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Zwischen Tischlerei und Wickeltisch

Unternehmerin Susann Mütze behauptet sich seit Jahren in einer Männer-Domäne. 2020 wurde sie erstmals Mama - und bewältigt seitdem einen Spagat.

Susann Mütze führt seit fünf Jahren die Kamenzer Traditions-Tischlerei der Familie. Nicht unbedingt weibliches Terrain. Doch nun bekam sie weibliche Unterstützung durch ihre Tochter Eva Ronja. Das Babyjahr wird turbulent.
Susann Mütze führt seit fünf Jahren die Kamenzer Traditions-Tischlerei der Familie. Nicht unbedingt weibliches Terrain. Doch nun bekam sie weibliche Unterstützung durch ihre Tochter Eva Ronja. Das Babyjahr wird turbulent. © René Plaul

Kamenz. Was hätte sich Dittmar Mütze gefreut. Dass die kleine Eva Ronja mit ihren gerade mal drei Monaten schon ab und zu in der Tischlerei ist - das hätte dem Opa gefallen. Selig verschläft sie in ihrem Sitz die Telefonate ihrer Mama Susann Mütze im Büro. Manchmal geht es bei wichtigen Abstimmungen nicht anders. Da muss das Baby einfach mit. Draußen in der Produktionshalle ist es aber viel zu laut für die kleine Maus. Aber ab und zu muss die Firmenchefin vorbei schauen. Sie kann nicht anders. Sie will es auch nicht.

Ja, das hätte Dittmar Mütze gefallen. Doch der Kamenzer Unternehmer ist nicht mehr da. Er verstarb viel zu früh nach einer schwerer Krebserkrankung. Fünf Jahre ist das nun her. Und Susann musste damals schnell übernehmen. Die Wunde zwickt noch manchmal ziemlich hartnäckig. Doch die Trauer der Tochter hat sich mit Stolz gemischt. Und Hoffnung. Sie weiß, dass sie in der Firma nicht nur lapidar ein Loch gestopft, sondern sich das Vermächtnis ihres Vaters zu eigen gemacht hat. Und das in einer absoluten Männer-Domäne.

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2018 mit Gründerinnenpreis belohnt

Ihre Courage und ihr zupackendes Wesen wurden 2018 sogar mit dem sächsischen Gründerinnenpreis belohnt. Dies ist eine Auszeichnung für erfolgreiche sächsische Unternehmerinnen, die ein junges kleines oder mittelständisches Unternehmen führen. Ziel des jährlich vergebenen Preises ist es, die Existenzgründung von Frauen in der Öffentlichkeit sichtbar zu machen.

Das schien in dem Fall absolut gelungen, denn Susann Mütze erfreut sich großer Sympathien. Mittlerweile auch bei Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). "Wir hatten damals natürlich den üblichen Betriebsrundgang gemacht, er war erstaunt und begeistert, dass wir zwar eine kleine Firma, aber dennoch so gut ausgerüstet sind", erinnert sich die Firmenchefin heute. Besonders das Computer-gestützte Bearbeitungszentrum zog das Interesse an. Man fachsimpelte über Ausbildung und Fachkräftemangel in der Branche.

Vater hatte vom Tischlerberuf abgeraten

Dabei war der Anfang alles andere als leicht. Als Susann Mützes Vater starb, war nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie war erst 2013 in die alte Heimat zurückgekehrt. Nach einem Studium der Holztechnik übrigens. Das hatte sie im bayrischen Rosenheim abgeschlossen. Der erfahrene Vater hatte ihr nämlich geraten, es nicht nur bei einem Berufswunsch zu belassen. Ein harter Job sei das. Für eine Frau vor allem körperlich auf die Dauer nicht zu empfehlen. Und so war es am Ende dann eben nicht der Beruf des Tischlers geworden.

Dafür einer, der einen noch umfangreicheren Einblick in die Materie Holz gab. "Weil es mir so gut in Rosenheim gefiel und ich eine spannende Arbeit bekam, blieb ich einfach noch ein paar Jahre da. Geplant war das eigentlich nicht, machte mich aber auch nicht dümmer", erzählt die 39-Jährige. Bei einem internationalen Büromöbelhersteller war sie fast acht Jahre lang beschäftigt. Vielleicht war es in Bayern auch so schön, weil sie dort ihren Freund kennenlernte? Das gemeinsame Arbeitsjahr, das ihr mit ihrem Papa blieb, ehe die Krankheit zuschlug, hat der jungen Frau gutgetan. Den Blick noch einmal geschult für die Traditionsfirma, die immerhin schon in siebenter Generation am Markt ist.

Ungeplantes Wunschkind wollte auf die Welt

Und nun ist Eva Ronja da. Leichtfüßig trat sie in das Leben von Susann Mütze und ihres Partners Felix. Schon "gefühlt ewig" sind die beiden ein Paar - ganze 17 Jahre lang. Er siedelte aus dem tiefsten Bayern nach Sachsen über. Zusammen leben sie im idyllischen Rehnsdorf. "Wir wollten immer Kinder, aber haben uns nicht unbedingt darauf fokussiert", sagt die 39-Jährige. "Nennen wir Eva Ronja ein ungeplantes Wunschkind", lacht sie.

"Es passt ja eigentlich nie, wenn man ehrlich ist", sagt sie. Da ist immer Arbeit, noch ein wichtiger Auftrag, Verantwortung für ihre Firma und die Angestellten. Viele sind noch aus den Zeiten ihres Vater dabei. Aber umso wundervoller sei die Erfahrung, nun eine Mama zu sein. So schön, dass sie es gar nicht in Worte fassen kann. Die praktisch veranlagte Frau ist etwas gefühlsduselig geworden, gibt sie zu. Töchterchen Eva Ronja macht ihr Leben rund.

Aus dem Firmenbüro direkt zum Kaiserschnitt

Dass diese einen kleinen Sturkopf hat und durchaus einen festen Willen besitzt, sah man an der Geburt. "Es war ein geplanter Kaiserschnitt, da sie sich einfach nicht umdrehen wollte und in Steißlage saß - eigentlich seit der ersten Untersuchung", erzählt Susann Mütze. Aber alles lief glatt. Und wie sich das für eine echte Firmenchefin gehört, war sie bis zur letzten Minute in der Tischlerei. "Es ging dann eigentlich direkt aus dem Büro in den OP-Saal", schmunzelt sie. Ein dickes Lob möchte sie der Entbindungsstation des Kamenzer Krankenhauses sagen. "Ich habe mich richtig aufgehoben gefühlt!"

Trotz ihrer 49 Zentimeter Länge brachte Eva Ronja nur 2.370 Gramm auf die Waage. Doch das kleine Defizit hat sie lange aufgeholt. Mutter und Tochter sind ein prima Gespann. Und eigentlich könnte alles fast perfekt sein, hätte sich nicht Papa Felix vor Weihnachten das Bein gebrochen. "Er wollte nur mit unserem Hund raus, aber die lange Leine wurde ihm zum Verhängnis", erzählt Susann.

Seitdem liegt er nach mehreren Operationen noch immer im Krankenhaus. Auch das Weihnachtsfest verbrachte die kleine Familie getrennt. Und Susann Mütze wäre nicht Susann Mütze, wenn sie nicht auch das noch alles gut allein gestemmt bekäme.

Verlässliche Mitarbeiter ersetzen Berufserfahrung

"Ich habe vor allem ein gutes Team im Betrieb, auf das ich mich voll verlassen kann", sagt die Chefin. Die fast durchweg männlichen Kollegen - vom Meister bis zum Gesellen - haben die neue Chefin längst akzeptiert. "Es war für sie ja auch damals schon keine Neuigkeit, dass ich irgendwann einmal die Firma übernehmen würde", sagt sie. "Ich habe kein Problem mit dem Männerüberschuss, mir fehlen kurz und knapp gesagt manchmal einfach noch 20 Jahre Berufserfahrung. So realistisch muss man sein. Aber für manche wichtige Entscheidung habe ich verlässliche Mitarbeiter und meine Meister an der Seite", sagt Susann Mütze.

Trotz allem, trotz Corona-Krise und Mehrfacharbeit, trotz aller privater Veränderung und kleiner Missgeschicke war 2020 ihr Jahr. Und Eva Ronja wird weiterhin ihren Teil dazu beitragen. Ja, Opa Dittmar hätte sich gefreut...

Die Serie "Mutmacher 2020“

2020 ist mehr als Corona. Auch in diesem Jahr haben Menschen ihr Glück gefunden, Neuland betreten und sich von Rückschlägen nicht unterkriegen lassen. Von ihnen und ihren Ideen berichten wir in unserer Serie: Mutmacher 2020: Sechs optimistische Geschichten zum Jahresende.

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