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In Kamenz tickt's nicht mehr richtig

Schon seit vorigem Sommer stehen die Zeiger der Rathausuhr still. Woran das liegt und wie ein Kamenzer dafür sorgt, dass die Glocke trotzdem schlägt.

Olaf Böttcher wartet seit etwa zehn Jahren die Kamenzer Rathausuhr. Doch derzeit steht das Uhrwerk still, weil ein wichtiges Teil zur Reparatur ist.
Olaf Böttcher wartet seit etwa zehn Jahren die Kamenzer Rathausuhr. Doch derzeit steht das Uhrwerk still, weil ein wichtiges Teil zur Reparatur ist. © Matthias Schumann

Kamenz. Darüber haben sich bestimmt schon manche Passanten in Kamenz gewundert: Die Rathausglocke schlägt pünktlich Zwölf, aber die Uhr geht nach dem Mond – die Zeiger stehen auf 15.40 Uhr. Das Uhrwerk bewegt sich schon seit gut einem halben Jahr nicht mehr. Mit Ausnahmen – zum Beispiel, wenn Olaf Böttcher mal an den Zeigern dreht. Der Kamenzer Elektronik-Fachmann und Tüftler betreut die Rathausuhr schon seit etlichen Jahren. Doch langsam wird er unruhig.

Olaf Böttcher zeigt auf den leeren Fleck, wo eigentlich ein Schlagwerk stehen müsste. Drei Wochen sollte die Reparatur beim Hersteller in Leipzig, der Firma Bernhard Zachariä, dauern. Daraus sind inzwischen mehr als sechs Monate geworden.

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Ein verschlissenes Zahnrad war der Grund für den Reparaturauftrag. Olaf Böttcher baute im vorigen Jahr das betroffene Schlagwerk aus und bugsierte das Schwergewicht mithilfe eines Flaschenzugs aus dem Turm nach unten. In der Hoffnung, es im Oktober wieder hinaufziehen zu können.

Lautsprecher imitieren die Glocken

Doch daraus wurde nichts. Denn in Leipzig zeichneten sich Schwierigkeiten bei der Reparatur des historischen Schlagwerks ab. Gegen Ende des Jahres, berichtet Olaf Böttcher, habe er dann zumindest wieder für einen Glockenklang gesorgt, weil Weihnachten vor der Tür stand.

Der Klang kommt allerdings nicht von den Glocken, zumindest nicht direkt, sondern aus stattlichen Lautsprechern für einen satten Sound. Die hat Böttcher in etwa 25 Metern Höhe auf dem Turm-Balkon unterhalb der kleinen Filialtürmchen platziert. Und vorsichtshalber gut mit Holzplatten abgedeckt – wegen der Vogel-Exkremente.

Der Fachmann versichert, dass es der Original-Glockenklang exakt in Lautstärke und Tonart sei: mit einem D für die große Stunden-Glocke und dem Fis für die kleine Glocke. Sie gibt den Viertelstunden-Ton an. Den Klang zeichnete der Tüftler in Stereo-Qualität auf. Leider sei es dabei etwas stürmisch gewesen, wer gute Ohren hat, könne es hören.

Ein Laptop steuert das Geläut im Turm

Ein Laptop im Turm steuert nun das Geläut, damit es zur richtigen Uhrzeit mit den korrekten Schlägen vom Turm tönt. Olaf Böttcher schrieb dafür extra ein Computer-Programm. Ein Verstärker verleiht dem digitalen Glockenschlag die nötige Kraft. Nur die Zeiger stehen eben immer noch still.

Am Donnerstag stieg Olaf Böttcher wieder hinauf zur Uhr: bis in den dritten Stock des Rathauses bequem mit dem Aufzug. Dann beginnen schmale Holzstiegen bis hinauf zum Uhrwerk, und noch weiter zu den Glocken sind es fast 80 Stufen in wirklich luftiger Höhe. Dort knarzt der hölzerne Aufgang spürbar, und es darf einem schon etwas mulmig werden. Doch der 71-Jährige nimmt die Treppen gern in Kauf für einige Experimente am Zeitmesser.

Etwa 40 Meter ragt der Kamenzer Rathausturm in die Höhe. Das Uhrwerk hinter dem Zifferblatt befindet sich in gut 20 Metern Höhe. Viele Holzstufen führen dort hinauf und weiter bis zum Balkon zwischen den Filialtürmchen. Dort stehen die Lautsprecher, aus d
Etwa 40 Meter ragt der Kamenzer Rathausturm in die Höhe. Das Uhrwerk hinter dem Zifferblatt befindet sich in gut 20 Metern Höhe. Viele Holzstufen führen dort hinauf und weiter bis zum Balkon zwischen den Filialtürmchen. Dort stehen die Lautsprecher, aus d © Matthias Schumann

Denn der läuft inzwischen nicht mehr nur mechanisch, wenn sich die Zeiger wieder drehen. Zwar greifen nach wie vor fein gefräste Zahnräder ineinander, von einem Pendel gesteuert. Doch der Elektronikfachmann hat einen Weg gefunden, die Präzision heutiger Quarzuhren mit der historischen Pendeltechnik zu verbinden.

Steuergerät sorgt für präzisen Takt

Ein Steuergerät empfängt das Zeitsignal wie herkömmliche Funkuhren und gibt über eine Spule und Elektromagneten dem Uhr-Pendel einen präzisen Takt. Damit wird die alte Rathausuhr fast so genau wie eine Atomuhr. So liege die Abweichung nur bei einer Sekunde im Monat, erklärt Olaf Böttcher. Damit seien alle Umwelteinflüsse nahezu ausgeschaltet, die sich auf die Ganggenauigkeit auswirken. Ohne Steuerung würde die Abweichung durchaus bei einigen Minuten liegen.

Er habe lange mit Physikern darüber diskutiert, die ihre Zweifel hatten, erzählt Böttcher. Doch er kann im Rathausturm demonstrieren, dass es funktioniert. Für diese Entwicklung habe er sogar das Patent. So begeistert ihn die Rathausuhr vor allem auch, weil er gern experimentiert und weil schon sein Großvater vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Rathausuhr zu tun hatte. Die wurde damals von Uhrmacher Rädel gewartet. Und Böttchers Großvater unterstützte den Meister mit dem genauen Zeit-Signal aus einem Mittelwellen-Radio.

Außerdem habe er ja gerade mit Messtechnik schon viel Erfahrung, erklärt Olaf Böttcher. Denn er entwickelte eine spezielle für den Wassersport. Sie wird weltweit bei Wettkämpfen eingesetzt.

Jetziges Uhrwerk wurde 1964 eingebaut

Nun kommt ihm die Erfahrung bei der Uhr im Rathausturm zugute. Dort geben laut Stadtarchiv schon mehr als 500 Jahre Zeitmesser Orientierung. Nach dem Stadtbrand 1842 wurde eine Uhr aus der Werkstatt von Louis Hadank und Söhne aus Hoyerswerda montiert, die den Kamenzern immerhin über 100 Jahre zuverlässig die Zeit anzeigte.

Das jetzige Uhrwerk baute 1964 dann die Leipziger Firma Bernhard Zachariä ein. Die Technik selbst könnte aber noch älter sein. Auf 60 bis 80 Jahre schätzt sie der Hersteller selbst. Gegründet 1808, gilt der nach eigener Aussage immerhin als die älteste noch bestehende Turmuhrenfabrik in Deutschland. Hier wird nicht nur repariert und gewartet. Das Firmenprogramm umfasst neben Turmuhren auch elektrische Glockenläute-Anlagen, Glockenspiele und Spezialuhren. Dennoch stellte das Kamenzer Uhrwerk die Fachleute offenbar vor keine leichte Aufgabe.

Falls sie nicht vorankommen sollten, wäre Olaf Böttcher sogar entschlossen, die Anlage auf elektronischem Weg in Gang zu bringen, damit sich die Zeiger endlich wieder drehen. Doch das sei eigentlich nicht sein Ziel: „Es geht darum, das alte Uhrwerk im Einsatz zu erhalten.“

Testphase fürs reparierte Uhrwerk

Die Chancen stehen auch ganz gut. Das neue Zahnrad sei jetzt fertig, sagt Zachariä-Geschäftsführer Andreas Perrot gegenüber Sächsische.de. Die erhebliche Verzögerung habe es gegeben, weil das Rädchen eben kein Normteil sei: „Das finden Sie nicht im Regal“, sagt Perrot.

Um das Duplikat herstellen zu können, habe man erst Werkzeuge und Vorrichtungen reaktivieren und reparieren müssen, die lange nicht gebraucht wurden. Denn die spezielle Form der Zähne habe nicht auf einer normalen Fräsmaschine hergestellt werden können.

Anfang der kommenden Woche soll das Zahnrad nun für eine Testphase in das Schlagwerk eingebaut werden. Damit ist es aber noch nicht zurück im Turm. Mit einem Termin bleibt der Chef vorsichtig. Denn die feine Technik müsse optimal ineinandergreifen, damit das Werk auch wirklich rundläuft - und sich die Zeiger der Kamenzer Rathausuhr endlich wieder drehen.

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