merken
PLUS Kamenz

Die Bücherretter von Kamenz

Tische, Lampen, Weihnachtsbäume: Zwei Männer und eine Frau gestalten aus ausrangierten Bänden neue Dinge - bei einem ungewöhnlichen Projekt.

Lutz Kernchen, Gunter Kosche und Almut Dietze (v.l.) sind die Bücherretter von Kamenz. Für die Bibliothek bauten sie zur Adventszeit einen Bücher-Weihnachtsbaum. Aber auch Stühle und Tische gehören zum Angebot.
Lutz Kernchen, Gunter Kosche und Almut Dietze (v.l.) sind die Bücherretter von Kamenz. Für die Bibliothek bauten sie zur Adventszeit einen Bücher-Weihnachtsbaum. Aber auch Stühle und Tische gehören zum Angebot. © René Plaul

Kamenz. Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden: die drei Bücherretter von Kamenz. Bis zu einem Wintertag Anfang Februar - kurz vor dem ersten Corona-Lockdown - kannten sich die zwei Männer und eine Frau noch nicht. Das erste Treffen war eine echte Überraschung. Aber seitdem sind sie ein Team – zumindest für etwa zehn Stunden in der Woche. Und sie waren sich wohl auf Anhieb sympathisch: „Wenn alle das gleiche Ziel haben, dann arbeitet man auch gut zusammen“, sagt Almut Dietze.

Sie ist Gartenbau-Ingenieurin und steht voll im Beruf. Die beiden Männer im Seniorenalter bringen Erfahrungen als Maler mit, wie Gunter Kosche, und als Maschinenbau-Ingenieur, wie Lutz Kernchen. Zusammen führte die drei aus Kamenz und Umgebung aber etwas ganz anderes: ihre Leidenschaft für Bücher. Daneben hatte jeder noch ein paar spezielle Gründe, sich auf eine Ausschreibung von Lessingbibliothek und Stadt zu bewerben: um aus dem Alltagstrott zu kommen; weil es ein spannendes Projekt ist; um Ideen für den Beruf mitzunehmen; um auszuprobieren, wie Büchern ein neues Leben eingehaucht werden kann.

Anzeige
Polier in Bischofswerda gesucht!
Polier in Bischofswerda gesucht!

Die Schornstein- und Feuerungsbau Lutz Güttler GmbH sucht einen Polier (m/w/d) für den Bereich der Fassadengestaltung.

Bibliothek sortiert jährlich 3.000 Bücher aus

Die Bücherliebe teilt auch Marion Kutter, die Leiterin der städtischen Lessingbibliothek. Sie kann erklären, wie das Bücherretter-Projekt entstand: „Die Idee kam aus der Bibliothek.“ Die habe ja weniger den Auftrag, Bücher zu sammeln, sondern vielmehr, ein aktuelles Spektrum anzubieten. So seien immer wieder zerlesene oder inhaltlich überholte Bände, gerade bei der Fachliteratur, auszusondern, etwa 3.000 pro Jahr.

Da wurde die Bibliothekarin auf den Trend zum Upcycling aufmerksam, also aus Altem völlig neue Produkte zu entwickeln. Mit Praktikanten habe sie das getestet, schließlich das Bücher-Projekt gemeinsam mit der Stadt ins Rollen gebracht und die Stellen ausgeschrieben. Gefördert wird es über die Stadt Kamenz und einen europäischen Fonds. In das Projekt mit einbezogen ist das Christliche Sozialwerk (CSW) in Kamenz mit der Werkstatt für Behinderte St. Nikolaus. Dort übernehmen Beschäftigte Zuarbeiten.

Technologie bleibt ein Geheimnis

Alle Ideen und die Konstruktionen entwickeln die Bücherretter selbst, testen die Produkte, bis sie ausgereift sind: Hocker, Stühle und Tische gehören dazu, als Leseecke zum Beispiel: „Alles sind Unikate“, sagt Lutz Kernchen. Jedes Buch sei anders, sagt Gunter Kosche: „Wir haben gelernt, wie viele unterschiedliche Formate es gibt.“ Nicht alle Bücher sind geeignet, manchmal auch nur Teile, wie einzelne Seiten für einen Lampenschirm – für die Leselampe im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Kunst-Kiosk am Kamenzer Bahnhof stellen die Bücherretter derzeit eine Vielzahl ihrer Produkte aus.
Im Kunst-Kiosk am Kamenzer Bahnhof stellen die Bücherretter derzeit eine Vielzahl ihrer Produkte aus. © Anne Hasselbach

In dieser Woche war Deko für die Bibliothek dran. So gestalteten die Bücherretter Bücher-Weihnachts-Bäume. Da fanden Reiseführer neben Chinesischer Didaktik und Tipps zur Pflegeversicherung Verwendung. Beim Upcycling geht es ja weniger um inhaltliche, als viel mehr um materielle Qualitäten. Da spielen zum Beispiel Maße eine Rolle, ein stabiler Einband. Gunter Kosche hat einen Stapel kleinerer Bände für den Baum vor der Kinderbibliothek unterm Arm. Es muss ja auch alles zusammenpassen, damit eine Büchertanne in Form kommt. Für einen fast mannshohen Baum brauchen die Bücherretter etwa 300 Bände.

Außerdem sind Bücherstützen entstanden und kleine Dinge wie Lesezeichen, es gibt Mobile aus Buchseiten zur Deko, Sitztruhen für Spielzeug und sogar bepflanzte Bücher. Die Phantasie kennt keine Grenzen. Als Platten für die Tische bieten sich großformatige Bildbände an. Im Kunst-Kiosk am Bahnhof stellen die Bücherretter derzeit eine Vielzahl ihrer Produkte aus.

„Wir arbeiten ohne Tunnelblick, müssen in die Breite denken und Kreativität mit dem Technischen verbinden“, sagt Kosche. Letzteres sei eher seine Flanke. "Keiner wusste, wie es gehen soll, aber wir wussten, dass es machbar ist." Bei ihrem Knowhow lassen sich die Bücherretter nicht in die Karten schauen. Nur soviel: Die Bücher werden mit Hilfe von anderen Materialien miteinander verbunden - Leim und Holzplatten zum Beispiel halten die Bücher zusammen. Die Platten werden in der Werkstatt St. Nikolaus zugesägt, auch Kissenbezüge näht man dort.

So sehen Büchermöbel aus: Mit dem Tisch und den Hockern lässt sich zum Beispiel eine Leseecke gestalten.
So sehen Büchermöbel aus: Mit dem Tisch und den Hockern lässt sich zum Beispiel eine Leseecke gestalten. © René Plaul

Herstellung ist sehr aufwendig

Ein Geschäft daraus zu machen, sei aber eher schwierig, schätzen alle drei ein. Die Herstellung sei sehr aufwendig, von der Konstruktion bis zum Bau. Da kämen als Preis gerade bei Möbeln mehrere hundert Euro zusammen. Da brauche es schon Liebhaber. „Oder die Technologie müsste so angepasst werden, dass die Dinge erschwinglich werden. Aber es ist trotzdem eine wunderbare Erfahrung“, ist sich Lutz Kernchen sicher.

Etwa 2.000 Bücher hat das kleine Team bisher verarbeitet. Es könnten mehr sein. Durch Corona kam das Projekt zeitweise ins Stocken. Es geht jetzt darum, ob eine Verlängerung möglich ist. Immerhin haben die Bücherretter noch einiges vor. Kitas würden sich bestimmt über Hocker oder Spielzeugkisten freuen. Auch zur Ausstattung der neuen Kamenzer Bibliothek wollen die Bücherretter gern beitragen. Und Bücher, die gerettet werden können, gibt es auf jeden Fall genug.

Mit dem kostenlosen Newsletter „Bautzen kompakt“ starten Sie immer gut informiert in den Tag. Hier können Sie sich anmelden.

Zum kostenlosen Newsletter „Kamenz kompakt“ geht es hier.

Mehr Nachrichten aus Bautzen lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Bischofswerda lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Kamenz lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Kamenz