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PLUS Familienkompass 2020 Kamenz

Wenn Kinder zum Mobbing-Opfer werden

Beim Familienkompass Sachsen wird deutlich: Mobbing und Gewalt ist an den Schulen rund um Pulsnitz ein größeres Problem. Was sagt eine Schulleiterin dazu?

Schulsozialarbeiterin Sarah Hartmann (l.) und die Leiterin der Oberschule Pulsnitz, Silvana Wendt, ergreifen viele Maßnahmen, um Mobbing zu verhindern oder zu unterbinden.
Schulsozialarbeiterin Sarah Hartmann (l.) und die Leiterin der Oberschule Pulsnitz, Silvana Wendt, ergreifen viele Maßnahmen, um Mobbing zu verhindern oder zu unterbinden. © René Plaul

Pulsnitz. Es ist Pause in der Schule. Die Kinder stehen in kleinen Gruppen zusammen, quatschen und lachen. Nur Gregor sitzt allein in seiner Bank, kaut missmutig an seiner Schnitte. Dann wird plötzlich laut gelacht, und alle drehen sich zu ihm um und grinsen. Gregor gehört zu keiner Clique. Manchmal passiert es, dass ein anderer Schüler seinen Ranzen auskippt - nur so aus Spaß. Im Sport wird er als letzter ins Team gewählt. Am schlimmsten aber sind die Anfeindungen in sozialen Netzwerken, die von Beleidigungen bis hin zu Drohungen gehen. Gregor wird gemobbt und traut sich nicht, mit seinen Eltern oder einem Lehrer zu sprechen. Das ist eine fiktive Geschichte.

Doch das Beispiel mit dem erfundenen Gregor gibt es an fast allen Schulen rund um Pulsnitz. Unabhängig von der Schulart gehört Mobbing zur Tagesordnung - oft unbemerkt. Im Familienkompass wird speziell auch dieses Thema angesprochen. So sollten Eltern eine Aussage zu dem Punkt: „An der Schule meines Kindes gibt es ein Problem mit Mobbing/Gewalt“ geben. 

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Die Antwort reichten von „stimme voll zu“ bis „überhaupt nicht zu“. In dieser Kategorie lagen die Antworten der befragten Eltern aus Pulsnitz, Lichtenberg, Ohorn, Steina und Haselbachtal unter dem sachsenweiten Durchschnitt. Sie vergaben die Note 2,74. Der Sachsen-Durchschnitt liegt bei 2,48. Die Befragung zeigt allerdings nicht, welche Schule das Kind besucht. 

Auch Drogen, Alkohol und Gewalt sind ein Problem

Im Untersuchungsgebiet gibt es mehrere Schulen und außerdem Schulen in Nachbarregionen, die Kinder aus dem Befragungsgebiet besuchen. Das sind die Oberschulen in Pulsnitz und Großröhrsdorf, die Gymnasien in Großröhrsdorf, Kamenz und Radeberg, die freie Schule in Großnaundorf und die Grundschulen in Pulsnitz, Ohorn, Oberlichtenau, Gersdorf und Leppersdorf. 

Sächsische.de sprach mit der Schulleiterin der Ernst-Rietschel-Oberschule in Pulsnitz Silvana Wendt und der Schulsozialarbeiterin Sarah Hartmann. Bei dem Gespräch wurde nicht nur das Problem Mobbing sondern auch Drogen und Alkohol sowie Gewalt thematisiert.

Silvana Wendet weiß, dass es auch in ihrer Schule vereinzelt Mobbing-Fälle gibt, „aber keine besonderen Auffälligkeiten im Vergleich zu anderen Bildungseinrichtungen“. Trotzdem nimmt man das Thema sehr ernst. Man könne allerdings nur reagieren, wenn es bekannt ist. „Wir sind froh, wenn sich Eltern oder der Schüler an uns wenden, denn dann können wir als Lehrer beobachten und etwas dagegen tun“, erklärt die Schulleiterin. 

Doch oft wollen Mobbing-Opfer gar nicht mit jemanden reden, weil sie schlimmere Konsequenzen fürchten. „Mobbing hat viel mit Gruppendynamik zu tun. Es hilft also oft, wenn mit der ganzen Klasse gearbeitet wird“, erklärt Sarah Hartmann. Dazu gehören viele Gespräche. „Die Mitschüler müssen zeigen, dass sie Mobbing nicht tolerieren“, sagt die Sozialpädagogin. In den Klassen in Pulsnitz werden Helferteams gebildet, sozusagen Experten für das Klassenklima. Das alles sei ein langer Prozess, wissen die beiden Pädagogen. „Wir schauen nicht weg“ - ist das Credo der Kollegen an der Rietschel-Schule.

Schüler kamen angetrunken zum Unterricht

Probleme gibt es an den Schulen auch mit Alkohol und Drogen. „Es gab jedoch noch keinen einzigen Fall, wo Drogen oder Alkohol in der Schule aufgetaucht sind“, sagt die Schulleiterin. So sei bekannt, dass außerhalb der Schule und manchmal auch nachts von Jugendlichen Alkohol und Drogen konsumiert werden. Auch kam es einmal vor, das Schüler angetrunken in die Schule kamen. Da wurden die Eltern informiert, die ihr Kind abholten und die Situation mit ihren Kindern besprachen. 

Trotzdem arbeitet die Schule intensiv an diesem Problem: mit zahlreichen Präventionsprojekten in den Klassen. Man holt sich externe Partner, zum Beispiel von der Polizei oder dem „Team mobiler Jugendschutz“. „Wir müssen auch die Nichtkonsumenten stärken, damit sie wiederum auf die anderen einwirken können“, erklärt Sarah Hartmann. Eine wichtige Bedingung zum Gelingen von Präventionsmaßnahmen stellt das Interesse von Eltern und Schülern dar.

Ähnlich wie die Schule sieht auch die Elternvertretung die Problematik. Chefin Katharina Seifert und deren Stellvertreterin Kathrin Bergk engagieren sich schon lange an der Schule, beobachten die Entwicklung seit Jahren. „Wir wissen, dass die Themen Mobbing in der Schule sowie Alkohol und Drogen in der Stadt Pulsnitz eine Rolle spielen“, sagen beide. Das sei nicht erst seit Kurzem so. Eltern wenden sich an die Elternsprecher direkt oder suchen den Kontakt über die Elternvertretung der Klasse. Zahlen können die beiden Frauen nicht nennen. Es sei in jedem Schuljahr unterschiedlich.

Polizei fährt häufiger Streife

Positiv bewerten die Elternvertreter die vielen Präventionsprojekte an der Schule und den Einsatz einer Sozialpädagogin. „Mit dem Weggang der letzten Sozialarbeiterin entstand allerdings eine Lücke von einem halben Jahr, bis Frau Hartmann dann ihre Arbeit in der Schule begann. Das alles ist sehr unglücklich gelaufen“, sagt Kathrin Bergk. 

Die Elternvertreter schätzen die gute Zusammenarbeit mit der Schule. „Bisher haben wir immer eine Lösung gefunden - und das im engen Kontakt mit allen Beteiligten“, sagt Katharina Seifert. Auch gebe es eine Zusammenarbeit mit der Polizei, die jetzt vermehrt im Stadtgebiet Streife fährt.

Die Probleme mit Mobbing, Alkohol oder Drogen werden nicht verschwinden, weil immer neue Generationen nachwachsen - in Pulsnitz versuchen aber viele Beteiligte, Lösungen für eine Entschärfung zu finden.

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