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Wollte ein Mann aus Pulsnitz seine Nachbarin töten?

Vor Gericht musste sich am Donnerstag ein 62-Jähriger verantworten. Ihm wurde versuchter Totschlag vorgeworfen – aber am Ende entschied das Gericht anders.

Ein Mann aus Pulsnitz hat seine Nachbarin brutal angegriffen. Wollte er sie töten? Jetzt musste er sich in Görlitz vor Gericht verantworten.
Ein Mann aus Pulsnitz hat seine Nachbarin brutal angegriffen. Wollte er sie töten? Jetzt musste er sich in Görlitz vor Gericht verantworten. © Martin Schneider

Pulsnitz/Görlitz. Diese Worte der Staatsanwältin hallen nach: Das Opfer, eine Frau Mitte 70, sei eine nette, taffe und schicke Omi gewesen. Vor der Tat. Heute, ein halbes Jahr später, sei die Dame eine gebrochene Frau. Sie habe abgebaut, sei um Jahre gealtert. Ihr Leben habe sich durch die Tat von einem Tag auf den anderen verändert. Kein Wunder – bei dem, was die Frau aus Pulsnitz erlebt hat.

Arglos hatte sie im März dieses Jahres ihre Wohnungstür geöffnet, weil sie den Besuch einer Freundin erwartete. Doch vor der Tür stand nicht die Freundin, da stand ihr Nachbar. Unvermittelt schlug ihr der 62-Jährige mit der Faust ins Gesicht, das sieht das Gericht als erwiesen an. Nicht nur einmal schlug er zu. Die Frau versuchte, sich auf den Balkon zu retten – aber der Mann folgte ihr. „Wo ist meine Frau?“, soll er sie gefragt und ihr gedroht haben, sie umzubringen. Er drückte sie gegen die Balkonbrüstung. Auf dem Balkon legte er ihr einen Schal um, den er mitgebracht hatte, – und zog zu. In Tötungsabsicht, so lautet die Anklage.

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Nebenklägerin spricht von versuchtem Mord

Erst, als Nachbarn auf die Hilferufe der Frau aufmerksam wurden und sich in die Wohnung drängten, soll der Mann von ihr abgelassen haben. Der Vorwurf des versuchten Totschlags und der gefährlichen Körperverletzung steht deshalb im Raum.

Vor dem Schwurgericht des Landgerichts in Görlitz ging es an diesem Donnerstag vor allem um die Frage, ob der Mann die Frau wirklich töten wollte. Die Rechtsanwältin des Opfers, also der Nebenklägerin, hat darauf eine ziemlich eindeutige Antwort: Aus ihrer Sicht ging es nicht nur um versuchten Totschlag, aus ihrer Sicht ging es um versuchten Mord. Nicht unter sechs Jahren Freiheitsentzug, findet sie, dürfe die Strafe liegen. „Die Frau war blutüberströmt, entkräftet, und sie hatte Todesangst“, führt die Anwältin aus. „Sie war arglos und zur Verteidigung außerstande.“

Verteidigerin: "Ihm tut das furchtbar leid"

Die Verteidigerin des Angeklagten sieht das anders. Der Mann habe sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden. Seine Frau habe ihn eine Woche zuvor verlassen; war ausgezogen, als er auf Arbeit war. Er sei depressiv gewesen, habe Alkohol getrunken – die ältere Nachbarin sei ein Zufallsopfer gewesen. „Er wollte sie nicht töten“, sagt die Verteidigerin. „Ihm tut das furchtbar leid“, wirft sie ein und erklärt, dass ihr Mandant von der Frau abgelassen habe, als die Nachbarn kamen. Sie fordert eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Anders als die Anwältin der älteren Frau sieht es mittlerweile auch die Staatsanwaltschaft. Sie hatte zwar zunächst einen versuchten Totschlag angeklagt, aber in Anbetracht des Berichts eines Rechtsmediziners bewertet die Oberstaatsanwältin die Lage neu. Es sei schwer nachzuweisen, dass der Mann die Frau wirklich töten wollte, sagt sie. „Es hat Gewalteinwirkungen gegen den Hals gegeben, aber diese waren nicht langanhaltend und effektiv genug, um einen Menschen zu töten.“ Auch ein psychiatrischer Gutachter habe erklärt, dass der Mann nicht mit der Absicht zu der Nachbarin gegangen sei, diese zu töten. Zornig sei er gewesen, weil seine Frau weg war – dann sei etwas entglitten.

Täter muss nun in eine Entziehungsanstalt

Sicher: Dass die Tat schlimm war, ist auch für die Oberstaatsanwältin keine Frage. Sie betont, dass die ältere Frau dem Angeklagten körperlich unterlegen war. Sie wurde bei sich Zuhause, an einem Ort, an dem man sich sicher fühlt, angegriffen. Und die Verletzungen hätten lebensgefährlich sein können. Dennoch: Auch für sie spielt es eine Rolle, dass der Angeklagte von seinem Opfer abließ, als die Nachbarn kamen. Der Tatbestand: aus ihrer Sicht eher eine gefährliche Körperverletzung. Sie plädiert für eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten – und fordert, dass der Angeklagte in eine Entziehungsanstalt eingewiesen wird.

Auch das Gericht bewertet die Tat schlussendlich als gefährliche Körperverletzung, nicht als Totschlag. Drei Jahre muss der Mann nun hinter Gitter. Danach wird er in einer Entziehungsanstalt untergebracht. 5.000 Euro Schmerzensgeld muss er dem Opfer zahlen. Der Angeklagte sei durch den Alkohol zwar weniger steuerungsfähig gewesen, aber nicht steuerungsunfähig. „Wenn er sie hätte töten wollen, hätte er das anders umgesetzt“, zeigt sich der Vorsitzende Richter überzeugt.

Dennoch: Sollte der Mann, der leugnet, alkoholabhängig zu sein, keine Therapie machen, sieht der Richter Gefahr im Verzug. Es könne sein, dass der Angeklagte ähnliche Taten noch einmal begeht. Bis zum Haftantritt muss der Angeklagte deshalb nun aus der U-Haft in eine Entziehungsanstalt umziehen. „Er ist weiterhin gefährlich. Wir können nicht verantworten, ihn jetzt auf freien Fuß zu lassen.“

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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