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Kampf um die Kästner-Eiche

Das imposante, 500 Jahre alte Kulturdenkmal am Görlitzer Stadtrand soll gefällt werden. Die Untere Naturschutzbehörde will das Vorhaben des Forstamtes aber verhindern.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Constanze Junghanß

Girbirgsdorf. Mehr als 30 Meter streckt der imposante Baum seine Äste in die Höhe. Sein Stammdurchmesser bringt es auf sagenhafte siebeneinhalb Meter. Die Stieleiche im Schöpstaler Ortsteil Girbigsdorf gilt mit ihren geschätzten 500 Jahren als eines der ältesten und beeindruckendsten Naturdenkmale ihrer Art deutschlandweit. Vermutlich gingen bereits die Anfänge der Reformationszeit an ihr vorbei. Sie trotzte Unwettern, überlebte Kriege und ihr Blätterrauschen begleitete zig Generationen.

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Doch nun droht dem geschichtsträchtigen Baumriesen das Aus. Der Gemeindeverwaltung flatterte jetzt ein Schreiben vom Forstbezirk Oberlausitz ins Haus. Aus dem ist ersichtlich, dass Sachsenforst keine Möglichkeit mehr sieht, die uralte Eiche zu erhalten. Als Gründe aufgezählt werden vor allem starker Pilzbefall, Spannungsrisse und Totholz im Kronenbereich. Eine Fällung des Naturdenkmals wäre deshalb erforderlich. Zumal Ende Mai bei einer Begehung vor Ort festgestellt wurde, es gebe eine akute Gefährdung und einen Stabilitätsverlust. Die Sicherheit sei demzufolge nicht mehr gewährleistet. Forstbezirksleiter Holm Karraß bedauert in dem Schreiben diesen Antrag sehr, heißt es da. Sachsenforst bietet eine Art Notlösung an: Eine Ersatzpflanzung aus dem genetischen Material der Kästnereiche am gleichen Standort wird als Option genannt.

Der Brief wurde in der jüngsten Gemeinderatssitzung vorgestellt. Er sorgte für Diskussionsstoff. Elvira Tschirner (Freie Wähler) sagte, dass man schon eine Verantwortung hinsichtlich der Sicherheit habe. Aber auch eine umfangreiche Baumkronenpflege kam als Alternative zur Abholzung zur Sprache. Bürgermeister Bernd Kalkbrenner (FDP) verwies darauf, dass die Untere Naturschutzbehörde vom Landkreis eine Fällung als überzogen ansehen würde. Dazu heißt es nun vonseiten der Behörde auf Nachfrage der SZ, dass vorab geprüft werden müsse, ob zumutbare Alternativen zur Fällung des Baumes bestünden.

Deshalb hat das Amt jetzt einen öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen mit einer Begutachtung des Baumes beauftragt. „Ziel der Untersuchung Ende August soll insbesondere die Prüfung von Baumpflegemaßnahmen zum Erhalt des Naturdenkmals sein“, heißt es. Das klingt zumindest nach einer letzten Chance, die Eiche doch noch vor der Kettensäge zu retten. Dem entgegen steht allerdings die Einschätzung vom Staatsbetrieb Sachsenforst, der die Fällung bei der Unteren Naturschutzbehörde beantragte. Hintergrund sei die Verkehrssicherheit. Die ist auch der Gemeinde Schöpstal bewusst, betonte Bernd Kalkbrenner. Und auch, dass eine Verkehrssicherungspflicht besteht. Eine Stellungnahme will die Gemeinde nun auf jeden Fall abgeben.

Vor einiger Zeit gab es ein solches Problem bereits schon mal. Bei der sogenannten „Richter-Eiche“ war keine Rettung mehr möglich. Bei der „Kästnereiche“ handelt es sich allerdings um ein besonders wertvolles und überregional bedeutsames Naturdenkmal. Darauf verweist die Naturschutzbehörde explizit. Der Baum gehöre zu den monumentalsten Eichen in ganz Deutschland und wurde sogar in der Fachliteratur publiziert.

Eigentümer des seit 1994 als Naturdenkmal eingestuften Baumes ist der Freistaat Sachsen. Auf dessen Flurstück steht die Eiche auch. Vor herabfallenden Ästen warnt seit Langem eine Tafel. Um den Baum herum ist ein Zaun aufgestellt. Gemeinde und Sachsenforst investierten vor fünf Jahren rund 10 000 Euro in einen Weg, der vor dem Naturdenkmal entlang und nicht mehr am Baum direkt vorbeiführt. Dadurch sollten Erschütterungen im Wurzelbereich vermieden werden.

Trotz aller Bemühungen zeichnete sich im Januar des vergangenen Jahres ab, dass sich die Eiche altersbedingt immer mehr verabschiedet. Nicht nur die Pilzerkrankungen und totes Holz machen dem uralten Gewächs zu schaffen. Ein langer Riss wurde 2016 festgestellt, der von dem voranschreitendem Verfall kündet.