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Geht ein Riss durch Kamenz?

Eine laute Minderheit hier und eine leise Mehrheit da? Der Verein Stadtwerkstatt sorgt sich um das Miteinander in der Stadt - und macht ein Angebot.

Der Kamenzer Verein Stadtwerkstatt ist mit einem Statement an die Öffentlichkeit gegangen: Franziska Schulze-Stocker, Simone Kirschke und Angela Sondermann (v.l.) erklären, was sie dazu bewegt hat.
Der Kamenzer Verein Stadtwerkstatt ist mit einem Statement an die Öffentlichkeit gegangen: Franziska Schulze-Stocker, Simone Kirschke und Angela Sondermann (v.l.) erklären, was sie dazu bewegt hat. © René Plaul

Kamenz. Die Tür steht offen beim Verein Stadtwerkstatt-Bürgerwiese im Erdgeschoss des Eckgebäudes Pulsnitzer-/Luxemburgstraße in Kamenz. Noch aber nicht für Gäste. Die neuen Räume sind im Umbau. Hinter dem Schaufenster wird gewerkelt.

Direkt am Fenster fällt ein offener Brief ins Auge. Die Vereinsmitglieder machen sich Sorgen um die Stadt. Sie beobachten „auch in Kamenz ein zunehmendes Auseinanderdriften der Stadtgesellschaft“. Deshalb die Wortmeldung.

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Vereinsvorsitzende Simone Kirschke spricht von negativen Stimmen, die die Gemeinschaft in der Stadt spalten. In diesem Eindruck ist sie sich mit ihren Mitstreiterinnen Franziska Schulze-Stocker und Angela Sondermann einig. Aus ihrer Sicht sei es zwar eine Minderheit, aber eine ziemlich laute. Daneben eine schweigende Mehrheit. Das sei nicht gut.

Eine Stimme für die leise Mehrheit

Die Frauen spielen dabei auch auf die neuerlichen Marktdemos an sowie etliche Zettel mit Parolen, die in letzter Zeit in den Briefkästen steckten, und Posts in sozialen Medien: „Lasst euch nicht vereinnahmen und von oberflächlichen Aussagen über ,die da oben‘ lenken“, sagt Simone Kirschke. Gespräche in Familien- und Freundeskreisen hätten den Eindruck dieser Polarisierung verstärkt. Auch eine gewisse Aggressivität im Umgang miteinander stellten Mitglieder der Stadtwerkstatt fest.

Angela Sondermann sagt: „Wir wollen der leisen Mehrheit in Kamenz, die nicht auf dem Markt steht, eine Stimme geben.“ Das wäre aber noch zu wenig. Der Verein wolle mit den Kamenzern im Gespräch bleiben oder ins Gespräch kommen, um Dinge gemeinsam zu hinterfragen. Denn: „Querdenker bieten mir zu einfache Antworten auf komplexe Fragen“, sagt Angela Sondermann.

Richtig sei: Das Virus erschüttere das Verhältnis zu Experten, und so sei es für die Vereinsmitglieder wie für viele Menschen schwer, den zahlreichen Einschätzungen zu Corona zu folgen. Aber sie wüssten durch eigene Kontakte, wie im medizinischen Bereich gekämpft werde, wie gefährlich das Virus sei.

„Wir sind auch der Meinung, dass im Nachgang betrachtet, in dieser Pandemie nicht alle Entscheidungen richtig waren“, sagt Simone Kirschke. Aber der Verein wolle eben gerade verhindern, dass sich die Stadt in dieser Krise in Lager mit verhärteten Fronten spaltet, die nicht mehr miteinander reden. Wo doch gerade jetzt, wenn es wieder losgeht, die Corona-Auflagen heruntergefahren werden, die Gemeinschaft zusammenstehen müsse, um den Neustart zu schaffen.

Am runden Tisch über Kamenzer Themen reden

„Wir können diskutieren, was verkehrt läuft, ansprechen, um etwas zu verändern“, sagt Simone Kirschke. Die Stadtwerkstatt biete sich nach dem Neustart als Ort des Austauschs an. Der Verein sei überparteilich, aber immer auf dem Boden der Demokratie. „Hier können alle miteinander reden, hier ist der Platz für den Diskurs, mit Respekt und Achtung voreinander“, sagt Franziska Schulze-Stocker. Deshalb stehe ein runder Tisch in den neuen Räumen, um daran Platz zu nehmen.

Der Marktplatz sei eher ein Ort für Parolen, aber keiner, um Meinungen auszutauschen oder sachlich zu informieren, finden die Frauen. An ihrem runden Tisch hingegen könnten gesellschaftspolitische Themen eine Rolle spielen. „Wir wollen aber vor allem versuchen, für Kamenz selbst Lösungen zu finden und Hoffnung zu geben“, so Franziska Schulze-Stocker. Da gebe es viele Themen, die zu diskutieren seien, wie das Hallenbad und der gymnasiale Schulstandort.

Die Kamenzer Innenstadthändler hätten es auch vor Corona schon schwer gehabt. So sei es längst ein Thema des Vereins, wie die Altstadt anziehender werden kann. Das lasse sich aber nicht mit Marktparolen lösen, sagen die Mitglieder. Der Verein engagierte sich zum Beispiel für den zentrumsnahen Kiezgarten als künftigen Anziehungspunkt und sorgte für Blumen auf dem Markt.

Verein plant noch für Juni die erste Veranstaltung

In der Stadtwerkstatt wird es mit der Wiedereröffnung neben Gesprächsangeboten einige Neuigkeiten geben. So wird mit dem Café K ein Schülertreff einziehen. Nachdem andere Varianten mit der Stadt nicht zustande kamen, gibt die Stadtwerkstatt dem sogar preisgekrönten Projekt jetzt eine Heimat. Für den Verein eine gute Gelegenheit, ein bisschen zu erforschen, wie die Kamenzer Schuljugend tickt.

Mit den Umbauarbeiten in den neuen Räumen sei der Verein durch Corona etwas in Verzug geraten. Größere Einsätze mit vielen Personen seien nicht möglich gewesen. Die geräumigen Sitznischen sind aber schon besonders hübsch anzusehen.

Der Verein hofft aber, noch in diesem Monat mit der ersten Veranstaltung starten zu können. Es soll ein Dankeschön werden an alle, die der Stadtwerkstatt beim Umzug, Umbau und bei der Ausstattung geholfen haben. Der grüne Teppich auf dem Vereinsfußboden, die Bürgerwiese, ist für sie bereits ausgerollt.

Den kompletten Offenen Brief des Vereins Stadtwerkstatt-Bürgerwiese lesen Sie hier.

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