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Karikatur seiner selbst

Rückblick. Seine strategischen Ziele hat Milosevic alle verfehlt.

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Von Norbert Mappes-Niediek,SZ-Korrespondent in Belgrad

Den Kopf vom hohen Blutdruck gerötet, das Kinn gereckt, ein trotziger, manchmal verächtlicher Blick – es war die Physiognomie des Eigensinns, die der Angeklagte dem Tribunal und der ganzen Welt zukehrte. Stur wiederholte Slobodan Milosevic vor Gericht in Den Haag die Parolen seiner Ära. Was er zeigte, war die Karikatur, die seine Feinde von ihm gezeichnet hatten.

Während seiner glanzvollen Karriere hatte die Welt einen ganz anderen Milosevic kennen gelernt. Nie war er der sture Teppichbeißer. Diplomaten, selbst Oppositionelle, die ihn trafen, lobten seinen Charme und besonders seine Flexibilität; nicht wenige, die als Gegner kamen, gingen als Überzeugte.

Eine Zukunft als serbischer Volksführer war ihm nicht verheißen. Die frühe Liebe zur Partisanentochter Mira Markovic brachte den Gymnasiasten in dem Donaustädtchen Pozarevac in Kontakt zur kommunistischen Partei-Elite. Als Kind galt er als still und einsam. Als Milosevic 1984 in die Politik ging, galt er bald als Reformer, ja als eine Art serbischer Gorbatschow.

Nationalistische Töne

Dass er früh nationale Töne anschlug, stand dazu nicht im Widerspruch. Aber schon zwei Jahre später verbündete sich der junge Aufsteiger mit dem konservativen Parteiflügel und setzte ganz auf das nationale Thema. Jahrelang flogen ihm die Herzen der Serben zu, besonders als er ihnen 1986 im Kosovo zurief, „niemand“ werde sie „mehr schlagen“. 1989 begann der immer mächtigere serbische Parteichef, das Land umzuorganisieren. Auf Konsens mit den anderen Volksgruppen legte er keinen Wert. Der Zerfall begann, Milosevic ließ es geschehen. Keiner, der im serbischen Namen mordete oder Brände stiftete, wurde unter ihm je belangt.

Schon ein Jahr später begann der Stern des Volksführers auch in Serbien zu sinken. Aus dem nationalistischen Heißsporn wurde ein autoritärer Präsident, der sich seinem Volk immer weniger zeigte und Verbündete und Überzeugungen beliebig wechselte, wenn es galt, an der Macht zu bleiben.

Seine strategischen Ziele, sofern er sie hatte, verfehlte er: Jugoslawien zerfiel, Serbien wurde kleiner, sein Staatschef fiel weltweit in Ungnade, sein Land verarmte und fiel im Übergang zur Marktwirtschaft weit zurück.