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Der Schatz aus dem Panzerschrank

Die Kamenzer SZ-Redaktion übergibt Foto- und Zeitungsbestände ans Stadtarchiv. Dort haben die Mitarbeiter jetzt eine Heidenarbeit - und viele Aha-Erlebnisse.

Der Kamenzer Stadtarchivar Thomas Binder (r.) und Archiv-Mitarbeiter Tobias Geweniger sind mit dem Zeitungs- und Bildarchiv der Kamenzer Sächsischen Zeitung beschäftigt. Die Redaktion hat ihren Fundus jetzt an die Stadt übergeben.
Der Kamenzer Stadtarchivar Thomas Binder (r.) und Archiv-Mitarbeiter Tobias Geweniger sind mit dem Zeitungs- und Bildarchiv der Kamenzer Sächsischen Zeitung beschäftigt. Die Redaktion hat ihren Fundus jetzt an die Stadt übergeben. © Matthias Schumann

Kamenz. Keine Goldbarren und doch ein Schatz: In einem grünen Panzerschrank der Kamenzer Redaktion der Sächsischen Zeitung schlummerten 30 Jahre lang Kisten voller Foto-Negative in Papiertaschen. In weiteren Schränken war das Zeitungsarchiv verstaut, außerdem Berge von Papierbildern in Hängeregistern und aus den 2000er-Jahren auch schon Foto-CDs.

Ein brachliegender Fundus an Zeitdokumenten auch aus den Jahren der politischen Wende, die mühevoll aufgearbeitet werden müssten, um sie ins digitale Zeitalter zu bringen. Aus dem Kamenzer Rathaus war unterdessen immer mal wieder zu hören, dass es gerade aus der Wendezeit nur wenige Fotodokumente gebe.

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Erinnerungen an früheren SZ-Fotografen

Da reifte in der Redaktion eine Idee, wie beide Seiten zusammenkommen könnten. Die Redaktion regte an, den gesammelten Fundus zu übergeben. Ralf Haferkorn ist Geschäftsführer der DDV Bautzen GmbH, zu der auch die Kamenzer Redaktion gehört. Es sei eine gute Lösung, dass SZ-Archiv an die Stadt zu übergeben und damit allen Menschen leicht zugängig zu machen, schätzt er ein: „Es ist dort gut aufgehoben, besser als in den Redaktionsräumen. Ein unwiederbringlicher Schatz wird so einfacher zugänglich.“

Ein großer Teil der Fotomotive stammt aus der Arbeit des früheren SZ-Fotografen Hans-Christian Lindner. Er war viele Jahre für die Redaktion nicht nur in Kamenz unterwegs, sondern auch zwischen Bischofswerda und Königsbrück. Sein plötzlicher und völlig überraschender Tod im Jahr 2003 war ein Schock für die Familie, für Verwandte und Freunde und ging auch den Mitarbeitern der Lokalredaktion sehr nahe.

Er habe den SZ-Fotografen als Menschen mit viel Gefühl und begeisterten Chronisten kennen gelernt, erinnert sich der Kamenzer Oberbürgermeister Roland Dantz (parteilos). Immer am Leben dran, wie die Bilder belegen: „Es ist uns eine Ehre, das Archiv zu übernehmen“, sagt Roland Dantz. Die SZ habe damit den richtigen Schritt getan, er sei froh und dankbar dafür, denn es eröffne die Möglichkeit, dokumentierte Geschichte nicht nur zu verwahren, sondern zu erschließen und nutzbar zu machen.

Eine riesige Aufgabe für Archiv-Mitarbeiter Tobias Geweniger: Oft ist Detektivarbeit nötig, um Personen auf den alten Fotos zu erkennen und die Aufnahmen zu beschriften.
Eine riesige Aufgabe für Archiv-Mitarbeiter Tobias Geweniger: Oft ist Detektivarbeit nötig, um Personen auf den alten Fotos zu erkennen und die Aufnahmen zu beschriften. © Matthias Schumann

Die Mitarbeiter des Kamenzer Stadtarchivs sind bereits dabei. Zwar wurde die Übergabe jetzt offiziell mit Unterschrift besiegelt. Aber schon seit ein paar Monaten wird das schier unerschöpfliche Material gesichtet, dabei besonders intensiv die Fotos. Das ist eine Heidenarbeit. Der Hauptbestand beginnt 1990. Bis 1994 ist Archiv-Mitarbeiter Tobias Geweniger bereits vorgedrungen, rund 25.000 Fotos hat er bisher digitalisiert. Das klinge viel, sei aber erst ein Bruchteil.

Mit moderner Scan-Technik kann Tobias Geweniger einen klassischen Film mit bis zu 36 Negativen in einem Ritt auf die Festplatte saugen. Das dauert an die zehn Minuten. Doch dann beginnt oftmals die eigentliche Detektivarbeit.

Gerade hat der junge Mann Sachsens ersten Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf auf dem Bildschirm, der in den 1990ern einen Abstecher aufs Forstfest unternahm. Den kennt natürlich fast jeder. So klar ist das aber nicht immer. Wenn die Angaben spärlich sind, wird es schwierig. Manchmal sind reichliche Informationen handschriftlich auf den Papiertaschen notiert. Manchmal gibt es aber nur ein Datum. Dann beginnt die Tiefen-Recherche.

Der Fassadenkletterer am Kamenzer Rathaus

Dazu liegen auch immer die SZ-Jahrgänge griffbereit, um dort nachzuschlagen, die Fotos Texten zuzuordnen und mit Informationen zu den Ereignissen oder Namen von Personen des Zeitgeschehens zu beschriften.

Wenn das jedoch alles nichts bringt, können auch Zeitzeugen helfen: „Wir haben ja zum Beispiel auch viele Rathausmitarbeiter, die wir in schwierigen Fällen zu Rate ziehen können“, sagt der Leiter des Stadtarchivs, Thomas Binder. Zehn Filme pro Tag seien maximal zu schaffen. Als Forstfest-Fotos von 1994 auftauchen, werden auch beim OB sofort Erinnerungen ans Adlerschießen wach. Er vermutet, „das Interesse wird riesig sein“.

Fast vergessene Geschichten kommen plötzlich wieder ins Gedächtnis, wie von einem Fassadenkletterer, der zur Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 am Blitzableiter den Kamenzer Rathausbalkon erklomm, um eine DDR-Fahne hinab zu werfen. Das wird nicht die letzte Überraschung sein. Denn was bisher digitalisiert wurde, so Thomas Binder „ist nur die Spitze des Eisberges“.

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Die SZ zeigt eine Auswahl von Bildern, die bereits digitalisiert wurden: Schlangen beim Fleischer oder Bäcker waren für den DDR-Kunden Alltag. Vor der Währungsreform 1990 ballte es sich vor allem auch vor der Sparkassen wie hier in Kamenz.
Die SZ zeigt eine Auswahl von Bildern, die bereits digitalisiert wurden: Schlangen beim Fleischer oder Bäcker waren für den DDR-Kunden Alltag. Vor der Währungsreform 1990 ballte es sich vor allem auch vor der Sparkassen wie hier in Kamenz. © SZ/Archiv
Ein entlaufenes Kalb sorgte im Oktober 1994 im Kamenzer Stadtzentrum für Aufsehen. Es war aus einer Schlachterei ausgebüxt und rannte sogar ins Rathaus. Vor dem Museum der Westlausitz konnte es ein Mitarbeiter der Schlachterei einfangen.
Ein entlaufenes Kalb sorgte im Oktober 1994 im Kamenzer Stadtzentrum für Aufsehen. Es war aus einer Schlachterei ausgebüxt und rannte sogar ins Rathaus. Vor dem Museum der Westlausitz konnte es ein Mitarbeiter der Schlachterei einfangen. © SZ/Archiv
In einem SZ-Gespräch wurde im Juli 1991 die Sorbenpolitik thematisiert. Frauen in traditionellen Trachten gehören zum Ortsbild in den sorbischen Gemeinden, hieß es im Bildtext.
In einem SZ-Gespräch wurde im Juli 1991 die Sorbenpolitik thematisiert. Frauen in traditionellen Trachten gehören zum Ortsbild in den sorbischen Gemeinden, hieß es im Bildtext. © SZ/Archiv
Osterreiter in Ralbitz 1990 auf dem Weg nach Wittichenau. In dem Jahr waren deutlich mehr Besucher vor Ort gewesen, berichtete der Reporter.
Osterreiter in Ralbitz 1990 auf dem Weg nach Wittichenau. In dem Jahr waren deutlich mehr Besucher vor Ort gewesen, berichtete der Reporter. © SZ/Archiv
Ein Personenzug und eine Diesellok kollidierten im Juni 1990 zwischen Königsbrück und Schmorkau. Es war wohl das erste Unglück bisher auf der Strecke.
Ein Personenzug und eine Diesellok kollidierten im Juni 1990 zwischen Königsbrück und Schmorkau. Es war wohl das erste Unglück bisher auf der Strecke. © SZ/Archiv
Der Kamenzer Rathaus-Innenhof im Mai 1991: Simson-Mopeds und typische DDR-Mülltonnen prägen das Bild - kein Vergleich zum heute schick überdachten Hof.
Der Kamenzer Rathaus-Innenhof im Mai 1991: Simson-Mopeds und typische DDR-Mülltonnen prägen das Bild - kein Vergleich zum heute schick überdachten Hof. © SZ/Archiv
Ein Fassadenkletterer erklomm am 3. Oktober 1990 den Kamenzer Rathausbalkon und warf eine kleine DDR-Fahne hinab.
Ein Fassadenkletterer erklomm am 3. Oktober 1990 den Kamenzer Rathausbalkon und warf eine kleine DDR-Fahne hinab. © SZ/Archiv Hans-Christian Lindner
Wer da am Blitzableiter hinaufstieg konnte bis heute nicht ermittelt werden. Aber vielleicht wecken ja die Fotos Erinnerungen.
Wer da am Blitzableiter hinaufstieg konnte bis heute nicht ermittelt werden. Aber vielleicht wecken ja die Fotos Erinnerungen. © SZ/Archiv Hans-Christian Lindner
Um verfallene Häuser wie hier am Schlossberg in Kamenz, um Investoren und darum, wie es weitergehen soll, drehte sich ein Bericht 1990 in der SZ.
Um verfallene Häuser wie hier am Schlossberg in Kamenz, um Investoren und darum, wie es weitergehen soll, drehte sich ein Bericht 1990 in der SZ. © SZ/Archiv
Politprominenz 1994 in Kamenz. Auch ein Gesundheitsminister bekommt irgendwann Hunger. Norbert Blüm biss kräftig in eine Fischsemmel, die Verkäuferin staunte über den Rummel vor ihrem Stand.
Politprominenz 1994 in Kamenz. Auch ein Gesundheitsminister bekommt irgendwann Hunger. Norbert Blüm biss kräftig in eine Fischsemmel, die Verkäuferin staunte über den Rummel vor ihrem Stand. © SZ-Archiv/Hans-Christian-Lindner
Ein erbärmliches Bild bot im September 1994 das Kamenzer Stadtbad. Die Stadt entschied sich für den Abriss. Heute befindet sich hier unter anderem ein Wasserspielplatz.
Ein erbärmliches Bild bot im September 1994 das Kamenzer Stadtbad. Die Stadt entschied sich für den Abriss. Heute befindet sich hier unter anderem ein Wasserspielplatz. © SZ/Archiv
Schlechte Straßen gab es zu DDR-Zeiten überall. Gleich 1990 wurde die Pulsnitzer in Kamenz frisch gepflastert. Inzwischen wird eine teilweise Asphaltierung diskutiert.
Schlechte Straßen gab es zu DDR-Zeiten überall. Gleich 1990 wurde die Pulsnitzer in Kamenz frisch gepflastert. Inzwischen wird eine teilweise Asphaltierung diskutiert. © SZ/Archiv
Wegen eines Unwetters musste der Forstfestumzug 1990 abgebrochen werden. Alles stob auseinander und suchte Deckung, berichten Zeitzeugen.
Wegen eines Unwetters musste der Forstfestumzug 1990 abgebrochen werden. Alles stob auseinander und suchte Deckung, berichten Zeitzeugen. © SZ/Archiv
Computerspiel anno 1990 im Jugendtreff Eule am Bautzener Berg. Da waren die Kinder noch froh, wenn ein paar bunte Striche über den RFT-Bildschirm sausten.
Computerspiel anno 1990 im Jugendtreff Eule am Bautzener Berg. Da waren die Kinder noch froh, wenn ein paar bunte Striche über den RFT-Bildschirm sausten. © SZ/Archiv

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