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Lebensgefährlicher Einsatz im Schönaer Hirschgrund

Mit bloßen Händen versuchen Christoph und Jürgen Büttner die flutgeschädigte Niedermühle zu retten. Einige Helfer packen kräftig mit an.

Gefährlicher Einsatz: Christoph Büttner verfüllt das Loch in der Stützmauer mit Beton und Steinen.
Gefährlicher Einsatz: Christoph Büttner verfüllt das Loch in der Stützmauer mit Beton und Steinen. © Thomas Möckel

Christoph Büttner liegt bäuchlings in einer Spalte, etwa drei Meter lang, einen Meter hoch, anderthalb Meter tief.

Über dem Hohlraum türmt sich eine sechs, sieben Meter hohe Stützmauer aus Sandstein auf. "Wenn das runterkommt, bin ich platt", schreit Christoph Büttner gegen den Mühlgrundbach an, der neben ihm talwärts tost. Doch die Angst wischt er beiseite, die wichtige Aufgabe muss erledigt werden.

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Mit den Händen schiebt er Steine und Beton in die übergroße Lücke, er will die Wand stabilisieren, damit sie nicht absackt. Wenn das passiert, hätte das möglicherweise fatale Folgen.

Büttners Hose und Schuhe sind inzwischen klatschnass, weil er immer wieder ins Bachbett steigt. An Händen, Helm und Gesicht klebt Zement, er blutet am Unterarm.

Doch Aufgeben gilt nicht an diesem Tag, wenigstens dieses Loch muss gestopft werden, Büttner und seine Helfer werden bis zur Erschöpfung arbeiten.

Das Familienerbe retten

Was Christoph, sein Bruder Jürgen und einige Mitstreiter mit bloßen Händen, mit Muskelkraft, mit Enthusiasmus, aber auch ein wenig mit dem Mut der Verzweiflung anpacken, ist der Versuch, das Familienerbe zu retten, damit es nicht vollends vor die Hunde geht.

Das schützenswerte Kleinod ist die Niedermühle im Hirschgrund in Reinhardtsdorf-Schöna, erbaut 1854, eine der Letzten ihrer Art, schon immer in Familienbesitz, die Büttner-Brüder haben das Grundstück von ihren Eltern geerbt.

In mühevoller Handarbeit haben sie das technische Denkmal bis heute erhalten, regelmäßig zum Mühlentag öffnen sie es für Besucher, die gesamte Mechanik im Innern funktioniert noch.

Und die Besonderheit: In der einstigen Sägemühle befindet sich das größte in Sachsen noch existierende Mühlrad - mit einem Durchmesser von acht Metern.

Doch inzwischen ist das Relikt früherer Industriekultur im Hirschgrund akut bedroht - und einsturzgefährdet.

Kleine Männer, großes Bauwerk: Die Helfer holen Steine aus dem Bett des Mühlgrundbaches, um den Hohlraum in der Stützwand zu stabilisieren.
Kleine Männer, großes Bauwerk: Die Helfer holen Steine aus dem Bett des Mühlgrundbaches, um den Hohlraum in der Stützwand zu stabilisieren. © Marko Förster
Fleißige Helfer: Amina, ihre Schwester Selma sowie Tobias (v.l.) schaufeln den Beton in die Transporteimer.
Fleißige Helfer: Amina, ihre Schwester Selma sowie Tobias (v.l.) schaufeln den Beton in die Transporteimer. © Marko Förster
Schüttgut-Station: Klaus Brähmig befördert den Beton durch ein Fallrohr nach unten zur Baustelle.
Schüttgut-Station: Klaus Brähmig befördert den Beton durch ein Fallrohr nach unten zur Baustelle. © Marko Förster
Christoph (l.) und Jürgen Büttner: Gegen halb vier am Sonnabend ist das Loch in der Mauer halbwegs gestopft.
Christoph (l.) und Jürgen Büttner: Gegen halb vier am Sonnabend ist das Loch in der Mauer halbwegs gestopft. © Marko Förster
Versammelte Mannschaft nach getaner Arbeit: Ganz rechts steht Thomas Schöne, der extra aus Glashütte angereist ist.
Versammelte Mannschaft nach getaner Arbeit: Ganz rechts steht Thomas Schöne, der extra aus Glashütte angereist ist. © Marko Förster

Sturzflut spült Bach metertief aus

Nach starken Regenfällen wälzte sich am 17. Juli eine gewaltige Wasser- und Gerölllawine den Mühlgrundbach hinab, die Sturzflut riss alles mit, was im Weg war.

Ein wenig talaufwärts ist die Straße durch den Hirschgrund auf einem Teilstück nicht mehr existent, einige Häuser stehen am Abgrund, weil Stützmauern und Hänge flöten gingen.

Der sonst so friedlich dahin plätschernde Mühlgrundbach hatte mal eine gepflasterte Bachsohle, viel davon ist nicht mehr übrig, im Bereich der Niedermühle fast gar nichts. Unterhalb des technischen Denkmals hat das Wasser das Bachbett derart ausgespült, dass es nun ein bis drei Meter tiefer liegt als früher, tiefe Löcher klaffen links und rechts.

Tonnenschwere Sandsteinbrocken mit großer Zerstörungskraft rutschten in den Bachlauf. Aber das Schlimmste, sagt Büttner, seien die Bäume gewesen.

Bäume rissen alles mit

Schon 2016 hätte nach Aussage der Brüder das Landratsamt zugesagt, die Gehölze aus dem Bachlauf zu entfernen, doch bis heute sei nichts geschehen. Und nun, sagt Christoph Büttner, hätten die in der Flut umgestürzten Bäume wie Geschosse, wie Rammböcke gewirkt, auf dem Weg talwärts rissen sie alles mit.

Am unteren Ende der Mühle brach eine 15 Meter hohe Stützmauer ein, ein Stützpfeiler des Hauses stürzte in die Tiefe. Und ein wenig stromaufwärts klafft eben jenes Loch unter der Stützwand, das wollen die Männer auf alle Fälle notreparieren, damit kein weiteres Wasser eindringt und das Bauwerk weiter unterspült.

Über mehrere Medien hatten Büttners für den vergangenen Sonnabend Freiwillige zu einem Arbeitseinsatz aufgerufen, doch die Resonanz ist mau. Etwa zehn Helfer sind gekommen, einige aus dem Dorf, einige von weiter her. "Das ist ganz schön enttäuschend", sagt Christoph Büttner.

Aber die, die da sind, packen ordentlich mit an.

Bad Schandau stellt kostenlos Transporter

Einer der Helfer ist Thomas Schöne aus Hirschbach, ein Ortsteil von Glashütte. Er hatte aus der Zeitung vom Hilfseinsatz am technischen Denkmal erfahren, und machte sich umgehend auf den Weg. "Ich weiß, dass hier jede helfende Hand gebraucht wird", sagt er. Von der Straße schleppt er Eimer mit Beton ins Mühlengrundstück. "Ich glaube, heute Abend sind meine Arme doppelt so lang", scherzt er.

Befüllt werden die Eimer draußen von Selma und Amina Kay, beide 18, Amina trägt dabei ein Sommerkleid und Sandalen, vom Beton schon ganz grau.

Die beiden kommen aus Dresden, ihr Opa Helmut Paul wohnt ein wenig unterhalb der Mühle im Hirschgrund. Die Mädchen hatten ihm Einkäufe vorbeigebracht, dann kamen alle gemeinsam zum Arbeitseinsatz.

Den Beton hatten Büttners in einem Baumarkt in Rathmannsdorf geordert, die Stadt Bad Schandau stellte kostenlos Multicar und Fahrer bereit, um den Baustoff zur Mühle zu transportieren. "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Christoph Büttner.

Ohne professionelle Hilfe geht das nicht

Am oberen Ende der Beton-Transportkette im Mühlengarten steht Klaus Brähmig, langjähriger Bundestagsabgeordneter, er wohnt gleich in der Nähe in Papstdorf. "Für mich ist das selbstverständlich, dass ich hier helfe", sagt er. Er weiß aber auch, dass Büttners es niemals schaffen, alles allein aufzubauen, dazu braucht es auch professionelle Hilfe.

Die wünschen sich Büttners auch, schließlich muss die Straße wieder intakt sein, der Bach braucht eine befestigte Sohle, die Mühle eine gescheite Stützwand mit stabilem Fundament. Doch ob und wann diese Arbeiten in Angriff genommen werden, weiß derzeit noch niemand.

Abflussrohr als Beton-Transportröhre

So muss es derweil ein Provisorium richten. Um den Beton nach unten zur Baustelle zu befördern, haben die Männer ein Abflussrohr senkrecht an der Stützwand montiert, ein Eimer oben fungiert als Trichter.

Brähmig schüttet eine Ladung nach der anderen in das Fallrohr, der Beton klatscht nach unten, gelegentlich auch auf den Helm von Christoph Büttner. Andere Helfer schlagen mit Spitzhacken Steine aus dem Bachbett, die Büttner in die Lücken stopft und mit Zement stabilisiert.

Es ist schwülwarm unten am Wasser, die Haut klebt voller schwarzer Gewitter-Würmchen, es krabbelt und juckt, aber ans Aufgeben denkt hier keiner.

"Wir wollen hier nicht vergessen werden"

Christoph Büttner schiebt und befestigt, die Knie sind längst aufgeschürft und blutig, die Arme schwer, die Hände rissig vom Beton. "Da gehst Du echt vor die Hunde", sagt er.

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Gegen 15 Uhr geht der Betonvorrat zur Neige, doch er wird reichen, kurz vor halb vier ist der letzte große Stein in den Hohlraum unter der Stützmauer eingefügt, die Mauer ist provisorisch gestützt, darauf stoßen die Männer mit im Bach gekühltem Bier an.

Gleichwohl aber brauchen die Männer auch an den nächsten Wochenenden noch Hilfe, auch Betonspenden sind gerngesehen. "Wir wollen hier draußen auf keinen Fall vergessen werden", sagt Christoph Büttner, "und allein schaffen wir das einfach nicht."

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