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Kein Arzt mehr im Dorf

Einwohner im Umland bewerten die medizinische Versorgung deutlich schlechter als die Städter. Kein Wunder.

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© dpa/Benjamin Ulmer

Jana Ulbrich

Radeberg. Die ehemalige Arztpraxis in Ohorn ist jetzt wieder vermietet. Als Gewerbeobjekt. Die Gemeinde hat es aufgegeben, die Räume noch länger für einen neuen Landarzt offenzuhalten. Alle jahrelangen Bemühungen sind zwecklos gewesen. Ein Hausarzt bekommt in Ohorn keine Praxiszulassung mehr. Obwohl die Gemeinde über 2 000 Einwohner hat. Ein Unding!

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Foto: / / © SZ-Grafik: Romy Thiel

Das Unding ist der sächsischen Verwaltungsbürokratie geschuldet. Ob eine Niederlassung genehmigt wird oder nicht, hängt vom Versorgungsgrad ab. Der aber richtet sich nicht nach der Anzahl der Einwohner im Ort, sondern nach der in einem bestimmten Planungsbereich. Ohorn gehört zum Planungsraum Radeberg. Der ist statistisch gesehen mit Hausärzten überversorgt. Eine neue Praxiszulassung kann die KVS, die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen, deshalb nicht genehmigen. Die Ohorner haben das Nachsehen und müssen bis Pulsnitz, Bretnig oder Großröhrsdorf fahren, wenn sie zum Arzt wollen.

Viele Landarztpraxen geschlossen

Derartige Verwaltungsbürokratie lässt sich für Otto Normalbürger nur schwer erklären. Genauso schwer wie die Tatsache, dass der Beruf des Landarztes offenbar immer unattraktiver wird. Zahlreiche Hausärzte im Kreis Bautzen suchen Nachfolger. Ganz aktuell sind das gerade eine Praxis in Hoyerswerda, eine in Neukirch und zwei in Bautzen. Die Kollegen in Hoyerswerda und Neukirch hören in diesem Herbst und im kommenden Frühjahr definitiv auf. Allein in den letzten beiden Jahren wurden im Landkreis Bautzen schon neun Hausarztpraxen ersatzlos geschlossen, weil sich kein Nachfolger fand – vor allem in der Region um Kamenz und Hoyerswerda, die letzte in Hoyerswerda erst vor einem Vierteljahr. Laut KVS gibt es in und um Hoyerswerda derzeit neun unbesetzte Hausarztstellen, im Raum Kamenz drei, im Raum Bautzen eine.

Genau dieses Bild spiegelt sich auch in der großen SZ-Umfrage zum Leben im Alter wider. Die Frage, wie zufrieden sie mit der ärztlichen Versorgung in ihrem Ort sind, beantworten die Umfrageteilnehmer aus Radeberg am positivsten. Kein Wunder: Radeberg gilt ja als überversorgt. In den Umlandorten sieht das schon ganz anders aus. Am wenigsten zufrieden sind die Einwohner in den Gemeinden um Hoyerswerda mit der ärztlichen Versorgung – dort, wo in letzter Zeit die meisten Hausarztpraxen ersatzlos geschlossen wurden.

Die Lage ist problematisch

Das Problem könnte sich fortsetzen: Mehr als jeder vierte Allgemeinmediziner im Kreis ist bereits über 60 Jahre alt, darunter fast die Hälfte schon über 65. Vor allem der Versorgungsgrad in der Region um Hoyerswerda gilt für die KVS bereits als problematisch, die Lage rund um Kamenz als schwierig. Für die Neubesetzung von acht Praxen – drei in Hoyerswerda, zwei in Lauta und jeweils eine in Bernsdorf, Königswartha und Kamenz locken KVS und Freistaat bereits mit Investitionsförderung und garantiertem Mindestumsatz.

Trotzdem scheuen sich viele junge Ärzte vor der eigenen Niederlassung gerade auch auf dem Lande. Die rechtlichen und finanziellen Hürden sind nach wie vor ein hohes Risiko. „Leider sind die politischen Rahmenbedingungen für eine freiberufliche Praxisführung nicht optimal“, sagt KVS-Geschäftsführer Michael Rabe. Das lasse viele Ärzte lieber in Anstellungen ausweichen. Rabe meint dabei vor allem die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), in denen Ärzte wie im Krankenhaus als Angestellte arbeiten und dadurch ein geregeltes Einkommen, keine Investitionskosten und keinen vierteljährlichen Abrechnungsaufwand haben.

Vorschriften müssen auf den Prüfstand

Allein zwölf MVZ-Standorte sind in den vergangenen Jahren im Kreis Bautzen unter dem Dach der Oberlausitz-Kliniken gegründet worden. OLK-Geschäftsführer Reiner E. Rogowski sieht darin die Chance, Lücken zu schließen, wenn sich kein Nachfolger für eine Praxisübernahme findet. Auch bei der KVS hält man das für ein probates Mittel, um Versorgungsschwierigkeiten abzumildern oder bestenfalls zu beseitigen.

Aber auch ein MVZ muss sich rechnen, weiß Reiner E. Rogowski. Er sieht die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum schon lange in Gefahr. Seit Jahren schon mahnt er deshalb an, die bisherigen KVS- und Berufsvorschriften für niedergelassene Ärzte auf den Prüfstand zu stellen. „Die Vorschriften müssen sich den Gegebenheiten anpassen“, sagt Rogowski. Nur das würde dann vielleicht auch helfen, wieder einen Arzt in Ohorn zu haben.