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Kamenzer plant Neustart seiner Deutschland-Tour

Nach Herzinfarkten und Schlaganfall geht Enrico Wenzel auf eine besondere Reise, muss sie aber vorzeitig abbrechen. Was er bei der Fortsetzung anders machen will.

Enrico Wenzel aus Kamenz schaut jetzt öfter in den Atlas, denn er plant die Fortsetzung seiner Mutmachertour für Schlaganfallpatienten. Beim ersten Anlauf hatte er sie zwölf Tage nach dem Start abbrechen müssen.
Enrico Wenzel aus Kamenz schaut jetzt öfter in den Atlas, denn er plant die Fortsetzung seiner Mutmachertour für Schlaganfallpatienten. Beim ersten Anlauf hatte er sie zwölf Tage nach dem Start abbrechen müssen. © Matthias Schumann

Kamenz. Eigentlich wollte der Kamenzer Enrico Wenzel längst den Rhein hinauf radeln und die Hälfte der geplanten 2.500 Kilometer auf seiner Deutschland-Tour hinter sich haben. Doch es kam anders. Das Fahrrad – ein spezielles Dreirad - steht vorerst wieder im heimischen Keller. Bis zum Neustart ist einiges daran zu optimieren.

Nach zwei Herzinfarkten und einem Hirnschlag infolge von Unfällen ist Enrico Wenzel halbseitig gelähmt. Ärzte hätten ihm attestiert, dass er niemals wieder laufen werde. Noch vor ein paar Monaten war er auf den Rollstuhl angewiesen. Aber der Kamenzer ist ein Stehaufmännchen. Das will er jetzt auch mit seiner Rückfahrt ins Leben zeigen. So nennt er seine Tour rund um Deutschland in 50 Tagen mit Abstechern nach Österreich und Tschechien.

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Er wolle anderen Mut machen, nicht aufzugeben, auch wenn es aussichtslos erscheint, und das Unmögliche zu probieren – so wie er. Doch jetzt wurde sein Elan gebremst. Nur zwei Wochen nach dem Start musste er nach Kamenz zurückkehren. Er habe seine Tour aber nicht abgebrochen, sondern nur unterbrochen, betont er immer wieder. Nun will er die bisher gesammelten Erfahrungen auswerten und weitermachen.

Viele Widrigkeiten schon auf den ersten Etappen

Schon auf den ersten Etappen nach dem Start am 1. Mai hatte der Kamenzer mit Widrigkeiten zu kämpfen. Dazu gehörte massiver Regen. Wegen des schlechten Wetters habe er im Brandenburgischen spontan im Wald sein Zelt aufschlagen wollen. „Da stand das örtliche Ordnungsamt schon auf der Matte und drohte mit zig Tausenden Euro Strafe.“

Immer wieder habe ihn die Polizei gestoppt und er sich erklären müssen: Dass es eben keine touristische Reise sei, sondern eine karitative Aktion. Dazu sollten Treffen mit Fachärzten, in Selbsthilfegruppen und Reha-Einrichtungen für Schlaganfallpatienten gehören. Außerdem will der Kamenzer bei seiner Mutmachertour Spenden für die Deutsche Schlaganfallhilfe sammeln – einen Euro pro Kilometer. Die Spendendose ist immer mit dabei.

Wegen der Corona-Auflagen hätten aber immer mehr Gesprächspartner abgesagt. Außerdem sei seine Planung für die Quartiere ins Schleudern gekommen. Die hatte er bei privaten Pensionen vereinbart, außerdem wollte er auf Vereinsgeländen – natürlich mit Genehmigung - sein Zelt für eine Nacht aufschlagen.

Unsicherheiten wegen der Corona-Bestimmungen

„Viele haben kalte Füße bekommen“, berichtet Wenzel. Es gebe Unsicherheiten, was erlaubt sei und was nicht, und es werde intensiv kontrolliert. Keiner wolle Ärger mit den Behörden bekommen. Da und dort habe es noch geklappt, auch dank Freunden, die viel telefoniert und ihn zu Quartieren gelotst hätten.

Richtung Mecklenburg sei dann aber Schluss gewesen, wegen des weitreichenden Einreiseverbotes für Touristen. Kompliziert sei es auch geworden, weil die Corona-Bestimmungen sogar von Landkreis zu Landkreis variieren: „Das Chaos kann keiner überblicken“, sagt Enrico Wenzel.

Enrico Wenzel mit seinem Dreirad: Der Anhänger wird nicht mehr dabei sein, wenn er im Sommer seine Deutschland-Tour fortsetzt.
Enrico Wenzel mit seinem Dreirad: Der Anhänger wird nicht mehr dabei sein, wenn er im Sommer seine Deutschland-Tour fortsetzt. © Matthias Schumann

Bußgelder habe er nicht riskieren wollen, sich also schweren Herzens in den Zug gesetzt: nach den ersten zwölf Tagen und 370 Kilometern. Wegen Umwegen waren es bis dahin bereits ein paar mehr als geplant – aufgrund unvorhergesehener Baustellen: „Die wachsen wie Pilze aus dem Boden.“

Aber Enrico Wenzel erlebte noch weitere Nackenschläge. In Cottbus habe ihn ein E-Biker abgedrängt, wodurch er auf Straßenbahnschienen gestürzt sei. Er habe sich aber rechtzeitig wieder aufrappeln und mit ein paar geprellten Rippen und Schürfwunden den Weg fortsetzen können.

An einer Baustelle sei er mit dem Rad zwischen Stahlplatten steckengeblieben: „Ich musste warten, bis mir Passaten aus der Klemme helfen.“ Enrico Wenzel berichtet von Pfützen so groß wie der Kamenzer Tuchmacherteich und Leuten, die ihn aus dem Matsch gezogen hätten. Und dann immer wieder Diskussionen mit Ordnungshütern wegen seines behindertengerechten Fahrrads mit drei Rädern. Mal sei er deswegen von der Straße auf den Fußweg verwiesen worden, mal wieder zurück auf die Straße.

Neue Pläne für die Fortsetzung der Tour

Aber er habe auch viele interessante Gespräche unterwegs geführt – abends im Quartier oder an der Würstchenbude. Natürlich sei es um das Thema Schlaganfall und Hirnblutungen gegangen, was auch jüngere Menschen treffen kann, zum Beispiel durch einen Unfall. „Davor und vor den Nachwirkungen ist niemand gefeit“, sagt Wenzel. Es hätten sich aber gerade in Berlin auch Leute abgewendet, "als würden sie sich fremdschämen beim Anblick eines behinderten Menschen".

Rein körperlich wäre es auf jeden Fall weitergegangen, sagt der 40-Jährige. Nun sitzt er vor einem Deutschlandatlas und hat begonnen, die Rest-Tour noch einmal ganz neu zu planen, viel genauer, vor allem die Übernachtungen.

Gerade tüftele er, wie er Radtaschen optimal befestigen kann. Denn auf den Anhänger wolle er beim Neustart verzichten. Der sei zu schwer und habe sich gerade in schwierigem Terrain oder auf schlechten Straßen als hinderlich erwiesen. An einer Pedale müsse er etwas tun, weil er unter spastischen Zitteranfällen leide und ein Fuß immer wieder abrutsche. Und am Lenker, damit das Radeln „nicht so auf die Wirbelsäule geht“.

Für den Neustart der Tour in Nord-Brandenburg hoffe er natürlich auf weitere Lockerungen der Corona-Auflagen und vielleicht da und dort auf Hilfe von der Stadt und der neuen Kamenzer Behindertenbeauftragen. Die Fortsetzung, wünscht er sich, soll ohne weitere Unterbrechungen über die Bühne gehen.

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