merken

Katzenjammer

Die Stimmung auf den Wahlpartys im Landkreis Meißen fällt verhalten aus. Bis auf die Veranstaltung einer Partei.

© Anne Hübschmann

Von Peter Anderson

Wie denn nun? Digitalfernsehen über Antenne oder doch mobiles Internet? Ein riesiger Bildschirm steht im Fenster des Büros der Meißner CDU-Landtagsabgeordneten Daniela Kuge. Nur das Signal will nicht so richtig kommen. Was für eine Kulisse dagegen im Hintergrund: Der Blick geht direkt auf das historische Rathaus. Von der Frauenkirche nebenan ertönt das Meissener Porzellan-Glockenspiel. 18 Uhr, die erste Prognose steht an. Die Wahllokale in Meißen wurden soeben geschlossen. Die Prognosen verheißen ein deftiges Minus für die CDU. Noch länger werden die Gesichter der Christdemokraten Carsten Wüstner und Jörg Schlechte allerdings, als sie die Ergebnisse der möglichen Koalitionspartner sehen. Nach diesem Reinfall bleibt der CDU offenbar nur der Weg in eine Minderheitsregierung oder gar in die Opposition. Jamaika? Für die Meißner CDUler stellt das eigentlich keine Option dar. Immer öfter greift Jörg Schlechte in die Schale mit den Erdnussflips.

Garten
Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Hellblau und Rot

Wechsel der Elbseite: Die CDU trifft sich am linken Elbestrand, die Linke am rechten Ufer. Für solche Spitzfindigkeiten ist heute keine Zeit. Vor dem Hintereingang zum Haus für Vieles sitzt die Jugend beim Bierchen. Drinnen klappt es mit dem Signal auf dem Bildschirm. Wählen macht hungrig. Das Büfett mit Schnittchen und Salat ist einigermaßen abgeräumt. „Ne, die SPD und der Gabriel, die sind doch so was von machtgierig.“ Der Meißner Linken-Fraktionschef Ullrich Baudis orakelt, dass alles wieder auf eine Große Koalition hinausläuft. Die kleine Tochter des Bundestagskandidaten Tilo Hellmann interessieren ganz andere Aussichten. Sie möchte gern an die Chips heran. Blöderweise stehen die so weit oben. Stadträtin Uta Knebel aus Riesa schüttelt mit dem Kopf. Ihr Kommentar klingt resigniert: Erneut sei für die Partei eine Chance vertan worden. Weh tue es, dass so viele Wähler zur AfD gewechselt seien. Nun dauere es wieder seine Zeit, bis diese erkennen würden, Schaumschlägern aufgesessen zu sein.

Aus dem Tal geht es hinauf nach Winkwitz. Dort hat sich die AfD versammelt. Hellblau und Rot sind die vorherrschenden Farben. Es wird ein bisschen gemotzt, als die Presse erscheint. Sonst herrscht versöhnliche Stimmung. Die Alternative hat ihre Leute in den Wahllokalen vor Ort als Beobachter sitzen. Von dort trifft die Nachricht ein, dass die Partei bei den Zweitstimmen deutlich vorn liegt. Vor allem auf den Dörfern schafft es Direktkandidat Carsten Hütter teilweise, bei den Erststimmen seinem Konkurrenten – dem Bundesinnenminister Thomas de Maizière eindrucksvoll die Stirn zu bieten.

Hütter zählt zu den gemäßigten Stimmen in der Partei. Vor dem Wechsel zur AfD gehörte der 53-Jährige jahrelang der CDU an. Ausschlaggebendes Moment war dem Kfz-Meister und Geschäftsmann aus dem Erzgebirge zufolge das Ende der D-Mark. „Den Euro wollte keiner von meinen Partnern in Osteuropa. Der hat eher behindert, als den Handel zu fördern“, sagt Hütter. Als einen zweiten Punkt benennt er die überbordende Bürokratie mit den bekannten Auswüchsen wie Wattbeschränkungen für Elektrogeräte. Das Fehlen von bundesweiten Volksentscheiden führt er als drittes wichtiges Motiv an.

Zusammen mit Carsten Hütter ist der Radebeuler AfD-Landtagsabgeordnete Detlev Spangenberg nach Meißen gekommen. Nach dem Stand vom Sonntagabend dürfte er künftig der dritte Abgeordnete sein, welcher den Landkreis im Bundestag vertritt. „Der Landrat ist bei der Sitzung in Riesa schon auf mich zugekommen“, erzählt Spangenberg. Arndt Steinbach (CDU) habe ihn scherzhaft gefragt, ob er nicht trotzdem Kreisrat bleibe nach der Wahl.

Trauriger Abend

Sprung nach Berlin. Die Meißner SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich ist gegen 21 Uhr von der Wahlveranstaltung der SPD nach Hause zurückgekehrt. Offenbar war der 40-Jährigen nicht nach Feiern bis in die Puppen zumute. „Das ist ein trauriger Abend“, sagt die dreifache Mutter. Die einzige Botschaft, die ihr Mut mache, sei die Aussage von Parteichef Martin Schulz, jetzt konsequent den Gang in die Opposition antreten zu wollen. Damit habe er ihre volle Unterstützung, sagt Susann Rüthrich.

Was bleibt darüber hinaus? Zunächst vor allem Ratlosigkeit. „Wir haben doch alle wichtigen Themen angesprochen – Rente, Bildung, soziale Gerechtigkeit“, sagt die Sozialdemokratin. Trotzdem hätten viele Wähler eine großes „Ja, aber“ geäußert und ihr Kreuz eben nicht bei der SPD gesetzt. Diese Wahl gelte es jetzt zu analysieren.

Weiterführende Artikel

„Uns wird einfach zu wenig zugetraut“

„Uns wird einfach zu wenig zugetraut“

Susann Rüthrich (SPD) ist die zweite Vertreterin aus dem Landkreis Meißen im Bundestag. Sie macht sich große Sorgen.

So hat der Landkreis Meißen gewählt

So hat der Landkreis Meißen gewählt

Thomas de Maizière (CDU) hat im Wahlkreis Meißen mit 36,7 Prozent zum dritten Mal in Folge gewonnen. Bei den Zweitstimmen liegt die AfD klar vorn.

Das verändert auch die Kreispolitik

Das verändert auch die Kreispolitik

Thomas de Maizière (CDU) hat den Wahlkreis Meißen zum dritten Mal in Folge gewonnen. Bei den Zweitstimmen ist die AfD jedoch der klare Gewinner. Peter Anderson über die Folgen der Wahl.

Weiter in Berlin. Landrat Arndt Steinbach ist in Bundeshauptstadt gefahren, um seinem Parteikollegen Thomas de Maizière den Rücken zu stärken. Das ist bitter nötig. Zum Stand von 21.30 Uhr sind 20 von 28 Kommunen ausgezählt. Demnach entfallen bei den Erststimmen knapp 38 Prozent auf den Bundesinnenminister. Der 63-Jährige hatte den Wahlkreis 2013 mit knapp 54 Prozent zum zweiten Mal im direkten Anlauf für sich gewinnen können. Vier Jahre zuvor konnte er 45,2 Prozent sammeln. Schlimmer kommt es für die Christdemokraten bei den Zweitstimmen. Zu diesem Zeitpunkt werden sie von der AfD auf den zweiten Platz verwiesen. Mit fast 32 Prozent liegt die Alternative im Wahlkreis Meißen an der ersten Stelle. Die CDU erreicht annähernd 27 Prozent. Katzenjammer.