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Geld und Recht

Kampf um den Mittelstand

Zahl der Wettbewerber für Firmenkredite steigt.

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Der Finanzierungsmarkt befindet sich im Umschwung. Im Firmenkundengeschäft liegen die Kreditmargen laut einer Studie von Bain & Company Inc. bereits heute nahe einem Zehnjahrestief. Bis 2020 prognostizieren Experten den Banken nur moderat steigende Gewinne im deutschen Firmenkundengeschäft. Neben geringem Wachstum werden Kreditinstitute mit einem zunehmenden Wettbewerb konfrontiert. Insbesondere um Geschäftskunden aus dem Mittelstand müssen Banken inzwischen regelrecht buhlen. Neue Marktteilnehmer sorgen für Dynamik und bescheren Unternehmern mehr Auswahl zur Beschaffung von Fremdkapital.

Mit der Studie zum Corporate-Banking hat Bain & Company Inc., eine der größten Unternehmensberatungen der Welt, die Profitabilität der wichtigsten Produkte des Firmenkundengeschäfts deutscher Banken ermittelt und das Ende der Wachstumsillusionen prognostiziert. Nach Ansicht der Autoren, Dr. Christian Graf und Dr. Jan-Alexander Huber werden sowohl Erträge als auch Gewinne der Banken im deutschen Firmenkundengeschäft bis 2020 lediglich moderat steigen. Laut Prognosen sehen sich Kreditinstitute einem turbulenten Wettbewerb gegenüber, insbesondere im Bereich des gehobenen Mittelstands. 

Hinzu kommt, dass kleinen und mittelständischen Unternehmen der Zugang zu Fremdkapital zunehmend erschwert wird. Teilweise werden Kreditanfragen wegen schlechter Bonität unmittelbar abgelehnt, teilweise sorgt eine hohe Verzinsung für finanzielle Schwierigkeiten. Die Branche macht häufig den Unterschied. Viele Gewerbetreibende im Dienstleistungssektor haben besonders zu kämpfen, die produzierende Industrie hingegen weniger. Aufgrund der Probleme bei der konventionellen Kreditvergabe und dem nicht zu unterschätzenden Liquiditätsdruck durch einen sich ankündigenden Konjunktureinbruch steigt die Nachfrage nach Alternativen zum Bankkredit. Wegen unbürokratischer und beschleunigter Prozesse erfreuen sich unter anderem Online-Kreditmarktplätze großer Beliebtheit. Während Verbraucher schon seit Jahren auf Peer-to-Peer-Kredite und somit auf Fremdkapital von Privatpersonen zurückgreifen können, war die Auswahl an derartigen Finanzierungsmöglichkeiten für Unternehmer bislang stark eingeschränkt. Digitale Kreditmarktplätze treten hierbei als Vermittler zwischen Anlegern und Kreditnehmern auf und wickeln die erforderlichen Prozesse ab. Beispielsweise hat der in Deutschland etablierte Anbieter auxmoney sein Angebot in diesem Jahr um den Punkt Kredite für Firmen erweitert. Seit 2019 können kleinere und mittlere Unternehmen Kreditanfragen bis 750.000 Euro stellen. Laut Internetpräsenz des Düsseldorfer Unternehmens handelt es sich um Annuitätendarlehen, die „in gleichbleibenden Raten“ innerhalb der vereinbarten Laufzeit zwischen 6 und 60 Monaten zurückgezahlt werden und nicht zweckgebunden sind.

Finanzierungsmix auf dem Vormarsch

Auch das Interesse am Factoring steigt. Dabei handelt es sich um eine Methode der Absatzfinanzierung durch Verkauf von Forderungen gegen Forderungsschuldnern an Kreditinstitute. Eine repräsentative Umfrage durch den Bundesverband Factoring für den Mittelstand (BFM) ergab, dass 55 Prozent der befragten Unternehmen Beteiligungen, Factoring und Leasing neben Eigen- und Fremdkapital als Teil einer ausgewogenen Finanzierung betrachten. Laut BFM Factoring-Studie 2019 erwägen 18 Prozent der KMU eine Liquiditätssteigerung durch Factoring. Als Motivation für einen Finanzierungsmix wird die Lockerung der Bindung zu klassischen Kreditpartnern genannt. Der BFM bestätigt, dass sich 62 Prozent mehr Unabhängigkeit von Hausbanken wünschen. Da die Nachfrage das Angebot bestimmt, dürften Unternehmen künftig von einem vereinfachten Zugang zu Drittanbietern rechnen.

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Konkurrenz bekommen deutsche Banken auch von Nichtbanken wie Versicherungen, Fintechs und Pensionsfonds. Sie drängen als Marktteilnehmer vor und kurbeln den Kampf um den Mittelstand zusätzlich an. Schließlich ist das Potenzial verlockend. Globale Handelsstreitigkeiten nehmen großen Einfluss auf die Wirtschaft. Viele Unternehmer sind aufgrund von Brexit, US-Strafzöllen und Co. besorgt, fürchten finanzielle Engpässe. Eine strategische Unternehmensfinanzierung inklusive Abbau riskanter Abhängigkeiten scheint angesichts der internationalen Entwicklungen immer wichtiger. Durch eine breitere Aufstellung lassen sich Risiken abbauen. Auch unter den mehr als 1.600 befragten kleinen und mittleren Unternehmen der BFM Factoring-Studie ist man sich dahingehend einig: „In Unternehmen der Umsatzgrößenklasse 2,5 bis 50 Mio. Euro sehen sieben von zehn Entscheidern (68%) Vorteile bei einer modularen Finanzierung.“

Dass sich ein Umschwung im Kreditgeschäft ankündigt, wird auch beim Blick auf Konzerne mit guter Bonität deutlich. Sie bauen finanzielle Polster auf, um sich für einen möglichen Konjunktureinbruch zu wappnen. Ob Letzterer tatsächlich eintritt, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass Betriebe dank des derzeit überaus dynamischen Firmenkreditgeschäfts zahlreiche Optionen haben, um Fremdkapital zu beschaffen und Investitionen zur Wettbewerbssicherung zu tätigen. An Angeboten mangelt es nicht.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit der externen Redakteurin Svenja Schüler.