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Pirna: Schlammlawine überrollte Neundorf

Zum wiederholten Mal ergießen sich Wasser und Geröll bis in die Ortsmitte von Neundorf. Anwohner fordern endlich mehr Flutschutz - doch der lässt auf sich warten.

Fast alle Jahre wieder: Mitarbeiter des Pirnaer Bauhofes beseitigen im Juli 2019 die Überreste der Schlammlawine, die das Zentrum in Neundorf überrollte.
Fast alle Jahre wieder: Mitarbeiter des Pirnaer Bauhofes beseitigen im Juli 2019 die Überreste der Schlammlawine, die das Zentrum in Neundorf überrollte. © Archiv: Daniel Schäfer

Dass es in der Nacht zum 17. Juli begonnen hatte, heftig zu regnen, hatte André Rother registriert. Dass er deswegen noch einmal das Haus verlassen muss, ahnte er da noch nicht. Es war schon spät, irgendwann gegen Mitternacht, als die Nachbarn anriefen. Er solle doch gleich mal runterkommen. Rother machte sich auf den Weg.

Runter heißt in diesem Fall zum Grundstück Alt Neundorf 21 im Pirnaer Ortsteil Neundorf. Rother ist Geschäftsführer des Malerbetriebes "Farbnuancen GmbH", er hat an dieser Adresse seinen Sitz, das Grundstück liegt direkt an der Ecke zur Vorwerkstraße.

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Schon auf dem Weg dorthin sah Rother das Malheur. Ausgelöst vom heftigen Regen, hatte sich abermals eine Wasser- und Schlammlawine von den Krietzschwitzer Hängen über die Vorwerkstraße ins Dorfzentrum gewälzt.

Bis nachts halb vier gepumpt

Die Pampe schob sich so weit vor, dass selbst die Kreuzung Alt Neundorf/Vorwerkstraße/Cottaer Straße zur Hälfte davon bedeckt war. Auf ihrem Weg überrollte die Lawine mehrere Grundstücke, unter anderem das der Behinderten-Wohnstätte "Haus Gottleubatal" der Lebenshilfe, dass der Bäckerei und eben jenes der Malerfirma. "Wir haben hier schon Sandsteinschwellen errichten lassen, die das Wasser zurückhalten sollen. Aber sie haben nicht geholfen", sagt Rother.

Wasser und Schlamm flossen durch den Hof und das Lager des Betriebes, alles drückte von hinten ins Haus. Rother und freiwillige Helfer pumpten bis nachts halb vier das Wasser aus dem Hof, etwas Schlamm muss jetzt noch weggefahren werden, aber die Firma ist wieder arbeitsfähig.

Auch die Feuerwehr war in der Nacht zum Sonnabend im Einsatz, unter anderem Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Altstadt sowie der Hauptwache. Die Einsatzkräfte pumpten Wasser ab und spülten Gullys. "Das war insgesamt schon recht heftig", sagt Rother, "und vor allem war es nicht das erste Mal."

Nächtlicher Einsatz: Die Feuerwehr pumpt in der Nacht zum 17. Juli 2021 Wasser von einem überfluteten Grundstück in Pirna-Neundorf.
Nächtlicher Einsatz: Die Feuerwehr pumpt in der Nacht zum 17. Juli 2021 Wasser von einem überfluteten Grundstück in Pirna-Neundorf. © Feuerwehr Pirna

Anwohner fordern Flutschutz

In der Tat: Vor fast genau zwei Jahren - im Juli 2019 - ging in Neundorf ebenfalls eine Schlammlawine hernieder. Zuvor hatte es teilweise bis zu 80 Liter Wasser je Quadratmeter in einer Stunde geregnet, wenig später wälzten sich Wasser und Geröll die Vorwerkstraße hinunter.

Mitgespülter Kies und Schlamm verstopften Gullys und drangen in Garagen, Geschäftsräume und Wohnhäuser ein. Und auch im Mai 2018 sowie 2017 suchten ähnliche Katastrophen den Pirnaer Ortsteil heim - immer nach dem gleichen Muster.

Die Betroffenen und die Anwohner haben davon schon lange den Kanal voll, seit Jahren fordern sie von der Stadt einen besseren Flutschutz für den Ort - bislang allerdings vergeblich.

"Das ist schon ein Irrsinn: Da plant die Stadt für viel Geld den Umbau der Kreuzung in der Ortsmitte, aber beim Flutschutz passiert nichts", klagt Rother. Und was nütze letztendlich eine neue Kreuzung, wenn diese dann immer wieder von Wasser und Schlamm überspült werde.

Das Problem beginnt weiter oben

Das Ringen um einen verbesserten Flutschutz erweist sich tatsächlich als zäh und langwierig, allerdings ist die Suche nach einem probaten Mittel auch aufwendig und kompliziert, obwohl das Grundproblem sowohl der Stadt als auch den Anwohner bekannt ist.

Die Ursache des wiederkehrenden Übels liegt nicht direkt in Neundorf, sondern ein Stück oberhalb. Vom Pirnaer Ortsteil Krietzschwitz fallen die Hänge steil ab hinunter nach Neundorf. Regnet es stark, sammelt sich das Wasser am Krietzschwitzer Berg und läuft talwärts, oft wild und ungebändigt, und überschwemmt dann Straßen, Gehwege und Grundstücke.

Ein Großteil des Wassers fließt dabei in den Krietzschwitzbach, der aber auch nicht in jedem Fall derartige Wassermassen fassen kann. Hinzu kommt, dass der Bach oberhalb von Neundorf unterirdisch in ein Rohr verschwindet, das Rohr unterquert die Vorwerkstraße, untertunnelt das Firmengelände der Chemiefabrik "Schill & Seilacher" und mündet unweit davon in die Gottleuba.

Das Rohr für den Bach ist zu klein

Aber dieser unterirdischen Wassertrasse haften zwei Probleme an. Mitgespültes Geröll, Äste und andere Dinge mit Blockadepotenzial verstopften in der Vergangenheit oft den Rohreingang, dass Wasser schoss dann daran vorbei und über die Vorwerkstraße hinunter nach Neundorf.

Dieses Problem ist inzwischen beseitigt. Pirna ließ vor zwei Jahren einen sogenannten Rechen - eine Art übergroßes Schutzgitter - vor dem Rohreinlass errichten, damit dort keine großen Gegenstände eindringen. "Dieses Gitter hat am vergangenen Sonnabend seine Funktion erfüllt", sagt Pirnas Stadtsprecher Thomas Gockel.

Das zweite Manko ist: Der Rohrquerschnitt ist generell zu klein, um nach Starkniederschlägen gewaltige Wassermassen aufzunehmen. Auch deswegen läuft nicht alles ins Rohr, sondern vieles daneben und dann ebenfalls talwärts über die Vorwerkstraße nach Neundorf. "Das Rohr ist für solche Extremwetterlagen einfach nicht ausgelegt", sagt Gockel. Und nun?

Stadt analysiert Flutschutz-Defizite

Es gab zwar schon mal die Idee, ein Rohr mit einem größeren Durchmesser zu verlegen, entweder auf der bestehenden Trasse oder direkt in der Vorwerkstraße. Doch ein solches Vorhaben würde laut der Stadt Unsummen verschlingen - und sei letztendlich nicht finanzierbar.

Angesichts dessen lässt Pirna in diesem Gebiet schon seit längerer Zeit das Flutrisiko sowie die Defizite beim Flutschutz analysieren. Ziel der Studie ist, eine Lösung zu finden, die keine horrenden Summen kostet und sich schnell umsetzen lässt.

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Bis zu einem wirksamen Schutz dauert es aber noch: Bislang sind die Untersuchungen nicht abgeschlossen, es gibt auch noch kein konkretes Projekt zum Flutschutz. Und wenn dann diese Ergebnisse vorliegen, muss Pirna erst noch Wege finden, wie sich das alles finanzieren lässt - denn ohne Fördermittel ist es schier unmöglich.

Daher gibt es noch keine Zeitschiene. "Doch der Flutschutz in Neundorf", sagt Gockel, "ist jetzt eine der vordringlichsten Aufgaben im Rathaus."

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