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Tobi rollt zu den Paralympics

Seit dem 6. Lebensjahr sitzt ein Kamenzer im Rollstuhl. Seine Lebenslust verlor er nie - durch die Liebe seiner Familie und den Sport, der ihm jetzt einen Traum erfüllt.

Der Ex-Kamenzer Tobias Hell (M.) spielt seit zwei Jahren bei Hannover United Rollstuhlbasketball, hier gegen die Rhine River Rhinos Wiesbaden. Jetzt wurde er in den National-Kader Deutschland berufen und fliegt am 18. August zu den Paralympics nach Tokio.
Der Ex-Kamenzer Tobias Hell (M.) spielt seit zwei Jahren bei Hannover United Rollstuhlbasketball, hier gegen die Rhine River Rhinos Wiesbaden. Jetzt wurde er in den National-Kader Deutschland berufen und fliegt am 18. August zu den Paralympics nach Tokio. © PR/Maike Lobback

Kamenz/Hannover. Wenn Tobias Hell für seine Mannschaft Hannover United antritt, trägt er das Trikot mit der Startnummer sechs. Zurzeit streift er für Pressetermine aber öfter mal gediegenes Schwarz über. Auf seinem neuen Shirt prangt das Zeichen vom Team Germany. Der Ex-Kamenzer wurde kürzlich in den Kader der Paralympics Herren im Rollstuhlbasketball für Tokio 2021 berufen. Eine große Ehre, die der 21-Jährige mit stoischer Gelassenheit trägt.

Für das United-Talent ist es das erste Jahr in der Herren-Nationalmannschaft. Mit den Junioren holte er im Juni die Silbermedaille bei der U22-Europameisterschaft, hatte dabei viel Spielzeit. Jetzt belohnte das Trainerteam den 21-Jährigen für sein Engagement der vergangenen Jahre. Paralympics sind globale Sportwettbewerbe für Sportler mit Behinderung, angelehnt an die Idee der Olympischen Spiele. Rollstuhlbasketball ist seit 1960 Teil des offiziellen Wettkampfprogramms.

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Plötzliche Blutung in der Brustwirbelsäule

"Bei den Paralympics dabei zu sein, ist für jeden Spieler der Traum. Aber ich habe auch großen Respekt vor der Aufgabe und Verantwortung, die die Nominierung mit sich bringt", sagte Tobias Hell. Er fühle sich von Team und Trainer sehr unterstützt. "Ich will so viel wie möglich von meinen ersten Paralympics mitnehmen und die Zeit genießen."

Seine Mutter Angela Balko sagt lachend: "Könnte man vor Stolz platzen, wäre ich das wahrscheinlich schon". Den trockenen Humor scheint Tobi, wie ihn Familie und Freunde nennen, von ihr geerbt zu haben. Und die Liebe zum Leben. Seit seinem sechsten Lebensjahr sitzt der heute 21-Jährige im Rollstuhl. Sozusagen "über Nacht" passiert das, was man sich nicht in schwärzesten Träumen vorstellen möchte: Durch eine Blutung in der Brustwirbelsäule war der Erstklässler plötzlich gelähmt. Die Gründe dafür sind bis heute nicht ganz klar.

Angela Balko ist wahnsinnig stolz auf ihren Sohn Tobias. Dass er heute bei Hannover United Rollstuhlbasketball spielt, Nationalmannschafts-Debütant ist und für die Paralympics in Tokio nominiert wurden, ist auch ein Stück ihr Verdienst.
Angela Balko ist wahnsinnig stolz auf ihren Sohn Tobias. Dass er heute bei Hannover United Rollstuhlbasketball spielt, Nationalmannschafts-Debütant ist und für die Paralympics in Tokio nominiert wurden, ist auch ein Stück ihr Verdienst. © Ina Förster

Angela Balko erinnert sich an die finstersten Tage ihres Lebens. An die Verzweiflung, ihre Ungläubigkeit. Daran, dass Tobias über starke Bauchschmerzen klagte. Und aus einer harmlosen Untersuchung am nächsten Morgen schreckliche Gewissheit wurde. Sie denkt zurück an die Krankenhäuser, in denen sie sich vor 15 Jahren von einem Tag auf den nächsten der Frage stellen musste, wie es weiter gehen soll.

Erinnerungsfetzen klingen nach. Angela Balko lächelt, wenn sie erzählt. Das kann sie mittlerweile. Und sie tut es oft. Das hat sie sich von Anfang an mit Tobias ausgemacht. "Die Diagnose in der Uni-Klinik Dresden am nächsten Tag hat uns allen natürlich erst einmal die Füße weg gerissen", erzählt die 47-Jährige. Was folgte, waren eine Not-OP und unzählige Rehas.

Dass der Sechsjährige plötzlich von der Brustwirbelsäule an abwärts gelähmt bleiben würde, stand schnell fest. Wie es weitergehen sollte, nicht. In die Grundschule Wiesa konnte er nicht mehr gehen, hier war nichts behindertengerecht. "Ich wollte so viel Zeit wie möglich an der Seite meines Kindes verbringen. Wir haben vom ersten Tag an das Beste aus der Situation gemacht. Man hat bei so etwas zwei Möglichkeiten: Sich total gehen lassen und das Schicksal anheulen. Oder man sucht nach Lösungen und packt es an. Das haben wir dann getan", so Angela Balko.

Natürlich war Tobias' Papa André die ganze Zeit mit an Bord. Auch wenn das Paar damals schon getrennt war, sind sie doch über ihn bis heute eine funktionierende Einheit. Angela stemmte das Gros, konnte nicht mehr arbeiten gehen, zog sozusagen in die Kliniken mit ein. Über Monate. "Trotz allem sage ich heute: Das Schicksal hat es gut mit uns gemeint. Was Tobias geschafft hat, sein Weg bis hierher - das ist doch unglaublich! Von den Paralympics hat er schon vor Jahren gesprochen und gemeint: Wenn ich das mal schaffe, dann habe ich es geschafft", erzählt seine Mutter.

Beim Einkauf für Rolli-Basketball angeworben

Der Weg dahin war hart. Aber auch aufregend und schön. Tobias Hell besuchte die Körperbehindertenschule in Hoyerswerda. Anschließend ging es ans Foucault-Gymnasium. Dort gab es eine Sportklasse, dort wurde Tobias gefördert. Schwimmen, Leichtathletik - er war einfach mittendrin, fand Freunde.

"Da war er plötzlich nicht mehr behindert, da war er nur noch ein Junge, der nicht mehr lief", sagt Angela Balko. Auf seine Bitte hin, zog sie mit ihm nach Hoyerswerda, damit er seine sozialen Kontakte pflegen konnte. Das tat ihm gut.

Und dann kam der Tag, an dem ihm beim Einkaufen plötzlich ein Mann im Rollstuhl ansprach und fragte, ob er sich vorstellen könne, Rollstuhlbasketball zu spielen. Er selbst trainierte bei den Red Rollers Cottbus. "Der hat ihn angeguckt und gedacht: Der Junge ist wie gemacht für so einen Sport. So kam Tobias dazu", erinnert sich seine Mutter.

Konzentration vor dem Wurf. Tobias Hell aus Kamenz gehört seit Kurzem zum National-Kader Deutschland.
Konzentration vor dem Wurf. Tobias Hell aus Kamenz gehört seit Kurzem zum National-Kader Deutschland. © PR: Maike Lobback /Team zur Nied
Seit zwei Jahren spielt Tobias Hell (l.) bei Hannover United Rollstuhlbasketball. Das Team hält fest zusammen.
Seit zwei Jahren spielt Tobias Hell (l.) bei Hannover United Rollstuhlbasketball. Das Team hält fest zusammen. © PR/Adrian Weicht/United
Tobias Hell (l.) trägt bei Hannover United die Nummer 6.
Tobias Hell (l.) trägt bei Hannover United die Nummer 6. © PR/Maike Lobback
Bei den Spielen im Rollstuhlbasketball geht es nicht gerade zimperlich zu.
Bei den Spielen im Rollstuhlbasketball geht es nicht gerade zimperlich zu. © PR
Fünf "Füchse" für Tokio: Der Bundestrainer hat Jan Haller, Tobias Hell und Jan Sadler (vorn von links.) für die Paralympics nominiert. Zudem fahren Team-Manager Eike Gößling (hinten links) und Assistent-Coach Martin Kluck nach Japan.
Fünf "Füchse" für Tokio: Der Bundestrainer hat Jan Haller, Tobias Hell und Jan Sadler (vorn von links.) für die Paralympics nominiert. Zudem fahren Team-Manager Eike Gößling (hinten links) und Assistent-Coach Martin Kluck nach Japan. © PR: Hannover United

Was folgte, waren Turniere, erste Erfolge. "Meine Eltern haben mich auch immer zu irgendwelchen Sichtungscamps und Trainings gefahren. Es war für mich früher in der Schulzeit schwieriger, einen Verein in der Nähe zu finden", sagt Tobias Hell. Ihn begeistert der Team-Sport sofort. "Man kämpft zusammen, das ist das Größte", sagt er.

Schon vor dem Abitur interessierte sich Hannover United für den jungen Spieler. Nach dem Abitur schaute er sich dort vor Ort um und sagte zu. Seit zwei Jahren lebt er in Niedersachsen, studiert nebenbei Ernährungswissenschaften. Und seine langjährige Freundin zieht bald zu ihm.

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Das Glück ist mit den Tüchtigen, sagt ein lateinisches Sprichwort. Nun folgt Tokio als Krönung. "Ich kann mir unser Leben im Nachgang betrachtet gar nicht mehr anders vorstellen", sagt Angela Balko. Wenn Tobi am 18. August nach Japan fliegt, wird sie daheim die Daumen drücken. Wie unzählige Male vorher.

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