Wochen. Jährlich werden in der Vamed-Klinik über 100 Patienten von der Beatmung entwöhnt. Auf unserer Station können 17 Patienten gleichzeitig behandelt werden, aktuell haben wir bis zu 15 Patienten.

Wo kommen die Patienten her, die bei Ihnen behandelt werden?

Bei uns werden fast ausschließlich sächsische Patienten betreut, vorwiegend aus der Oberlausitz und Dresden.

Sie sagten, dass die Zahl der Patienten in den vergangenen Jahren zugenommen hat. Wollen sie den Bereich deshalb aufstocken?

Nein, das haben wir nicht geplant. Uns geht es vielmehr um die Qualität der Arbeit. Wir sind gut ausgelastet, wollen aber ein regionaler Anbieter bleiben.

"Ein Patient braucht rund um die Uhr Betreuung"

Wie viele Mitarbeiter arbeiten im Bereich der Beatmungsentwöhnung?

Es sind 40 Mitarbeiter nur auf dieser Station. Bei einer Belegung mit 17 Patienten können Sie sehen, mit welcher personellen Intensität wir in diesem Bereich arbeiten müssen und natürlich auch wollen. Ein Patient braucht rund um die Uhr Betreuung, und das sehr individuell. Ich bin stolz auf mein Team, das diese Arbeit leistet.

Inwieweit werden die Angehörigen des Patienten mit einbezogen?

Der Kontakt zu den Angehörigen ist für den Patienten in der Genesungsphase ganz wichtig. Es geht ja nicht nur darum, die Beatmung abzuschalten, sondern auch das Gehirn wieder zu aktivieren, Erinnerungen hervorzurufen, Dinge zu lernen, um wieder am Leben teilnehmen zu können. Da ist die Anwesenheit eines Angehörigen sehr hilfreich.

Waren Besuche denn auch im Lockdown möglich?

In unserer Klinik gab es lediglich ein kurzzeitiges Besuchsverbot gleich zu Beginn der Pandemie im April 2020, als noch niemand abschätzen konnte, was da genau auf uns zukommt. Nach der Ausarbeitung eines umfassenden, ergänzenden Hygienekonzeptes, das auch mit dem Gesundheitsamt abgestimmt wurde, konnten wir das Besuchsverbot schnell wieder aufheben.

In den folgenden Pandemiewellen haben wir aber immer Besucher zugelassen, selbst im Lockdown. Nicht zuletzt auch da uns bewusst ist, wie wichtig Besuche für die Motivation unserer Patienten und somit für den Erfolg der Rehabilitation insgesamt sind. Beschränkungen gegenüber dem Regelbetrieb gab es lediglich zur Häufigkeit und Dauer der Besuche. Hier galt es, ein ausgewogenes Maß zu finden.