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Kampf um die Umweltschule hat begonnen

© Sven Ellger

Die Eltern sind von der drohenden Schließung schockiert. Die Vorwürfe der Bildungsagentur wollen sie nicht hinnehmen.

Von Kathrin Kupka-Hahn

Die Sächsische Bildungsagentur verbreitet Falschmeldungen, davon sind Michael Nattke und Cindy Behring-Wiesner fest überzeugt. Ihre Kinder besuchen die Natur- und Umweltschule und fühlen sich dort ausgesprochen wohl. Zu Schaden gekommen sind sie dort nicht – entgegen anders lautenden Behauptungen. Deshalb soll die Freie Schule, die zwischen dem Industriegebiet Albertstadt und Klotzsche am Heller liegt, auch Ende Juli geschlossen werden. Die Sächsische Bildungsagentur (SBA) will den Schulbetrieb nicht länger genehmigen. Als Gründe dafür nennt die Behörde enorme Mängel, unter anderem den schlechten Wissens- und Leistungsstand der Kinder, Gefahren an den Waldlernplätzen, nicht geeignete Arbeitsmaterialien sowie unzureichend ausgebildetes Personal (die SZ berichtete). Das Kindswohl sei gefährdet, sagte die SBA-Leiterin, Anja Stephan in einem Pressegespräch.

Für Michael Nattke sind diese Vorwürfe ein Unding. „Wenn das Kindswohl so gefährdet wäre wie behauptet, müsste die Schule sofort geschlossen werden. Was hier passiert, ist üble Nachrede“, sagt er.

Erstklässler kann bis 1 000 rechnen

Der Berufsschullehrer hat sich wie die anderen Eltern auch bewusst für die Natur- und Umweltschule, ihr pädagogisches Konzept und dessen Umsetzung entschieden. Unterricht im Freien und auch bei Regen ist für ihn kein Problem. Der Wissensstand seines Sohnes ist für ihn in Ordnung. „Durch den jahrgangsübergreifenden Unterricht können Drittklässler vielleicht einige Dinge nicht, die an staatlichen Schulen in diesem Alter vorgeschrieben werden. Dafür können sie aber andere Dinge, die an einer staatlichen Schule erst Fünftklässler erlernen“, sagt er, zum Beispiel in Biologie, Naturkunde oder im Sozialverhalten. An der Natur- und Umweltschule werde zudem jedem Kind ermöglicht, sein eigenes Lerntempo zu finden und, dass es seine Stärken individuell entwickelt. Drei der Viertklässler haben die Aufnahmeprüfung am Gymnasium geschafft und können nun nach den Sommerferien dorthin wechseln. Das gute Lernklima bestätigt auch Cindy Behring-Wiesner. Ihr Sohn besucht die erste Klasse der Umweltschule. „Er kann fließend lesen, bis 1 000 rechnen und multiplizieren“, erzählt sie. Dass es Kinder gibt, die in ihrer Leistung und Entwicklung hinterherhinken, das komme auch an staatlichen Grundschulen vor.

Nicht nur die Vorwürfe der Bildungsagentur kann Michael Nattke nicht nachvollziehen, auch von der Vorgehensweise der Behörde ist er enttäuscht. „Wir Eltern versuchen, seit mehr als drei Jahren auf die SBA zuzugehen und mit ihr ins Gespräch zu kommen. Das wurde uns immer wieder verwehrt“, erklärt er. Zudem kritisieren der 36-Jährige und Cindy Behring-Wiesner, dass an den jetzigen Entscheidungen der SBA die Eltern in keiner Weise beteiligt und auch nicht nach ihrer Meinung gefragt wurden. „Weder zu den Vorwürfen noch zu der Wahl der Ersatzschule am Jägerpark“, so Nattke. Aus seiner Sicht hat die Behörde die Verantwortlichen der Natur- und Umweltschule unter massiven Druck gesetzt und mehrfach darauf gedrängt, dass Teile des Konzeptes geändert werden.

Das bestätigt auch Rechtsanwalt Bernd Sträßer. Er vertritt den Verbund Sozialpädagogischer Projekte (VSP), der seit 2011 Träger der Natur- und Umweltschule ist. Der Jurist nennt als ein Beispiel dafür die von der Bildungsagentur bemängelten Überdachungen für die Waldunterrichtsplätze. Nach dem ursprünglichen Konzept waren diese gar nicht vorgesehen, da bei Regenwetter andere Unterrichtsformen festgelegt waren. „Erst auf Druck der SBA mussten diese Überdachungen angeschafft werden“, sagt er. Ähnlich kann er die weiteren Vorwürfe und sogenannten Mängel erklären. Sie sind zudem mehrfach im laufenden Gerichtsverfahren besprochen worden, in dem am 4. Juni ein Urteil fallen soll. Die Natur- und Umweltschule hatte gegen die bisher von der SBA erteilten vorläufigen Genehmigungen für die Schuljahre 2013/14 und 2014/15 geklagt.

„Warum geht die Bildungsagentur so kurz vor dem Gerichtstermin in die Öffentlichkeit?“, fragt sich Cindy Behring-Wiesner. Sie ist wie die meisten anderen Eltern der Umweltschule auch total verunsichert und hat Angst um die Zukunft ihres Kindes. „Denn der Staat nimmt uns die Schule weg“, sagt sie. Auch die Kinder bekommen das Chaos mit. Sie sind die Leidtragenden in dem Durcheinander. Deshalb überlegt Michael Nattke nun, als Vater rechtlich gegen die Sächsische Bildungsagentur vorzugehen. Die freie Wahl des Schulortes sei ein verbrieftes Recht in einem demokratischen Rechtsstaat. „Deshalb bin ich sehr zuversichtlich, dass alle Vorwürfe und Falschdarstellungen der SBA beim anstehenden Gerichtstermin entkräftet werden können“, sagt er.