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Der Lebensretter aus Kamenz

Vor Jahren ließ sich Nico Scholze als Stammzellspender registrieren. Jetzt hat er tatsächlich gespendet. So ist es ihm dabei ergangen.

Nico Scholze aus Kamenz hat für einen an Leukämie erkrankten Patienten Stammzellen gespendet. Kennenlernen kann er ihn aber frühestens in zwei Jahren.
Nico Scholze aus Kamenz hat für einen an Leukämie erkrankten Patienten Stammzellen gespendet. Kennenlernen kann er ihn aber frühestens in zwei Jahren. © Matthias Schumann

Kamenz. Der Anruf kam unverhofft - und erwischte Nico Scholze aus Kamenz kalt. Am anderen Ende der Leitung sagte man ihm, dass er eventuell als Stammzellspender für einen an Leukämie erkrankten Menschen in Frage kommt. "Da steht ganz kurz die Welt still", meint Scholze. Ein krasses Gefühl. Das war am 12. Februar. "Ich habe mich vor Jahren registrieren lassen, aber dass man wirklich gebraucht wird, war surreal und nie greifbar", sagt der 32-Jährige.

Und jetzt wurde er doch gebraucht. Und zwar dringend. Irgendwo auf der Welt kämpfte sein genetischer Zwilling nämlich um sein Leben. Schwer an Leukämie erkrankt würde er ohne eine Stammzellspende wahrscheinlich nicht überleben. Wer es ist, ob Mann oder Frau, Kind oder Erwachsener, weiß Nico Scholze bislang nicht.

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"Für mich gab es keine Frage zu spenden. Nicht umsonst habe ich mich registrieren lassen", sagt er. "Das müssen noch viel mehr tun. Schließlich wünscht man sich ebenso Hilfe, wenn es einen trifft!" Die Wahrscheinlichkeit, Stammzellspender zu werden, beträgt rund 1,5 Prozent.

Bundesweit gibt es 26 Spenderdateien

Aller 16 Minuten erhält allein in Deutschland ein Patient die Diagnose Blutkrebs. Das sind 13.000 pro Jahr, 600 davon sind Kinder. Aber weniger als ein Drittel findet innerhalb der eigenen Familie einen geeigneten Spender. Für zahlreiche Patienten ist die Übertragung von Stammzellen jedoch die einzige Heilungsmöglichkeit. Heißt also: Etwa 70 Prozent der Erkrankten sind auf einen nicht verwandten Spender angewiesen.

Bundesweit gibt es 26 Spenderdateien, deren Daten werden alle zur weltweiten Spendersuche im Zentralen Knochenmarkspender-Register Deutschlands gespeichert. Der Verein für Knochenmark- und Stammzellspenden (VKS) mit Sitz in Dresden führt eine dieser 26 Spenderdateien. Bei ihm sind momentan 121.806 Spender registriert.

In der Uni-Klinik einmal komplett durchgecheckt

Der VKS war es auch, der Nico Scholze kontaktierte. Den Startschuss für seine Stammzellspende gab es am 16. Februar. Da musste er zur ersten Blutabnahme beim Hausarzt. "Hier wurde geschaut, ob ich wirklich kompatibel bin", erzählt der junge Unternehmer. Und das Schicksal will es so: Nico Scholze ist die sprichwörtliche "Nadel im Heuhaufen", nach der die Ärzte seines erkrankten, genetischen Zwillings suchten.

Erst ein paar Wochen später nimmt das Ganze Fahrt auf. Der März ist verstrichen. Das Warten zermürbt ein bisschen. Dann kommt die Einladung in die Uni-Klinik nach Dresden. Dort geht alles schnell: Untersuchungen, Ultraschall, EKG, großes Blutbild. "Ist total in Ordnung, man fühlt sich sicher. Und ein schöner Nebeneffekt ist, dass man mal von oben bis unten durchgecheckt wird", sagt Scholze.

Fünf Tage unangenehme Nebenwirkungen

In der dritten Aprilwoche ging es dann richtig los. Die nächsten fünf Tage wurden ein bisschen unangenehm. Nico Scholze musste sich zweimal am Tag selbst spritzen. "Die Spritze an sich ist kein Problem, aber die Nebenwirkungen. Also länger als fünf Tage hätte es nicht unbedingt dauern dürfen. Man fühlt sich wie ein alter Mann", beschreibt der 32-Jährige.

Das liegt am Spenderverfahren. Die periphere Stammzellspende wird am häufigsten durchgeführt. Hierbei werden die Stammzellen aus dem Venenblut gewonnen. Dafür muss allerdings zunächst die Zahl der Stammzellen im Blut erhöht werden. Hierzu ist eine Vorbehandlung mit dem Botenstoff G-CSF erforderlich.

Spende funktioniert wie eine Dialyse

Es beruhigt Nico Scholze, als er erfährt, dass bei heftigen Nebenwirkungen meistens eine gute Spende zu erwarten sei. "So war es auch. Ich habe 1A-Stoff abgeliefert. Das wurde mir noch vor Ort bestätigt", erzählt er schmunzelnd. Der Kamenzer ist geübter Blut- und Blutplasma-Spender. "Damit habe ich mein Studium finanziert", sagt er.

Scholze ist ein Typ, der weiß, was er will. Mit 23 hatte er bereits seine eigene Firma. Heute betreibt er mit einem Freund ein größeres An- & Verkauf-Unternehmen in Kamenz.

Am 19. April ging es wieder ins Dresdner Uni-Klinikum. Ambulant, denn für die Spende waren kein operativer Eingriff und keine Narkose erforderlich. "Das funktioniert ähnlich wie eine Dialyse. Bei mir dauerte es nur dreieinhalb Stunden." Zum Glück habe er sich doch ins Klinikum fahren lassen. "Ich hatte vorher mutig getönt, dass ich das allein schaffe. Aber so war's dann nicht", räumt Nico Scholze ein, dass das Prozedere doch nicht ganz spurlos an ihm vorüberging.

Die sogenannte periphere Stammzellspende wird am häufigsten durchgeführt. Hierbei gewinnt man die Stammzellen aus dem Venenblut des Spenders. Das funktioniert wie eine Dialyse. Bei Nico Scholze dauerte es dreieinhalb Stunden.
Die sogenannte periphere Stammzellspende wird am häufigsten durchgeführt. Hierbei gewinnt man die Stammzellen aus dem Venenblut des Spenders. Das funktioniert wie eine Dialyse. Bei Nico Scholze dauerte es dreieinhalb Stunden. © privat

Zwei Tage später war er aber wieder auf dem Damm. "Man wird krankgeschrieben, aber das nutzte mir als Selbstständiger nichts." Dafür gab es eine handgeschriebene Dankeschön-Karte und einen Scheck über 250 Euro. Damit gerechnet hatte er nicht. Umso schöner war die Aufmerksamkeit.

In der Nachbetrachtung bekommt er Gänsehaut, wenn er daran denkt, dass irgendwo auf der Welt sein genetischer Zwilling lebt. "Wie muss es ihm gegangen sein, als er erfahren hat, dass man einen Stammzellspender gefunden hat?", fragt sich Nico Scholze.

Dass der Empfänger im Ausland lebt, hat man ihm mittlerweile gesagt. In zwei Monaten erfährt er, ob er überlebt hat. Dann könnten sich die beiden anonym Briefe schreiben. Zwei Jahre lang. Anschließend wäre ein Treffen möglich. So sehen es die Regeln vor. "Das liegt nun an meinem Zwilling. Aber irgendwie wünsche ich mir schon, dass er sich meldet..."

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