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Kamenzer muss Deutschland-Tour unterbrechen

Enrico Wenzel wollte bundesweit auf das Thema Schlaganfall aufmerksam machen. Nun ist er früher zurück als geplant - aus mehreren Gründen.

Enrico Wenzel leidet unter den Folgen eines Schlaganfalls und ist teilweise gelähmt. Mit seinem Rad und einem Anhänger ging der Kamenzer am 1. Mai auf Deutschlandtour, musste jetzt allerdings früher zurückkehren als geplant.
Enrico Wenzel leidet unter den Folgen eines Schlaganfalls und ist teilweise gelähmt. Mit seinem Rad und einem Anhänger ging der Kamenzer am 1. Mai auf Deutschlandtour, musste jetzt allerdings früher zurückkehren als geplant. © Matthias Schumann

Kamenz. Etwa 50 Tage wollte er unterwegs sein - am Ende wurden es nur zwei Wochen: Der Kamenzer Enrico Wenzel musste seine Deutschland-Tour, zu der er am 1. Mai per Dreirad gestartet war, unterbrechen. Er hatte es bis oberhalb von Berlin geschafft. Nun ist er mit dem Zug zurück in die Heimat gekommen.

"Ein großes Dankeschön an alle, die mich bis heute unterstützt haben. Leider ist die Unterbrechung notwendig, da ich in den letzten Tagen auf Grund der unterschiedlichen Corona-Verordnungen oft in Kontakt mit dem Ordnungsamt kam. Ich möchte hier kein Bußgeld riskieren. Das ist es einfach nicht wert. Ich werde meine Tour im August fortsetzen, in der Hoffnung, dass sich bis dahin die Verordnungen gelockert haben", schreibt Enrico Wenzel auf Facebook.

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Lange Umwege zehrten an der Kraft

Auch das schlechte Wetter der letzten Wochen und ein nicht optimales Navi hätten die Fahrt erschwert. Immer wieder sei er auf seiner Reise auf Schlagbäume und gesperrte Radwege getroffen. Oft habe er so lange Umwege in Kauf nehmen müssen, die auch an seiner Kraft zehrten. Deshalb kam er abends zu spät in seinen Quartieren an.

Der 40-Jährige ist nach drei Herzinfarkten und einem Schlaganfall gesundheitlich schwer angeschlagen. Ärzte gaben ihm nach dem Schlaganfall eine Überlebenschance von nur zwei Prozent. Mit seiner Tour durch ganz Deutschland wollte er auf die Situation von Menschen aufmerksam machen, denen es ähnlich geht wie ihm. Unterwegs wollte er viele Menschen treffen und Geld für die Schlaganfallhilfe sammeln.

Seine Follower auf Instagram und Facebook machen ihm nun Mut für den nächsten Teilabschnitt, den er im Hochsommer in Angriff nehmen will. Aufgeben möchte Enrico Wenzel nämlich auf keinen Fall. Jetzt ist aber erst einmal Regeneration angesagt.

So berichtete Sächsische.de über den Start der Tour:

Ein bisschen aufgeregt ist Enrico Wenzel wenige Stunden vor dem Start schon: Vor seiner großen Radtour über 2.500 Kilometer rund um Deutschland, mit Abstecher nach Prag. Vielleicht auch eher ungeduldig, weil es nach den wochenlangen Vorbereitungen endlich losgehen soll.

Vom Sportgelände in Kamenz-Biehla startet er am Sonnabendmorgen auf die etwa 50-tägige Reise. Dort verabschieden ihn Sportler seines Vereins, und auch der Kamenzer Oberbürgermeister Roland Dantz lässt es sich nicht nehmen, beste Wünsche mit auf den Weg zu geben. So begleiten Wenzel auch zwei Kamenz-Wimpel. Die flattern hinten am Fahrrad-Anhänger und tragen schon mal die Botschaft von der kommenden 800-Jahr-Feier ins Land. Der Hänger ist voll bepackt und wiege bestimmt einen Zentner.

Mancher hält Enrico Wenzel für verrückt. Aber das muss man vielleicht auch sein, um sich an so eine Tour ohne Begleitung zu wagen: Nach drei Herzinfarkten - der erste ereilte ihn mit 24 Jahren - und einem Schlaganfall. Ein gesundheitlicher Schicksalsschlag folgte in den vergangenen 16 Jahren auf den anderen. Zuerst der unglückliche Zusammenprall mit einem Sportfreund beim Fußball mit schlimmsten Auswirkungen, einem Aorta-Riss und dem ersten Herzinfarkt.

350 Bewerbungen ohne Erfolg

Dann zerquetschte ihm bei einem Arbeitsunfall eine tonnenschwere Maschine das Becken und die Lendenwirbelsäule. Die Brüche waren dabei noch das wenigste. Viel schlimmer war eine Hirnblutung als Folge ein paar Monate später.

Seitdem ist der Gleichgewichtssinn gestört und Teile des Körpers sind gelähmt. „Ein Arzt sagte zu mir: Sie stehen und laufen nie wieder. Meine Überlebenschance nach dem Hirnschlag wurde auf zwei Prozent geschätzt. Immer wieder höre ich, was nicht gehen soll. Ich will zeigen, dass es trotzdem geht“, sagt Wenzel. Ärzten wolle er zu verstehen geben: „Seid vorsichtiger mit euren Aussagen.“

Viele Menschen machen ihm derzeit Mut für sein Vorhaben auf allen Kanälen, und er will anderen Mut machen, die unter den Folgen eines Schlaganfalls leiden, sich nicht aufzugeben. „Du liegst am Boden und weißt nicht wie‘s weitergeht“, beschreibt er seine Erfahrungen. Da war auch Verzweiflung, wenn der Körper nicht so wollte. Aber irgendwie ging es . Er wolle auch Vorurteile abbauen, für Verständnis werben. So habe er sich rund 350 mal um einen Job beworben, erzählt er – ohne Erfolg. Er ist aber fest entschlossen: „Ich will wieder arbeiten.“ Nach der Tour.

Zeltaufbau mit einer Hand geübt

Auf die Reise hat er sich lange vorbereitet und ist alle täglichen Wege mit seinem Dreirad gefahren, das ihn begleiten wird. Meist fahre er einhändig, wegen der einseitigen Lähmung. Auch bis nach Dresden zur Fahrradwerkstatt der Lebenshilfe und zurück. Die Fachleute dort haben den Drahtesel flottgemacht und alle wichtigen Teile gefettet.

Leider erschwere Corona sein Vorhaben. So wird der 40-Jährige im Zelt übernachten. Mit Pensionen und gemeinnützigen Netzwerken, die normalerweise ein Dach über dem Kopf anbieten, sei es wegen der Einschränkungen derzeit schwierig. Selbst Zeltplätze würden abwinken. So habe er Kontakte zu Privatleuten und Sportvereinen geknüpft, wo er nun sein Zelt im Außengelände aufklappen darf.

Kein gewöhnliches, sondern ein Automatikzelt. Das stand in den vergangenen Wochen in der guten Stube und habe für einige Fragen bei Gästen gesorgt. Aber auch das gehörte zum Training. „Du musst ja von ganz unten, vom Boden nach oben“, erklärt Enrico Wenzel. Auch den Zeltaufbau mit einer Hand hat er geübt. Das Ganze funktioniert so ähnlich wie bei einem Automatik-Regenschirm: „Es genügen wenige Handgriffe.“

Die reichen beim Schlauchwechsel nicht ganz. Aber auch den habe er im Griff und keine Angst vor einer Panne. Da müsste schon der Rahmen brechen, um ihn aufzuhalten. Wenn er diese Zuversicht nicht hätte, würde er noch im Rollstuhl sitzen, sagt der 40-Jährige. Eine Variante für den Notfall hat er aber. Wenn die Technik oder der Körper streiken, dann hole ihn das Kamenzer Taxi-Unternehmen Haase heim. Aber mit solchen Gedanken wolle er sich gar nicht beschäftigen.

Diese Tour will der Kamenzer Enrico Wenzel bewältigen. An diesen 15 Stationen plant er Treffen mit Schlaganfallpatienten, und er besucht Kliniken zu Fachgesprächen.
Diese Tour will der Kamenzer Enrico Wenzel bewältigen. An diesen 15 Stationen plant er Treffen mit Schlaganfallpatienten, und er besucht Kliniken zu Fachgesprächen. © SZ Grafik

Ursprünglich hatte Enrico Wenzel deutlich größere Tagesstrecken geplant. Jetzt orientiere er auf 50 Kilometer. Das habe zwei Gründe: Zum einen, weil immer mehr Termine unterwegs dazu kommen – auch durch das Medieninteresse. Zum anderen, weil die Wetterprognosen schlecht sind. So sind auch ein Regenanzug mit im Gepäck und zwei Schlafsäcke. Es könnte frisch werden, aber er sei keine Mimose.

Ganz oben auf den kleinen Anhänger hat Enrico Wenzel einen Stuhl geschnallt. Ohne den gehe es nicht: „Zieh‘ dir mal die Hose mit einer Hand an – da braucht du einen Stuhl zum Sitzen“, sagt er. Eine große Dose Pferdebalsam ist auch im Gepäck zu entdecken. Der mache die Muskulatur geschmeidig. Etwas Proviant hat der Kamenzer ebenfalls dabei – Nudeln, also Kohlehydrate, die seien für den Radler so wichtig wie Benzin fürs Auto.

Spenden sammeln für die Schlaganfallhilfe

15 größere Stationen sind auf der Tour geplant. Leider habe die Charité wegen Corona-Einschränkungen abgesagt. Dort sollte es um neue Behandlungsmethoden gehen. Kurz vor dem Start ist aber noch ein Abstecher ins österreichische Linz dazu gekommen zu einem Erfahrungsaustausch mit Schlaganfallpatienten. In Rostock soll es an einer Klinik um neue Reha-Behandlungsmethoden gehen. Auch Treffen mit Fachärzten sind auf der Tour geplant.

Daneben will der Kamenzer mindestens einen Euro pro Kilometer für die Deutsche Schlaganfallhilfe sammeln. Sein Ziel ist, die Situation von Schlaganfallgeschädigten zu verbessern. Unterwegs will er mit vielen Betroffenen sprechen, wie es ihnen nach der Diagnose ergangen ist und wie sie zurück ins Leben gefunden haben: „Bei einer Runde um den Andreas-Brunnen in Kamenz ist das alles nicht möglich.“

Vor 14 Tagen ereilte den Kamenzer auch noch ein leichter Bruch in der Lendenwirbelsäule. Der müsse aber allein ausheilen, erklärt er. Aufhalten kann er ihn nicht. Enrico Wenzel sagt: „Jetzt erst recht.“

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