merken
PLUS Kamenz

Die Gefahr in der Königsbrücker Heide

Auf einem schmalen Streifen entlang der B 97 suchen Bergungstrupps nach alter Munition. Warum die Gefahr gerade dort besonders groß ist.

Frank Härtwig und Steffen Maul haben einen gefährlichen Job: Sie suchen derzeit in der Königsbrücker Heide nach Munition.
Frank Härtwig und Steffen Maul haben einen gefährlichen Job: Sie suchen derzeit in der Königsbrücker Heide nach Munition. © René Plaul

Schwepnitz. Den Blick starr auf den Boden gerichtet gehen die Männer hoch konzentriert durch den Wald, bewaffnet mit Technik und mit ihren orangefarbenen Westen kaum zu übersehen. Pilzsammler sehen anders aus - obwohl einige der Männer Eimer tragen. Doch sie sammeln etwas anderes: Munition oder Kampfmittel, wie der Fachmann sagt – im Auftrag der  Verwaltung des Naturschutzgebietes Königsbrücker Heide. 

Bevor der Wald zur Schutzzone wurde, war er jahrzehntelang Militärgebiet und Truppenübungsplatz. Das hat Spuren hinterlassen bis nahe an die Bundesstraße 97. Denen geht die Bergungstruppe der Sächsischen Kampfmittelbeseitigungs GmbH (SKB) derzeit auf einem Streifen an der B97 zwischen Schwepnitz und Schmorkau nach. 

Anzeige
"Wir wollen Weltbürger ausbilden"
"Wir wollen Weltbürger ausbilden"

Die neue Rektorin der TU Dresden hat viel vor. Sie denkt global, will die Exzellenz in Forschung und Lehre stärken und die Uni stärker für Ältere öffnen.

Aber warum gerade hier? Es gehe dabei vor allem um die Sicherheit von Rettungskräften. Frische Blumen unweit am Straßenrand geben einen Hinweis. Dort verunglückte ein junger Mann erst vor wenigen Wochen tödlich. Schwere Unfälle kämen hier häufig vor, erklärt Kaj Krumbiegel von der Verwaltung des Naturschutzgebiets. 

Wenn der Zeiger der Sonde nach rechts ausschlägt, dann könnte Gefahr in Verzug sein. Mit dem Spaten wird der unbekannte Gegenstand dann vorsichtig ausgegraben.
Wenn der Zeiger der Sonde nach rechts ausschlägt, dann könnte Gefahr in Verzug sein. Mit dem Spaten wird der unbekannte Gegenstand dann vorsichtig ausgegraben. © René Plaul

Die Autos schleudere es dann oftmals von der Straße. Retter müssen dann in den Wald, um die Verunglückten und die Autos zu bergen. Genau dort lauert die Gefahr in der Erde. Ebenso bei Löscheinsätzen im Falle von Waldbränden. Aber es habe Hinweise auf Munition gegeben. Die wird nun beseitigt.

Mit Angaben zur Art der explosiven Fundstücke oder Mengen sind die Mitarbeiter des Sächsischen Kampfmittel-Beseitgungsdienstes, ebenso wie die Polizei und die NSG-Verwaltung  zurückhaltend. Man will keine Muntionsjäger anlocken. Nur soviel: An der B 97 seien bisher ohnehin keine großen Fliegerbomben aufgespürt worden, aber Geschosse unterschiedlicher Kaliber. Die können genug Schaden anrichten, so SKB-Chef Maik Exner, seit 28 Jahren als Kampfmittelexperte im Einsatz.

Laut Polizeiverwaltung in Dresden wurden im Vorjahr im Freistaat 175 Tonnen Munition gefunden, die Heide inklusive - in der Masse Artilleriegeschossen und Bomben. Eine Statistik exklusiv zur Königsbrücker Heide gebe es nicht. Das sah Anfang des Jahrzehnts offenbar noch anders aus. Da wurden laut NSG-Verwaltung allein in einem Jahr 2.200 Stück Munition in der Heide geborgen. Innerhalb von fünf Jahren rund 138 Tonnen.

Feuer bringt Munition zutage

Intensiv abgegrast wird derzeit ein Streifen von etwa 20 Meter Breite auf einem Abschnitt von vier Kilometern. Das ist freilich nur ein Bruchteil des Naturschutzgebietes von 70 Quadratkilometern Größe. Viel zu weitläufig, um es systematisch abzusuchen. Das geschehe eher punktuell, wenn es Anhaltspunkte für Gefahrengebiete gebe, zum Beispiel wenn Tiere etwas ausgraben. In einer größeren Aktion mussten die Kampfmittel-Experten 2018 aktiv werden. 

Der verheerende Bodenbrand vor zwei Jahren bei Schwepnitz ist noch in guter Erinnerung. Die Feuersglut förderte das Ausmaß der Belastung zu Tage. Granaten hätten danach überall regelrecht aus der Erde geguckt, berichten Zeugen. Zwei Granaten seien in der Hitze detoniert. Im Nachgang, so berichten Beteiligte, habe der Kampfmittelbeseitigungsdienst allein auf diesem Brand-Areal 200 Tonnen Munition aus der Erde geholt. Und nicht nur Kalaschnikow-Patronen

Diese Munitionin der Königsbrücker Heide gefundene Munition wurde 2013 gesprengt werden, weil sie nicht transportfähig war. In der Königsbrücker Heide liegt tonnenweise Munition, die Stück für Stück geborgen wird.
Diese Munitionin der Königsbrücker Heide gefundene Munition wurde 2013 gesprengt werden, weil sie nicht transportfähig war. In der Königsbrücker Heide liegt tonnenweise Munition, die Stück für Stück geborgen wird. © Archivfoto: Matthias Schumann

Frank Härtwig und Steffen Maul von der SKB ziehen unterdessen bedächtig weiter ihre Bahn, einen halben Meter pro Sekunde. Ein gefährlicher Job.  „Man muss schon wissen, was man tut. Wir haben Respekt vor den Kampfmitteln, die da in der Erde lagern“, sagt SKB-Chef Maik Exner, selbst aus Schwepnitz. Da schlägt das Suchgerät „Sensys SBL 10“ an und schnarrt laut. Die Sonde ist auf Eisen spezialisiert und kann das Metall in Metern Tiefe orten. An einem Goldschatz würde der Suchtrupp allerdings achtlos vorbeigehen. Dafür gebe es manchmal sogar bei vorbeifahrenden Lastern Alarm. 

Nicht in dem Fall.  Der Spaten kommt zum Einsatz und … ein Stück verrosteter Stacheldraht zu Tage - Entwarnung. Nägel, Bierbüchsen oder Blechteile von Autos sind beliebte Fundstücke. Auch schon mal eine Kascha-Dose, möglicherweise noch russischen Ursprungs, also Buchweizengrütze – alles andere bleibt geheim.

Erst kürzlich wurde eine Panzerfaust nahe des Radwegs an der B97 gefunden, berichten Schwepnitzer. Kreuzgefährlich. Zum Glück ist wohl noch nichts dramatisches passiert. Aber die Experten können nur immer wieder davor warnen und Besucher der Heide anhalten, die markierten Besucherpfade nicht zu verlassen. Im Naturschutzgebiet ist es ohnehin nicht erlaubt. Dennoch werde relativ häufig gegen das Verbot verstoßen, insbesondere in den Randbereichen während der Pilzsaison. Verstöße gegen den Naturschutz können mit Bußgeldern von bis zu 5.000 Euro geahndet werden. 35 Kilometer Besucherpfade sollten doch reichen, sagt Kaj Krumbiegel. Auch von dort sei die Hirschbrunft bestens zu hören, ohne Pflanzen breit zu trampeln und die Tiere aufzuscheuchen und sich zu gefährden.

Munition aus 100 Jahren

Andreas Weiner, Leiter der Stabsstelle Kommunikation des Polizeiverwaltungsamtes in Dresden, erklärt, keiner könne genau sagen, was noch in der Erde lagere und wo. Denn das Areal werde seit über 100 Jahren militärisch genutzt: von der Reichswehr über die Wehrmacht bis hin zu sowjetischen Truppen. So berge es ein besonderes Gefahrenpotential: „Hier mischen sich Kampfmittel aus Zeiten beider Weltkriege mit Blindgängern, Exerzier-Munition und nicht verwendeten Kampfmitteln der Nachkriegszeit.“ 

Je länger in der Erde, um so unberechenbarer: „Ein beim Spaziergang aufgefundener Gegenstand darf nicht angefasst werden!“, so Weiner, „Markieren Sie die Fundstelle und warnen Sie andere Spaziergänger.“ Dann ist sofort die Polizei zu informieren. Maik Exner, Mitte 50, ist sich sicher: Er werde es nicht erleben, dass die Heide sauber ist. Erstmal wird weiter an der B 97 zwischen Schwepnitz und Schmorkau der Wald abgesucht. 

Weiterführende Artikel

Vorsicht mit Pilzen vom Militärgelände

Vorsicht mit Pilzen vom Militärgelände

Fachmann Siegfried Holstein rät vom Sammeln in der Königsbrücker Heide ab. Nicht nur, weil es ohnehin verboten ist.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz