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Kamera-Spezialist ohne Kameras

Die Dresdner Firma Pentacon arbeitet für andere Branchen. Doch so ganz verzichtet sie nicht auf Objektive.

© René Meinig

Von Bettina Klemm

Pentacon, diesen Namen verbinden viele mit Spiegelreflexkameras der Marke Praktica. Dieser Kameratyp wurde in Dresden erfunden und beeinflusste die gesamte Kameraentwicklung. Die Treuhand übertrug den Markennamen Praktica 1991 an die Firma Pentacon. Ursprünglich wollte die Pentacon GmbH Foto- und Feinwerktechnik die Produktion fortsetzen. Das schien anfangs erfolgversprechend. Seit den 1990er-Jahren hat sie auch Ferngläser und Kompaktkameras, seit 2002 Digitalkameras produziert. Später kamen Scanner-Kameras hinzu.

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Doch das ist Geschichte: Die letzte Scanner-Kamera wurde im November vergangenen Jahres verkauft. Den Handel mit den Praktica-Produkten hat Pentacon schon 2015 eingestellt. Bereits in den Jahren zuvor wurden die Kameras in China produziert und von der Pentacon GmbH nur gemanagt und vertrieben.

Zum 1. August 2015 hat das Unternehmen die Marke Praktica an einen britischen Investor veräußert. „Das war eine nüchterne Zahlenentscheidung. Das Geschäft war stark rückgängig, wir haben in letzter Sekunde den Absprung geschafft“, sagt Michael Bledau, Geschäftsführer der Pentacon GmbH. Der Diplom-Ingenieur arbeitete einst in der Entwicklungsabteilung von Robotron Messelektronik, sammelte Auslandserfahrungen und war ab 1990 als Geschäftsführer verschiedener Unternehmen tätig. Seit 19 Jahren steht der 59-Jährige an der Spitze der Pentacon GmbH. Diese wiederum gehört zur Jos. Schneider Gruppe in Bad Kreuznach. Die weltweit agierende Unternehmensgruppe ist auf die Entwicklung, Produktion und Fertigung von Hochleistungsobjektiven und Filtersystemen spezialisiert. Hinzu kommen Präzisionsmechanik und Servohydraulik.

In den Hallen in der Dresdner Enderstraße wird auch nach dem Aus der Kameras im Drei-Schichtsystem produziert. Nicht umsonst führt Pentacon die Bezeichnung Feinwerktechnik im Firmennamen: Das Unternehmen konzentriert sich auf die Verarbeitung von Metall und Kunststoff, oft auch auf Hybridteile, also eine Verbindung beider Werkstoffe. Präzision und jahrzehntelanges Know-how, wie sie einst bei der Kameraproduktion gefragt waren, werden heute in der Automotive-Branche, der Medizintechnik, der optischen Industrie und der Möbelindustrie eingesetzt. Die Mitarbeiter schneiden, fräsen, drehen und schleifen feinste Teile für ihre Kunden. Dazu stehen ihnen Langdrehautomaten, verkettete Einstichschleifmaschinen, CNC-Drehmaschinen und andere moderne Anlagen zur Verfügung. Der Maschinenpark wird ständig erweitert.

In den Vitrinen im Sitzungsraum ist eine Auswahl der Produkte zu sehen. Das sind winzige Spritzguss- oder Metallteile, aber auch Zubehör für Objektive. Optische und medizinische Kunststoffprodukte, die gesonderte Reinraumbedingungen erfordern, gehören ebenso ins Portfolio. Zur Qualitätssicherung innerhalb der Produktion setzte Pentacon früh auf ein eigenes Mess- und Kalibrierlabor. Es arbeitet auch für externe Partner. „Wir bieten aus einer Hand für die verschiedenen Bereiche zugeschnittene Lösungen, angefangen bei der Konstruktion über die Technologie bis zum fertigen Produkt“, erklärt Marketingchef Thomas Aurich. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr 11,2 Millionen Euro, eine Million Euro mehr als 2016. Die Mitarbeiterzahl stieg von 126 auf 130.

Auch wenn Pentacon keine Kameras mehr herstellt, so verzichtet das Unternehmen nicht völlig auf die Objektive. „Griff in die Kiste“, so ist eine neue Werbung umschrieben. „Wir haben optische Prüfeinrichtungen konzipiert. Die Anlage ist zum Beispiel in der Lage, aus einer Million kleiner Teile diejenigen mit Kratzern und anderen Fehlern auszusuchen. Die Inspektion verläuft im Bruchteil von Sekunden“, erklärt Aurich. Das Besondere ist die Bohrlochinspektion, durch die Innenräume kontrolliert werden. „Bei diesen Kameras haben wir ein Alleinstellungsmerkmal“, sagt Geschäftsführer Bledau. Seit März 2017 sind diese verkaufsfähig.

Er hofft, dass sich viele Unternehmen für diese schnelle und effektive Prüftechnik entscheiden und diese bald einen nennenswerten Anteil am Unternehmensumsatz ausmachen. Aber in den meisten Fällen werden komplette Anlagen benötigt, und die kosten deutlich über 100 000 Euro. Da dauern entsprechende Entscheidungen etwas länger. Geht die Rechnung auf, wird der einstige Kamera-Spezialist auch wieder in der Optikbranche mitmischen.