merken

Kampf um die Bilder

Katalonien stimmt über die Unabhängigkeit von Spanien ab. Die Polizei schießt mit Gummigeschossen.

© dpa

Von Martin Dahms, SZ-Korrespondent in Barcelona

Alte und Rollstuhlfahrer zuerst. Die Inszenierung ist wichtig, hier werden Bilder für den Rest der Welt produziert. Also steht María Rosa Coromina ganz vorne in der langen Schlange vor dem Centre de Cultura Contemporània de Barcelona (CCCB), das heute als Wahllokal fungiert. „90 Jahre und sehr gut in Schuss“, sagt die reizende Dame. Es ist 9 Uhr am Sonntagmorgen. „Ich bin schon seit halb sieben hier. Ich will die erste sein, denn ich kenne eine Vergangenheit, in der niemand wählen durfte.“ Wie wird sie abstimmen? „Das sage ich niemandem, wie ich abstimmen werde. Aber ich werde mit Ja stimmen.“ Die Leute ringsum lachen.

Anzeige
Ferientipps für Sachsen
Ferientipps für Sachsen

Da ist sie, die schönste Zeit des Jahres - die Sommerferien! Wir haben die Freizeittipps für Familienausflüge in Sachsen und Umgebung.

Es herrscht fröhliche Stimmung vor dem CCCB an diesem Morgen. Die spanische Regierung wollte dieses Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens verhindern, und jetzt sieht alles danach aus, dass es dennoch stattfinden wird. „Wer hat gesagt, dass es leicht werden würde?“, meint Xavi Capmany, ein Wahlhelfer von Òmnium Cultural, einer der großen Bürgerinitiativen, die seit Jahren für die Unabhängigkeit Kataloniens streiten. Aber jetzt kann er mit verhaltenem Stolz berichten, dass in einem Nebenraum gerade die Tische für die Abstimmung aufgestellt werden, und daneben die Urnen. Sie wurden von der Organisationsabteilung der Generalitat. Sie ist die katalanische Regionalregierung, die dieses Referendum vor Monaten ankündigte und seit dem 6. September unbeirrt von allen Verboten des spanischen Verfassungsgerichts vorantrieb.

Morgens um sechs hatte es zu regnen begonnen, „den Regen hat Ministerpräsident Mariano Rajoy bestellt“, sagt jemand in der Menge von vielleicht 200 Leuten vor der Sekundarschule Miquel Tarradell im Altstadtviertel El Raval. Um sechs sollten eigentlich die Mossos vorbeikommen, Beamte der katalanischen Regionalpolizei, um dieses Wahllokal wie alle anderen gut 2 300 Wahllokale in Katalonien auf Anordnung des Oberen Katalanischen Gerichtshofes zu schließen. Um die Schließung zu verhindern, hatten Nachbarn die Schule am Freitagabend besetzt, so wie mehr als 100 andere Schulen.

Die Mossos kommen um halb sieben in einem Streifenwagen vorbei, sie steigen aus, ziehen sich Westen über, während sie von den immer noch schweigenden Demonstranten beobachtet werden. Sie stehen einfach da in der Dunkelheit unter ihren Regenschirmen, als kompakte Masse, und lassen die Mossos nicht durch. Die bemühen sich auch nicht sehr, zur Eingangstür der Schule durchzukommen. Später sagt einer der Polizisten, ein großer, freundlicher Kerl: „Wir sind hier, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen.“ Eigentlich war ihr Auftrag ein anderer. Aber sie denken gar nicht daran, irgendetwas zu tun, um dieses Referendum zu verhindern.

Auch vor dem CCCB stehen vier Mossos, friedlich ins Gespräch vertieft, weit weg von der Schlange derer, die wählen wollen. An solchen Bildern von Schlangen Abstimmungswilliger ist den Separatisten gelegen. Die Abstimmung hat noch immer nicht begonnen, jemand bittet um „Geduld, Geduld, Geduld“. Es gibt Probleme mit dem Computerprogramm, mit dessen Hilfe sichergestellt werden soll, dass niemand doppelt abstimmt, und dass niemand abstimmt, der nicht in Katalonien gemeldet ist. Die Menschen üben sich in der erbetenen Geduld. Jemand erzählt, dass in anderen Wahllokalen gerade die spanische Nationalpolizei eingreife.

Rund 10 000 Beamte waren aus dem Rest Spaniens nach Katalonien geschickt worden. Zu denen, die daran nichts auszusetzen haben, gehört der 44-jährige Julio Jolín. Mit mehreren Tausend Gleichgesinnten war er am Samstagabend durch die Innenstadt von Barcelona gezogen, um für die Einheit Spaniens und gegen das Referendum zu demonstrieren. Jolín hatte sich eine spanische Flagge um die Schultern gelegt. „Ich werde nicht abstimmen gehen, das Verfassungsgericht hat das Referendum ausdrücklich verboten“, sagte er. „Jetzt ist der Moment, auf die Straße zu gehen und laut für die Einheit Spaniens einzutreten.“ Viele Katalanen denken wie Jolín, aber nur wenige melden sich zu Wort.

Weiterführende Artikel

„Die Angst wächst“

„Die Angst wächst“

Lange Zeit war der Konflikt um die Unabhängigkeitsbestrebungen in Katalonien in Spanien und Europa als Provinzposse abgetan worden. Das hat sich geändert.

Vorbereitung auf die Abspaltung

Vorbereitung auf die Abspaltung

In Katalonien tickt die Uhr. Nach dem Sieg der Separatisten beim Referendum könnte die Region noch diese Woche die Abspaltung von Spanien verkünden. Ein Kompromiss ist nicht in Sicht.

Ein fröhlicher, ein festlicher Morgen – bis 20 Nationalpolizisten ein Stück außerhalb der Innenstadt Wahlzettel und Urnen konfiszieren. Die Beamten zielen mit Gummigeschossen auf die Menschen, die ihre Abstimmung retten möchten. Sie wollten passiven Widerstand üben, jetzt rennen sie den Polizisten hinterher, Absperrgitter fliegen durch die Luft. Wenig später sind über der Stadt Hubschrauber zu hören. Im Fernsehen werden Bilder von Polizisten gezeigt, die Menschen eine Treppe herunterschubsen, eine Frau an den Haaren zerren, einen auf dem Boden Sitzenden treten. Die katalanische Regionalregierung zählte bis zum Abend mehr als 761 verletzte Demonstranten, einige davon „gravierend“. Das spanische Innenministerium berichtete von elf verletzten Polizeibeamten.

Die Vizepräsidentin der spanischen Regierung, Soraya Sáenz de Santamaría, lobt die „Professionalität“ der spanischen Polizisten. Es klingt wie ein höhnischer Kommentar auf die Bilder.