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Wie eine Wissenschaftlerin in der Sächsischen Schweiz gegen das Feuer kämpft

Sie war tagelang in den Felsen der Sächsischen Schweiz mit Gepäck, Hacke und Schaufel im Einsatz: Julia Richardt aus Marburg. Der Nationalpark ist für sie kein unbekanntes Terrain.

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Sie steht für so viele Feuerwehrfrauen im Waldbrandeinsatz: Das Gesicht rußgeschwärzt, die Kehle ausgetrocknet, Julia Richardt zwischen Erschöpfung und Tatendrang.
Sie steht für so viele Feuerwehrfrauen im Waldbrandeinsatz: Das Gesicht rußgeschwärzt, die Kehle ausgetrocknet, Julia Richardt zwischen Erschöpfung und Tatendrang. ©  dpa/Robert Michael

Von Jörg Schurig

Sie arbeiten bei sommerlicher Hitze zwölf Stunden bis zur Erschöpfung und gehen trotzdem jeden Tag wieder raus: Feuerwehrleute sind derzeit die Helden in der Sächsischen Schweiz. Unter ihnen kämpft auch eine Wissenschaftlerin aus Marburg gegen die Flammen.

Das Gesicht rußgeschwärzt, die Kehle ausgetrocknet, die Erschöpfung steht Julia Richardt ins Gesicht geschrieben. Und dennoch ist die 45-Jährige nur wenige Stunden später wieder voller Tatendrang und energiegeladen. "Es mag seltsam klingen: Aber mir gibt ein solcher Einsatz viel Energie. Das treibt mich an. So bekomme ich die Kraft, die Waldbrandaxt immer wieder aufs Neue in den Boden zu hauen. Da kann man Kräfte abrufen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat."

Fünf Tage am Stück mit Hacke und Schaufel

Fünf Tage am Stück hat die gebürtige Marburgerin im Team der Hilfsorganisation @fire nun schon gegen den verheerenden Waldbrand in der Sächsischen Schweiz gekämpft. Die mehr als 450 Mitglieder von @fire sind auf die wasserarme Brandbekämpfung spezialisiert. Während Löschhubschrauber Wasser über den Brandstellen abwerfen, graben sich die Leute von @fire zu den Glutnestern vor. Ein mühsamer Job. Bis zu einem Meter Tiefe sitzt das Feuer in der Streuauflage.

"Das Gelände ist sehr zerklüftet. Ein Nationalpark ist nun mal kein durchgekämmter deutscher Wald, sondern ein naturbelassenes Areal", sagt Richardt. Das mache die Arbeit so schwierig. "Wir graben das Feuer an der Wurzel aus. Von der Hacke bis zum Hubschrauber wird alles gebraucht."

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Dieses Feuer ist ein Marathon, kein Sprint

Ein Waldbrand unterscheide sich grundsätzlich von einem Brand im urbanen Setting, wo Wasser, Fahrzeuge und Zufahrtswege zur Brandstelle vorhanden sind. "Wir haben hier nichts davon, müssen das Wasser heranschaffen und kilometerweit marschieren. Das ist eine große körperliche und seelische Belastung." Hier sei das Feuer ein Marathon, kein Sprint. Ein schnelles Erfolgserlebnis gebe es nicht.

Ein Knochenjob: Die Feuerwehrleute von @fire gehören zu den Einsatzkräften, die dort löschen, wo die Technik nicht hinkommt.
Ein Knochenjob: Die Feuerwehrleute von @fire gehören zu den Einsatzkräften, die dort löschen, wo die Technik nicht hinkommt. © Mike Jäger

Julia Richardt hat in Großbritannien Biologie studiert und am Robert Koch-Institut promoviert. Sie hat in der Aids- und Krebsforschung gearbeitet, acht Jahre davon auch in der US-amerikanischen Stadt Seattle. Dort machte sie bei einer Hilfsorganisation mit, die verletzte Menschen wie etwa verunglückte Bergsteiger aus unwegsamem Gelände birgt. "Ich erhielt eine gute Ausbildung, war jede Woche im Einsatz. Das hat mich geprägt." Als sie nach Deutschland zurückkehrte, habe sie ein Pendant gesucht und es in @fire gefunden.

@fire agiert bei Katastrophen weltweit

@fire - Internationaler Katastrophenschutz ist eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die bei Naturkatastrophen weltweit Hilfe leistet. In diesem Jahr hatten die Kameraden auch bei Bränden in Portugal schon zu tun, 2021 war das Ahrtal ein Einsatzschwerpunkt, berichtet Pressesprecher Sebastian Baum. Die Organisation selbst entstand 2002 als ehrenamtliches Netzwerk mit Sitz in Osnabrück. Zuletzt war @fire auch beim großen Waldbrand in Südbrandenburg dabei.

"Katastrophenhilfe, Krisenintervention, Notfallseelsorge: Das ist das, was mich ausfüllt und was mir wichtig ist - konkret zu helfen", sagt Julia Richardt und attestiert sich ein "akutes Helfersyndrom". "Ich wollte schon als Kind die Welt retten. Das war mein Berufswunsch." Nur im Kindergarten habe es mal diese Phase gegeben, wo sie unbedingt "Unterwasserärztin" werden wollte. Die Grundausbildung für ihr Ehrenamt erhielt sie später bei der Freiwilligen Feuerwehr Ebsdorfergrund-Ebsdorf.

Für die Feuerwehrleute hier brennt ihre Heimat

Die Sächsische Schweiz ist für Julia Richardt kein unbekanntes Terrain. Als sie in Berlin ihren Doktor machte, reiste sie mit einer Frauen-Klettergruppe des Deutschen Alpenvereins in die Region. "Die Sächsische Schweiz ist ein Kleinod, einmalig. Ich fühle mich dieser Gegend tief verbunden." Gerade deshalb kann sie die sächsischen Kollegen gut verstehen: "Für die brennt ihre Heimat. Es geht um mehr als um Bäume." Feuerwehrleute würden die gleiche Sprache sprechen, ihr Zusammenhalt sei unglaublich. "Da wird gemeinsam ein Feuer gerockt."

Liebevolle Spende bleibt in Erinnerung

Bei Katastropheneinsätzen habe sie schon früher immer eine ganz besondere Atmosphäre gespürt, sagt die Helferin. Die Bevölkerung versorge die Rettungskräfte beispielsweise auf liebevolle Weise. Richardt hat dieser Tage eine Wasserflasche gefunden, an die der Spender noch ein kleines Herz aus Ton und ein Bonbon angebunden hatte. "Vielleicht kam die Spende aus einem Kindergarten. So etwas bleibe von Einsätzen lange in Erinnerung. Die Verbindung zu den Menschen vor Ort ist für mich das Schönste - auch wenn man sie nachher nie mehr wiedersieht."

"Es berührt mich sehr"

Julia Richardt ist überzeugt, dass sie bei den Löscheinsätzen von ihrer Arbeit als Wissenschaftlerin profitieren kann. "Ich arbeite analytisch und visuell. Ich kann mich gut organisieren, überdenke immer wieder die Lage und die zur Verfügung stehenden Mittel. Man braucht den Blick auf die Gesamtlage genauso wie den fürs Detail", sagt sie und vergleicht das mit der Aids-Forschung. Bei HIV gehe es um einzelne Aminosäuren und damit um so ziemlich das Kleinste, was die Natur zu bieten habe - und gleichzeitig um eine große Bedrohung.

Auch an internationalen Einsätzen war Richardt beteiligt. "Ich weiß, dass es den Menschen in den meisten Orten dieser Welt schlechter geht als uns - auch im normalen Leben ohne Katastrophe. Wenn wir aktiv werden, heißt das für uns eigentlich nur 'raus aus der Komfortzone'."

Viele Erlebnisse als Katastrophenhelferin hätten sich ihr ins Gedächtnis gebrannt. "Ich habe den Vorteil, dass ich durch die Ausbildung in der Notfallseelsorge gut gewappnet bin. Das heißt aber nicht, dass ich immun bin. Umgeworfen hat mich noch nichts, aber es berührt mich sehr." (dpa)