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Wer züchtet heute noch Kaninchen?

Zu DDR-Zeiten war die Kaninchenzucht bliebt, heute fehlen junge Mitglieder in den Vereinen. Denn das Hobby ist teuer. Die Kamenzer Züchter suchen nach Auswegen.

Henry Schinke mit einem Roten Neuseeländer: Der Züchter aus Bischheim ist seit 23 Jahren Chef des Rassekaninchenzüchtervereins Kamenz & Umgebung.
Henry Schinke mit einem Roten Neuseeländer: Der Züchter aus Bischheim ist seit 23 Jahren Chef des Rassekaninchenzüchtervereins Kamenz & Umgebung. © René Plaul

Kamenz. Die Roten Neuseeländer sind gerade in Haarung. Ihr feines Fell fliegt durch den Kaninchenstall von Henry Schinke. Der Bischheimer streicht ein paar Mal über den dicken Pelz. Routiniert. Mit Kennerblick. "Die brauche ich am Wochenende gar nicht mit zur Kreisjungtierschau nach Gersdorf mitnehmen", sagt er. Der Fellwechsel kommt da nicht gut an. Schon wieder hält der Besitzer eine Hand voll roter Haare hoch.

Hier im Stall geht es nicht um Streicheleinheiten. Henry Schinke ist Züchter. Und das seit 50 Jahren. Seine Kaninchen haben keine Namen. Sie tragen Nummern in den Ohren. Die hat er persönlich tätowiert. "Ich bin bei uns nicht nur der Chef, sondern auch der Tätowierer im Verein", sagt Schinke. Leidenschaft für die Tiere hat er trotzdem. Im Treppenhaus stehen über 200 Pokale, die Henry Schinke gewonnen hat auf diversen Schauen. Sogar Europa-Champion 2006 war er. "Mir fehlt nur noch ein Deutscher Meistertitel."

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Ein harter Kern hält alles zusammen

Sein Verein ist der "Rassekaninchenzüchterverein Kamenz & Umgebung". Momentan ist dieser 29 Züchterinnern und Züchter groß. Und damit einer der mitgliederstärksten der Region. Denn die Überalterung macht überall Sorgen. Auch bei den Kamenzern. "Der Älteste ist 91 Jahre und Ehrenmitglied. Ihm folgt ein 88-Jähriger und so weiter", erzählt Henry Schinke. Das Durchschnittsalter ist hoch. Daran ändert auch der kürzliche Eintritt einer Achtjährigen nichts.

"Wenn nicht ab und zu die Kinder eines Mitgliedes nachfolgen, wäre überhaupt keine Hoffnung in Sicht", sagt der Chef. Seine eigene Familie hat dabei einen ganz guten Schnitt. Bruder, Schwägerin und Nichte sind ebenfalls seit vielen Jahren am Start. Und es ist wie überall - ein harter Kern kümmert sich fast um alle Belange. Wenn der mal nicht mehr funktioniert, sieht es düster aus.

Auch Zwergwidder gehören zu Henry Schinkes Zucht in Bischheim.
Auch Zwergwidder gehören zu Henry Schinkes Zucht in Bischheim. © René Plaul

"Wir pflegten vor vielen Jahren eine Partnerschaft mit den Rassekaninchenzüchtern von Alzey, der Partnerstadt von Kamenz in Rheinhessen", so Henry Schinke. "Die waren über 50 Mitglieder, aber davon haben nur fünf Tiere gezüchtet. Der Rest waren Fördermitglieder. Als die wenigen Züchter ins Alter kamen, war Schluss. Wir haben immer gesagt: Das passiert uns mal nicht. Jetzt denken wir anders."

Kaum ein junger Mensch interessiert sich mehr für die Rassetierzucht und -haltung. Warum? "Es ist eine kostspielige Angelegenheit. Das fängt bei der Unterbringung an und hört bei immer teurer werdenden Impfungen auf", sagt er. Gegen die China-Seuche, in Fachkreisen unter der Abkürzung RHD bekannt, muss vorgesorgt werden. Und gegen Myxomatose.

Zudem sollte man genügend Platz haben. Die Bestimmungen zur Tierhaltung sind umfangreich. Und jährlich kommen neue dazu. Einzelboxenhaltung, eine gewisse Ordnung im Stall und bestimmte Käfiggrößen sind Voraussetzung . Es gehe bei der Zuchtarbeit nicht darum, ein einzelnes Zwergkaninchen im Kinderzimmer zu halten. Züchter benötigen viele Tiere. Henry Schinke hat aktuell 35 Zwergwidder und Rote Neuseeländer. Welcher junge Mensch kann sich so etwas leisten?", fragt er.

Der Kamenzer Verein setzt deshalb auf gegenseitige Unterstützung. Und verstärkt auf Werbung - mündliche sowie ganz praktische. "Quereinsteiger im mittleren Alter sind realistischer", so der 66-Jährige. "Menschen, die sich vielleicht als Kind für Tiere interessiert haben und nun Zeit haben. Sie würden jegliche Unterstützung von uns bekommen, die wir leisten können", so Henry Schinke.

Zu DDR war die Zucht noch lukrativ

In der DDR ging es um andere Dinge bei der Zucht. Um Selbstversorgung zum Beispiel. "Heute stimmt das auch noch, denn bei uns gibt es oft Kaninchen. Wenn ein Tier geschlachtet werden muss, dann holt meine Frau das Rezeptbuch raus", schmunzelt der Bischheimer. Und sie kocht prima.

Der Züchter-Boom aus DDR-Zeiten ist aber längst verflogen. Damals bekamen die Halter gutes Geld – manchmal mehr, als ein Kunde im Laden zahlen musste. Zudem wurde das Fleisch und Fell mit zusätzlichem Futter aufgewogen. "Heute ist die Kleintierzucht leider in vielen Kleingartenanlagen untersagt", weiß Henry Schinke. In manchem Garten wäre durchaus Platz dafür. Ärgerlich seien solche Regularien. Zumal man auch etwas für den Rassenerhalt tut. Viele Kaninchen stehen heute schon auf der Roten Liste, wie Angora, Meißner Widder oder Marderkaninchen.

Henry Schinke ist seit 23 Jahren Chef des Rassekaninchenzüchtervereines Kamenz & Umgebung. Er hat bereits über 200 Preise und Pokale gewonnen.
Henry Schinke ist seit 23 Jahren Chef des Rassekaninchenzüchtervereines Kamenz & Umgebung. Er hat bereits über 200 Preise und Pokale gewonnen. © René Plaul

„Solange ich kann, werde ich auf Landes- und Bundesschauen ausstellen", sagt er. Sie bieten Gelegenheit, sich mit anderen Züchtern auszutauschen. Und manchmal geht's auch kleiner: Für den 6. und 7. November lädt der Kamenzer Verein zur Vereinsschau nach Lückersdorf ins Moritzbad. "Das erste Mal seit der Corona-Pandemie wieder - wir hoffen auf viel Zuspruch", so Schinke. Und vielleicht sind seine Roten Neuseeländer bis dahin ja aus der Haarung raus.

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