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Kaufen statt Korsika

Die Altmarktgalerie zur Ferienzeit. Waren und Geld fließen, viele Dresdner kommen zum Shoppen. Andere schätzen das Einkaufszentrum vor allem als Versteck.

© Sven Ellger

Von Franziska Klemenz

Vielseitigkeit braucht Platz. Viel davon. Mehr davon. Immer wieder. Wie eine heranwachsende Schlange, die ihrer Haut überdrüssig wird. Abwerfen, der Welt das neue, glänzende Kleid präsentieren; ehe auch das wieder zu alt wird, zu getragen. Nur unpasteurisierte Milch läuft schneller ab. In der Altmarktgalerie häuten sich die Läden vielseitig, vor allem zu vorangeschrittener Sommerzeit.

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Benjamin (24) und Sandra (21) kommen aus einem Laden für Fitness-Fans.
Benjamin (24) und Sandra (21) kommen aus einem Laden für Fitness-Fans. © Sven Ellger
Mandy war mit ihren Kindern Kilian (7) und Emilie (13) Geschenke kaufen.
Mandy war mit ihren Kindern Kilian (7) und Emilie (13) Geschenke kaufen. © Sven Ellger
Studentin Mandy (29) macht eine kurze Lernpause, holt weitere Karteikarten.
Studentin Mandy (29) macht eine kurze Lernpause, holt weitere Karteikarten. © Sven Ellger
Dalil (24), Ahmad (23) und Saied (23, v.l.) genießen die starr-freie Zone.
Dalil (24), Ahmad (23) und Saied (23, v.l.) genießen die starr-freie Zone. © Sven Ellger

Vier Buchstaben sind gleich, und sie versprechen viel: Erfülle deine Bedürfnisse, konsumiere, hülle dich in neue Kleider – und spare dabei auch noch: „Sale!“ Manche Bekleidungsläden setzen auf die elegante, dezente Variante, lassen verschnörkelte Gold-Buchstaben sprechen; andere gehen sicher, dass die Botschaft auch wirklich ankommt, mit großgeschriebenen Lettern auf pinkfarbenem Hintergrund, mit einem „brutal“ vor und einem Ausrufezeichen hinter dem Versprechen: „Reduziert“.

Ferienzeit bedeutet für viele Dresdner und Touristen Shopping-Zeit. Umsätze der Altmarktgalerie, sagt Center-Managerin Nadine Strauß, gebe man nicht heraus; eines verrät sie aber: „Die Frequenzen entwickeln sich sehr gut, Ferien sind für uns ein wichtiger Faktor. Shopping ist zum Freizeitvergnügen geworden.“

An diesem Sommermorgen wetteifern die Neonröhren des Einkaufszentrums mit der Sonne, die durch die Kuppel in den Innenraum dringt. Noch wabern vor allem das monotone Rauschen der Rolltreppen und das eiserne Löffelgeklimper der Cafés durch die Luft. Hinter den „Sale“-Schildern warten die Kleiderbügel akkurat aufgereiht in leeren Läden auf die Kunden; fast wie Zinnsoldaten, bereit für den Kampf des Tages. Frühschoppen bleiben eben das Privileg der Restaurants; auf frühes Shoppen haben die Urlauber wenig Lust.

„Hier wird man nicht so angestarrt“

Nach 11 Uhr rollen die Menschen langsam an, die Treppe bugsiert sie in geduldigen Runden durch die Luft. Ein junges Paar verlässt einen Laden für Fitness-Nahrung. „Protein Sommer“, wirbt die Fassade. Große, rote Tüten wackeln vor den beiden umher; so prall gefüllt, dass sie wie Latex-Kleider spannen. „Da sind Pancakes und Einweiß-Drinks drin, ich musste mal wieder Bestände aufstocken, mache ja Kampfsport“, sagt Benjamin. Freundin Sandra hat sich schon vorher beglückt. Sie schiebt die Tüte eines schwedischen Bekleidungs-Herstellers auf, lugt hinein, schwärmt von ihrem Kauf: „Ich habe mir eine Jacke gekauft, die ich schon seit drei Wochen beobachte“, sagt die 21-Jährige. „Es war die Letzte in meiner Größe; hätte ich die nicht bekommen, ich hätte mich für immer geärgert.“

Allmählich füllen sich die Mittagstische des American Diners im ersten Stock. Eine Mutter führt mühevoll eine Gabel über den Kopf ihres Sohnes hinweg zu ihrem Mund, mit der anderen Hand streicht sie dem Kleinen übers Haar. In einem Laden mit Artikeln aus Fantasy-Filmen steht ein Paar vor einem Zauberstab-Regal, dem für den Harry-Potter-Look eindeutig die Staubschicht fehlt. Der junge Mann schlingt die Arme um seine Liebste und säuselt ihr ins Ohr.

Am Eisladen gegenüber debattiert ein langgesichtiges Ehepaar in Ringelpullis, welche Kugeln es werden sollen.

Im Untergeschoss mischen sich die Gerüche von Backfisch und Chicken-Burgern mit einer Note Polyester, die Menschen drängen sich vor den Theken der Fast-Food-Anbieter. Saied, Dalil und Ahmad haben sich auf eine Insel im Meer der Massen gerettet. Die jungen Syrer sitzen auf roten
Lederpolstern und mampfen Burger. Kennengelernt haben sie sich im Sprachkurs, erzählt Saied. „Zweimal im Monat treffen wir uns immer noch, trinken Kaffee, verbringen Zeit miteinander. Ich spiele Fußball, deswegen möchte ich mir später Schuhe kaufen.“ Vor allem aber schätzen sie die Altmarktgalerie als Ort der Entspannung. Warum? „Hier sind viele Leute und nicht nur Deutsche, sondern auch Ausländer“, sagt Saied. „Da wird man nicht so angestarrt wir an anderen Orten in Dresden.“ Der 23-Jährige arbeitet als Kellner, ab Oktober will er Informatik studieren. Sein Freund Dalil studierte in Syrien Volkswirtschaft. „Hier ist es schwierig, das fortzusetzen“, sagt er. „Ich möchte jetzt eine Ausbildung zum Bankkaufmann machen.“

Im Erdgeschoss manövriert ein Paketbote seinen Rollwagen im Slalom durch die Menge. Mit gesenkten Schultern wartet da ein Rentner auf seine Frau. Wie eine Schildkröte, die neugierig auf die Welt jenseits des Panzers ist, reckt er seinen Kopf zur Seite. Ein vorsichtiger Blick in einen Unterwäsche-Laden voll rosaroter Spitze, dann guckt er schnell zurück zu Boden.

Vor den Toren der Altmarktgalerie plätschert die Wasser-Wand, Plastiktüten wirbeln durch die Luft. Die wohl bescheidenste Tüte trägt Mandy bei sich. „Ich hab mir nur schnell Karteikarten geholt, gehe gleich wieder lernen“, sagt die Studentin.

Nebenan sitzt eine zweite Mandy mit ihren zwei Kindern auf der Steinkante des Brunnens. „Kilian hat gerade sein Geschenk für den Geburtstag nächste Woche bekommen“, sagt sie – eine Kamera. „Und für den Urlaub an der Ostsee ein paar Flossen.“ Der Kleine streckt das Plastikpaket stolz in die Luft, Schwester Emilie lächelt mit. Dann nimmt Mandy ihre Kinder an den Händen, kehrt der Altmarktgalerie den Rücken zu. Ihr Geldbeutel verschwindet in den Tiefen ihrer Tasche. So viel Sale-Fans dieser Tage auch sparen können: In der Sonne zu sitzen, ist kostenlos.