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Kaum Zeit zum Genießen

Für viele Eishockey-Olympioniken geht es in der DEL weiter – und für ihre Bosse darum, Silber zu vergolden.

© dpa

Von Maik Schwert

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Hart, härter, Eishockey. Nach dem Olympia-Finale ist vor dem DEL-Endspurt. In der deutschen Eliteliga geht es Schlag auf Schlag. Die letzten drei Spieltage stehen an: am Mittwoch, Freitag und Sonntag. Die meisten Silber-Helden von Pyeongchang müssen am Mittwoch erneut ran. „Für uns ändert sich nichts“, sagt Nationalspieler Marcus Kink. Der Kapitän der Adler Mannheim gastiert mit seinem Team in Schwenningen. „Wir hatten vier Alles-oder-nichts-Duelle und haben jetzt drei weitere. Wir stehen voll im Saft. Körperlich ist das kein Problem. Die Euphorie trägt uns durch diese Partien.“

Sie kommt zum perfekten Zeitpunkt, denn nun folgen die entscheidenden Wochen der Play-offs in DEL und DEL 2 – der beste Moment, um die Begeisterung und größere Medienpräsenz aufzugreifen, neue Partner, Sponsoren und Zuschauer anzusprechen und zu gewinnen sowie mehr Fördergeld vom Bundesinnenministerium zu fordern. Der Aufschwung soll dafür sorgen, dass die Chefs von DEB und DEL das Silber dieser Winterspiele vergolden – anders als Bronze 1932 in Lake Placid und 1976 in Innsbruck sowie Platz vier bei der Heim-WM 2010. „1976 habe ich im Nachwuchs angefangen“, sagt Franz Steer. Der Trainer der Dresdner Eislöwen erinnert sich zwar an einen Zulauf von Talenten, aber einen Boom löste kein Erfolg aus. Er geht davon aus, dass Verband und Liga jetzt die Gunst der Stunde besser nutzen. „Das ist ein brutaler Hype. Olympia beweist: Eishockey begeistert. DEB und DEL müssen einsehen, dass sich die Sportart über Auftritte der Nationalauswahl identifiziert.“

Steer baut besonders auf die Nachwuchsarbeit. „Sie ist entscheidend.“ Er erwähnt den 18-jährigen Finnen Eeli Tolkanen im All-Star-Team bei Olympia als Paradebeispiel. „So junge Spieler haben wir nicht drin.“ Elf der 25 Medaillengewinner haben die 30 überschritten. „In Schweden spielen 18- bis 20-Jährige in der ersten Liga. In der DEL fehlen U-20-Nationalspieler.“ Sein Vorschlag: „zwei ausländische Profis raus, zwei junge deutsche Spieler rein – das fällt keinem auf.“ Nur in der höchsten Liga könnten sie Topniveau erreichen. „Häufig heißt es, einheimische Profis seien zu teuer. Das regelt der Markt. Die Klubs mit den größten Budgets können sich immer die besten Spieler leisten – egal, ob ausländische oder deutsche“, meint Steer. Er sagt aber auch: „Ich bin immer für gute ausländische Profis. Sie machen deutsche Spieler und ihre Mannschaften besser.“

Dagegen hält Steer nichts von Förderlizenzen und Kooperationen zwischen Klubs aus der ersten und zweiten Liga. „Diese Profis sind kein Teil der Mannschaft. Das ist nicht gut – weder für sie noch die Teams. Diese ewige Pendelei bringt nichts.“ Auch dafür hat er ein Beispiel parat: Im Januar liehen die Fischtown Pinguins Bremerhaven aus der DEL einen Verteidiger an die Eislöwen in die DEL 2 aus. In der vergangenen Woche beorderten sie ihn zurück.

Die Lausitzer Füchse setzen bereits lange auf ihre Nachwuchsarbeit. „Wir leben das ja schon seit Jahren“, sagt Dirk Rohrbach. Der Geschäftsführer spricht von Kindergartengruppen und Schulklassen auf dem Eis. „Ich habe nach Olympia eine Nachricht von einem Jungen erhalten, der sich nach vier, fünf Jahren bei den Knaben vor zwei Monaten abgemeldet hat und nun wieder in den Trainings- und Spielbetrieb zurückkehren will.“ Er habe die Euphorie auch beim Heimspiel am Sonntag gemerkt. „Da sprachen alle vom Olympia-Finale. In der Arena gab es Riesenapplaus und viele Anfragen fürs Länderspiel am 14. April gegen die Slowakei.“ Es sei ausverkauft. „Das freut uns natürlich.“ Auch das Duell einen Tag später in Dresden gegen den gleichen Gegner knackte am Wochenende die nächste Marke. Gut 2 000 Tickets sind weg.

Rohrbach erkennt aber auch Nachholbedarf. „In den vergangenen Jahren wurde nicht der erforderliche Wert auf die Trainerausbildung gelegt, um Profis besser und erfolgreicher zu machen.“ Er hofft auf Hilfe vom DEB. „Dieser Aufschwung darf nicht verpuffen. Wir müssen junge Leute zum Eishockey bringen, die Talente unter ihnen finden und Spitzenspieler daraus entwickeln.“ Rohrbach und Steer scheinen Gehör zu finden. Mit den Einnahmen der Heim-WM 2017 von etwa 1,9 Millionen Euro fördert der DEB beispielsweise Nachwuchs, Personal und Trainer.

Aus Rohrbachs Sicht bleibt Eishockey zwar eine Randsportart, aber das ist für ihn in Deutschland alles außer Fußball. „Wir treten für einen Moment aus dessen Schatten – so ähnlich, wie es beim Basket- und Handball war. Etwas Besseres kann uns nicht passieren.“ Der Erfolg bei Olympia bringe Eishockey wieder einen Schritt voran und einen gewissen Schwung. Daher hofft er auch bei der WM im Mai in Dänemark auf ein ähnlich gutes Abschneiden. „Der Anfang ist mit Silber gemacht. Nun müssen wir dranbleiben und für einen dauerhaften Boom sorgen.“ Doch er befürchtet, dass mit dem Sommer erneut andere Sportarten in den Blickpunkt rücken. „Ich sage nur Fußball-WM in Russland.“ Laut Steer gehört Eishockey ins öffentlich-rechtliche Fernsehen: „Wir müssen frei empfangbar sein.“ Auch das habe Olympia bei ARD und ZDF mit Spitzenquoten bewiesen. „Wir waren in vielen Wohnzimmern. Die Leute haben gesehen: Eishockey ist kein Hacker- oder Holzfäller-, sondern ein taktisch geprägter, technischer, toller Sport, attraktiv und aufregend. Das müssen wir in den Ligen und an den Standorten fortsetzen und noch mehr Eventcharakter reinbringen.“ Die Profis, die er kenne, seien durchweg bodenständige, ehrliche, sympathische Athleten. Zu Typen würden sie nur auf einer Bühne wie den Winterspielen und bei den größten TV-Sendern.

Außerdem findet Steer den Auf- und Abstieg zwischen den beiden Profiligen wichtig. „Nur so lässt sich ein Spannungsbogen aufbauen“, sagt er. Die Durchlässigkeit fehlt seit 2006 in Deutschland. Sie kehrt frühestens zur Saison 2019/2020 zurück. Bis Ende März müssten mindestens sechs DEL-2-Klubs erneut ihre Unterlagen einreichen, um die Verzahnung zwischen erster und zweiter Liga zu erreichen. Steer spricht von Wettbewerbsverzerrung, wenn DEL-Vereine wie Krefeld bereits deutlich vor dem Saisonende sechs, sieben teure Profis abgeben, um ihren Etat zu entlasten – nur, weil sie als Tabellenvorletzter nicht absteigen können. Spannend bleibt in der ersten Liga nur der Kampf um den Titel und deshalb wenig Zeit zum Genießen.