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Kamenz steht zum DDR-Kosmonauten

In der Stadt wird Sigmund Jähn besonders verehrt - und daran will man auch nicht rütteln. Anders als in Halle.

Auch zur Einweihung des Gedenksteins für den Flugpionier Oswald Kahnt weilte DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn in Kamenz.
Auch zur Einweihung des Gedenksteins für den Flugpionier Oswald Kahnt weilte DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn in Kamenz. © Archivfoto: René Plaul

Kamenz. Die Stadt Kamenz hat eine besondere Beziehung zu Sigmund Jähn. Der erste Deutsche im Weltall studierte hier, war auch später einige Male in der Stadt zu Gast und trug sich gleich zweimal ins Goldene Buch ein. Zuletzt besuchte er kurz vor seinem Tod im Jahr 2019 das Forstfest, und die Kamenzer bereiteten ihm einen sehr emotionalen Empfang. Eine Büste an der Macherstraße erinnert an den Kosmonauten aus der DDR.

Um den früheren Generalmajor der NVA entbrannte jetzt eine Diskussion in Halle/Saale, als es um den Namen für den Neubau des dortigen Planetariums ging. Das sollte eigentlich wie das alte Planetarium den Namen Jähns tragen, doch dann nahm eine Diskussion Fahrt auf, an der wohl auch Birgit Neumann-Becker, die Beauftragte in Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, und der Hallesche Geschichtsverein Anteil hatten.

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Sie verwiesen unter anderem auf die SED- und NVA-Karriere Jähns sowie seine Zusammenarbeit mit der Stasi und sprachen sich gegen die Benennung des Planetariums nach ihm aus. So blieb der Neubau erstmal namenlos.

Kamenzer Verein hat eine andere Meinung

Auch in Kamenz gibt es einen Geschichtsverein. Doch dessen Einschätzung unterscheidet sich deutlich von der des Vereins in Halle. „Dass unsere Stadt in der Biografie des Raumfahrt-Pioniers eine – wenn auch kleine – Rolle gespielt hat, wird in Erinnerung bleiben“, erklärt die Vorsitzende Marion Kutter. Natürlich sei er Teil des gesellschaftlichen Systems der DDR gewesen und folglich als Sinnbild für den angeblich leistungsstarken sozialistischen deutschen Staat benutzt worden.

Aber mit heutigen moralischen Maßstäben einen damaligen Offizier der NVA herabzuwürdigen, entspreche nicht der Sichtweise des Vereins. Sigmund Jähn sei als besonnener, bescheidener Charakter bekannt gewesen. Ihm jetzt Systemnähe vorzuwerfen, werde weder der Persönlichkeit noch dem historischen Ereignis seines Weltraumfluges gerecht. Es sei pauschal und selbstgerecht.

Kamenzer OB kritisiert Entscheidung von Halle

Der Kamenzer Oberbürgermeister Roland Dantz (parteilos) bewertet den Vorgang in Halle so: Es sei nicht ansatzweise ein Abwägungsprozess und der Wille zur Differenzierung bei der Beurteilung Jähns erkennbar. So könne man nicht an die Bewertung einer Lebensleistung herangehen. Viele Kamenzer hätten den Fliegerkosmonauten dagegen ins Herz geschlossen, der OB wohl inklusive.

Kurz vor seinem Tod besuchte Sigmund Jähn 2019 noch einmal das Forstfest in Kamenz.
Kurz vor seinem Tod besuchte Sigmund Jähn 2019 noch einmal das Forstfest in Kamenz. © Matthias Schumann

Die Kritiker in Halle hätten keinerlei Kenntnis davon, was Jähn nach der Wende im Sinne einer Versöhnung „zwischen ehemaligen Offizieren der NVA und ihren früheren Gegnern, den ehemaligen Offizieren der Bundeswehr, vollbracht hat“. Er habe nie gewollt, dass so ein Rummel um seine Person gemacht werde.

Am Kamenzer Lessinggymnasium werden junge Menschen auch in geschichtlichen Dingen aufs Leben vorbereitet. Schulleiter Wolfgang Rafelt hat selbst Physik und Astronomie studiert und berichtet vom Glück, Jähn persönlich getroffen zu haben. Er habe Sachverstand, Bescheidenheit und unglaubliche Authentizität gespürt.

Leistung Jähns wichtiger als seine Systemtreue

Wenn ein Mensch es schaffe, in einem langen Auswahlprozess am Ende der Auserlesene zu sein, so sei das eine anerkennenswerte Leistung, sagt Rafelt mit Blick auf Jähns Kosmonauten-Karriere. Jedes Land und jedes gesellschaftliche System stelle an so einen Menschen seine Ansprüche. Im Falle der DDR natürlich Systemtreue. „Für mich überwiegt die Leistung Sigmund Jähns - sportlich, wissenschaftlich, charakterlich, die Willensqualität.“ Wie man es auch drehe, er war der erste Deutsche im Weltall und hat etwas dabei geleistet.

Noch andere Aspekte bringt der Kamenzer Michael Nicolaus ins Spiel, Diakon im Ruhestand und in Kamenz in den Wendezeiten sehr aktiv. Es sei schon klar, dass damals ein so hoher Offizier auch ein guter Kommunist sein musste, schätzt er ein. Aber dieser Heldenkult zu DDR-Zeiten sei nicht richtig gewesen. Gegen eine angemessene Würdigung sei aber nichts einzuwenden. So habe er auch nichts gegen das Büste an der Macherstraße.

Ihn bewege aber etwas anderes: Die Wiedervereinigung sei für Deutschland aus seiner Sicht ein viel wichtigeres Ereignis gewesen. Nicolaus erinnert an die Andachten vor der Klosterkirche und kritisiert: Bisher sei es leider verwehrt worden, an dieser Stelle daran zu erinnern.

Stasi-Beauftragte verteidigt ihren Standpunkt

Die Geschehnisse von Halle sorgten im Nachgang bei etlichen Kamenzern für Diskussionen und Empörung, so auch bei Unternehmer Axel Putzke. Er sei fassungslos über die Entscheidung. Putzke schrieb sogar an die Stasibeauftragte Neumann-Becker und empfahl ihr, sich mit den deutschen Astronauten Alexander Gerst oder Thomas Reiter in Verbindung zu setzen und sich „über diesen wunderbaren, zutiefst humanistischen Menschen zu informieren“. Ihre Aussage sei ein Schlag ins Gesicht aller friedliebenden Menschen.

Sie respektiere eine andere Meinung, sagt Neumann-Becker. Ihren Standpunkt verteidigt sie aber. Sie erinnert an Menschen, die in DDR-Zeiten inhaftiert waren, die an der Mauer starben. Jähn habe die Politik der SED mitgetragen. Er habe sich nie zum DDR-Unrecht geäußert. Enttäuschend sei das gerade wegen seiner Reputation. Sie wolle, dass die DDR nicht einseitig dargestellt werde.

Der Kamenzer OB stellt seinerseits klar: Falls in der Stadt jemand den Kosmonauten vom Sockel stürzen wolle, dann könnte er auch probieren, mit dem Kopf durch die granitene Mönchsmauer zu rennen.

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