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Frau hochschwanger - Mann wird trotzdem abgeschoben

Eine Familie aus Tschetschenien, die seit neun Jahren in Kamenz lebt, wird bei einer Abschiebung auseinandergerissen. Das sorgt für Entsetzen.

Von Heike Garten
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Traurig schaut Petimat Eskerbieva aus dem Fenster ihrer Wohnung in Kamenz. Ihr Mann wurde nach Tschetschenien abgeschoben. Die hochschwangere Frau weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll.
Traurig schaut Petimat Eskerbieva aus dem Fenster ihrer Wohnung in Kamenz. Ihr Mann wurde nach Tschetschenien abgeschoben. Die hochschwangere Frau weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll. © Matthias Schumann

Kamenz. Ängstlich und verzweifelt blickt Petimat Eskerbieva auf die kommenden Tage und Wochen. Die 29-Jährige ist hochschwanger, Mitte Januar soll ihr drittes Kind das Licht der Welt erblicken. Doch diesen besonderen Augenblick wird der Vater des Kindes nicht miterleben. Die Familie wurde Ende November getrennt, der Vater nach Tschetschenien abgeschoben, die Mutter und die beiden Kinder blieben in Kamenz zurück.

Mit Schrecken erinnert sich Petimat Eskerbieva an die Nacht, als die Polizei ihren Mann abholte. „Die Kinder und ich waren schon im Bett. Plötzlich klingelte es, und mehrere Polizisten standen vor der Tür“, sagt sie. Sie wollten die Familie abholen und in Leipzig in den Flieger Richtung Tschetschenien setzen. „Ich sollte ein paar Sachen packen, die Kinder wecken und mitkommen.“ Ihr Mann sei kurze Zeit später hinzugekommen. Er habe den Polizisten gesagt, dass sie hochschwanger ist, mit einem schweren Nierenleiden kämpft und die Familie deshalb nicht abgeschoben werden kann.

Mutter: Wollten eine bessere Zukunft für die Kinder

Die Familie war 2013 nach Deutschland gekommen. „Wir wollten unseren Kindern eine bessere Zukunft geben, in Tschetschenien wäre das nicht möglich gewesen“, blickt die Mutter zurück. Sie seien damals mit einem Kind nach Kamenz gekommen, das zweite sei bereits hier geboren worden. Die Familie stellte einen Asylantrag, der sei abgelehnt worden. Sie hätten eine Duldung, aber keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.

Petit Eskerbieva erzählt, wie sie sich in den neun Jahren in Deutschland eingelebt haben. Sie wohnen in Kamenz in einer eigenen Wohnung, der Vater hat eine Vollzeit-Festanstellung bei einer Wachschutzfirma. Das jüngere Kind besucht die Grundschule, das ältere die Oberschule. Alle vier sprechen gut deutsch. Vom Sozialamt bekommt die Familie kein Geld mehr.

Landesdirektion: Familie ist nicht fristgemäß ausgereist

Warum sollte die Familie trotzdem abgeschoben werden? „Die Ausreisepflicht beruht auf der ablehnenden Entscheidung des Asylantrages durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge“, erklärt Ingolf Ulrich, stellvertretender Pressesprecher der Landesdirektion Sachsen auf Nachfrage von Sächsische.de. Die Familie sei innerhalb der vom Bundesamt gesetzten Frist ihrer Ausreisepflicht nicht nachgekommen. „Die Landesdirektion hat daher kein Ermessen, sondern hat die Ausreisepflicht erforderlichenfalls zwangsweise durchzusetzen“, so Ingolf Ulrich. „Eine Ankündigung des konkreten Abschiebetermins ist gesetzlich ausdrücklich untersagt.“

Also standen die Polizisten eines Nachts vor der Tür der Familie. „Die Kinder haben geweint, haben sich an ihren Papa geklammert“, erzählt Petimat Eskerbieva. Die Eltern hätten die Polizisten angefleht, sie nicht mitzunehmen, da ja die Mutter hochschwanger ist. Auf Anordnung der Polizei wurde sie dann mit dem Notarztwagen zur Prüfung ihres Gesundheitszustandes ins Kamenzer Krankenhaus gefahren.

Dort stellt das Klinikpersonal fest, dass sie nicht reisefähig ist, und empfiehlt eine stationäre Behandlung. Die Abschiebung der Mutter und der beiden Kinder wird deshalb abgebrochen. Den Vater nehmen die Polizisten mit. Von Leipzig aus wird er nach Tschetschenien geflogen.

Flüchtlingsrat: Trennung der Familie ist ein Skandal

Entsetzt über diese Vorgehensweise zeigt sich die behandelnde Frauenärztin im Kamenzer Krankenhaus. „Die Kinder sind massiv traumatisiert und verängstigt. Frau Eskerbieva ist mit dieser Situation verständlicherweise völlig überfordert und allein“, sagt die Ärztin.

Auch der sächsische Flüchtlingsrat ist entsetzt über die Abschiebung. „Ein Skandal, denn allen Beteiligten war bewusst, dass hier eine Familientrennung stattfindet“, sagt Jörg Eichler vom Flüchtlingsrat. Abschiebungen mit Familientrennung seien in Sachsen leider alles andere als nur Einzelfälle. „Allein in den vergangenen fünf Jahren wurden in Sachsen über 70 Familien während der Abschiebung getrennt, auch schwer Erkrankte werden regelmäßig abgeschoben“, berichtet Jörg Eichler.

Wie geht es nach der Entbindung weiter?

Wie geht es jetzt mit der 29-jährigen Tschetschenin und ihren Kindern weiter? Finanziell leben sie vom letzten Gehalt ihres Mannes, das von der Firma überwiesen wurde. Dann bleibt nur noch der Gang zum Sozialamt. „Ich telefoniere regelmäßig mit meinem Mann, der jetzt bei seiner Mutter und seinem Bruder in Tschetschenien lebt“, sagt Petimat Eskerbieva. „Die Kinder fragen immer wieder nach ihrem Papa, ich kann ihnen die Situation nicht erklären.“

Zur Geburt, die am 18. Januar per Kaiserschnitt geplant ist, und für die Tage danach wollte sie ihre Kinder zu einer Nachbarin geben. Doch die befreundete Familie wurde inzwischen auch abgeschoben. Wo sollen die Kinder in der Zeit, in der die Mutter im Krankenhaus ist, nun bleiben?

Nach Aussage der Frauenärztin wurde Petimat Eskerbieva angedroht, dass sie zwei Monate nach der Entbindung auch abgeschoben wird. Die Tschetschenin hat inzwischen einen Anwalt eingeschaltet. Sie hofft, dass sie mit ihren Kindern bleiben kann und ihr Mann nach Deutschland zurückkommen darf.