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Nach zwei Schlaganfällen auf Deutschland-Tour

Zwei Prozent Überlebenschance gaben die Ärzte Enrico Wenzel aus Kamenz vor seiner Hirn-OP. Nun plant er eine außergewöhnliche Reise.

Noch plant Enrico Wenzel, der zwei Schlaganfälle erlitt, seine außergewöhnliche Tour am Rechner. Am 1. Mai soll Abreise in Kamenz sein.
Noch plant Enrico Wenzel, der zwei Schlaganfälle erlitt, seine außergewöhnliche Tour am Rechner. Am 1. Mai soll Abreise in Kamenz sein. © René Plaul

Kamenz. Noch im November war der Rollstuhl Enrico Wenzels treuester Begleiter. Fast nichts ging ohne ihn. Sogar in der Wohnung pendelte der Kamenzer damit zwischen Küchentisch und Toilette. Am großen Holztisch saß er oft stundenlang und surfte im Internet. Ab und zu kam jemand zu Besuch. Und nachmittags seine beiden Kinder aus der Schule. Das war's an Unterhaltung.

Heute öffnet der 40-Jährige persönlich die Wohnungstür. "Kommt rein, es ist schweinekalt. Das vertrage ich nicht so gut", sagt er. Über die linke Hand hat er einen Wärmeschutz gezogen. Die Folgen seiner Schlaganfälle sind ihm immer noch deutlich anzusehen. Aber er läuft selbstständig und hat etliche Kilos abgenommen. Der Sport bekommt ihm. Die Therapien auch.

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Schlaganfall kann auch junge Menschen treffen

37 Jahre war er, als es ihn plötzlich aus dem Leben riss. Kein Alter für einen Schlaganfall. Kein Alter zum Aufgeben. Vor dem Schicksalsschlag spielte Enrico Wenzel Fußball. Er hatte einen Vollzeitjob als Industriemechaniker. Bei einem Arbeitsunfall zog er sich 2017 einen multiplen Beckenbruch mit Spaltung der Lendenwirbelsäule zu. Auch drei Herzinfarkte lagen hinter ihm.

Doch das alles war für ihn kein Grund, die Segel zu streichen. Die Dinge auf geradlinige Art und Weise regeln, nicht lange fackeln - so mochte es Enrico Wenzel. Oft wünscht er sich heute genau das zurück. Der schwere Unfall ereignete sich damals im März. Im November folgte der erste Schlaganfall. Ganz unauffällig hatten sich Vorboten angekündigt. Heute weiß Enrico Wenzel das.

Unzählige Operationen, Rehas und Therapien später ist der Kamenzer zurück im Leben. Auch wenn ihm das Schicksal ab und an Steine vor die Füße warf. Auf Reha im Tharandter Wald war er mittlerweile wie andere im Urlaub.

Mit einem Dreirad durch Deutschland und Tschechien

Das letzte Jahr hat Enrico Wenzel verändert. Sein Traum, mit einem Dreirad quer durch Deutschland und bis nach Prag zu radeln, hat sich in seinem Kopf festgesetzt. "Ich weiß, die meisten halten mich für einen Spinner", sagt er lachend. "Aber was habe ich zu verlieren?", fragt er. "Außerdem habe ich Zeit. Zu Hause herumsitzen oder etwas Sinnvolles versuchen - da weiß ich, wofür ich mich entscheide."

Enrico Wenzel war und ist ein unbequemer Patient. Vielleicht auch, weil er nicht aufgab. Sein Projekt, das alles in 49 Tagen zu schaffen, ist mehr als sportlich. Vielleicht nicht ganz rational. Doch den Kamenzer drängt nichts. Das Rumsitzen nervt ihn einfach nur noch.

Das gebrauchte Dreirad Pfau Tec Classic mit Drei-Gang-Schaltung hat Enrico Wenzel mit einem Bekannten aufgepimpt.
Das gebrauchte Dreirad Pfau Tec Classic mit Drei-Gang-Schaltung hat Enrico Wenzel mit einem Bekannten aufgepimpt. © René Plaul

"Ich hatte letztes Jahr 350 Bewerbungen geschrieben und 80 Vorstellungsgespräche in ganz Deutschland. Da habe ich auch abenteuerliche Dinge erlebt und mich durchgeboxt." Erfolg hatte er dabei allerdings nicht. Wohl auch, weil die Corona-Pandemie für Verunsicherung sorgt. "Einige zeigten Interesse. Aber ich glaube, da überwog die Angst vor der Zukunft", sagt Enrico Wenzel.

Deswegen konzentriert er sich jetzt auf seine Länder-Tour mit dem Dreirad. Die Idee dazu kam ihm vor anderthalb Jahren. "Zwei Prozent war 2017 meine Chance, die OP zu überleben. Ich muss das machen und mich zeigen", erklärt Wenzel seine Motivation. Das Thema Schlaganfall sei immer noch ein Tabuthema.

Tour soll Aufmerksamkeit auf ein Tabuthema lenken

Enrico Wenzel möchte Aufmerksamkeit für die Krankheit, ins Gespräch kommen und für Aufklärung sorgen auf seiner Tour. "Dass ein Schlaganfall auch junge Menschen trifft und sich das Leben von heute auf morgen gewaltig ändert - damit können viele nicht umgehen. Ich werde immer noch mit Vorurteilen konfrontiert. Die will ich widerlegen, und da reicht es nicht zu, dass man bloß aus der Einfahrt rollt. Ich hoffe, dass ich genügend Menschen mit der Aktion erreiche", wünscht sich der 40-Jährige.

Sein Dreirad ist ein Pfau Tec Classic mit Drei-Gang-Schaltung. Enrico Wenzel hat es gebraucht gekauft, nachdem die Krankenkasse ein Liegerad abgelehnt habe. "Ich habe mich jetzt für dieses Rad entschieden, da ich mit Gleichgewichtsproblemen kämpfe und im Straßenverkehr nicht umfallen möchte", sagt er. Ein Bekannter hat ihm beim Aufrüsten des Rades geholfen.

Spenden sammeln für die Deutsche Schlaganfallhilfe

Die Berliner Charité, Rostock, Kiel, Bremen, Gütersloh, Xanten, Würzburg, Stuttgart, Nürnberg, Landshut, Passau, Prag, Décin und Dresden sind Tour-Punkte. Zurzeit trainiert Enrico Wenzel fleißig. Dabei hat er gute und schlechte Tage. Eigentlich sollte der Start zum Kamenzer Blütenlauf erfolgen. Doch dieser findet coronabedingt wieder nicht statt. So wird es eine eher stille Abreise.

Zelt, Schlafsack, Regenkleidung, Proviant müssen mit. "Ich haben viele Übernachtungsangebote, ansonsten campe ich", blickt Enrico Wenzel voraus. Angst hat er keine. "Wer mich begleiten will, der darf das", sagt der 40-Jährige, der für jede Hilfe dankbar ist.

Erste Firmen, die pro gefahrenen Kilometer einen Euro spenden, gibt es bereits. Enrico Wenzel möchte für die Deutsche Schlaganfallhilfe Geld sammeln. Auf Instagram kann man seine Tour mitverfolgen.

Sollte er scheitern unterwegs, gibt es Hilfe: "Ein Taxiunternehmen hat bereits gesagt: Wir holen dich aus ganz Deutschland zurück." Aber davon geht er nicht aus. "Meine letzte Anlaufstelle soll die Uniklinik Dresden sein. Ich möchte meinem zweifelnden Professor beweisen, was ich alles schaffen kann", sagt Enrico Wenzel fest entschlossen.

Kontakt für Unterstützer: 01523 7253744

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