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Kein Birger zweiter Klasse

© Sven Ellger

Der Autist Birger Höhn kämpft für eine Gesellschaft, in der Anderssein keinen Unterschied macht.

Von Henry Berndt

Er hat einen goldenen Pokal mitgebracht. „Mit der beste Inklusionär“ hat jemand mit Stift auf die Plakette geschrieben. Birger Höhn ist mächtig stolz auf diese kleine Trophäe, die ihm mal eine Freundin geschenkt hat. Jemand wie er bekommt im Leben nicht sehr viele Pokale überreicht. Jemand wie er muss sich alles selbst erkämpfen. Für viele ist jemand wie Birger Höhn unsichtbar, dabei misst er 1,96 Meter und wiegt 140 Kilogramm. Bei seiner Geburt litt er an Sauerstoffmangel, gilt heute als zu 70 Prozent schwerbehindert. Als Erwachsener wurde bei ihm zudem Autismus diagnostiziert.

Das Buch „Auf dem Weg zu mir selbst“ ist zum Preis von 5 Euro bei Lesungen oder bei Birger Höhn direkt per Mail an [email protected] zu erwerben. © PR

Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte Birger Höhn bislang bei seinen Eltern in Husum ganz im Norden Deutschlands. Dort wuchs er auf, ging zur Schule und machte eine Ausbildung zur Bürokraft. „Ich habe viel Glück gehabt im Leben“, sagt er. „Ich hatte immer Menschen um mich herum, denen ich vertrauern konnte.“ Seine Mutter merkte als gelernte Sozialpädagogin früh, dass ihr Sohn anders war als die anderen Kinder. Einige Fähigkeiten entwickelten sich auffallend langsam. Erst mit zwei Jahren konnte er laufen. Mehrmals in der Woche ging seine Mutter mit ihm zur Krankengymnastik, zur Logopädie und zur Ergotherapie. Der kleine Birger war häufig verschlossen, hatte keine Freunde, wurde von Selbstzweifeln geplagt. Später in der Schule machte er nicht mit, konnte nicht benotet werden und wechselte auf ein Internat für Behinderte, 100 Kilometer von zu Hause entfernt.

Welch eine Verwandlung! Heute, mit 44, ist Birger Höhn ein selbstbewusster Mann, der aus seinen Möglichkeiten mehr gemacht hat, als ihm die meisten zugetraut hätten. Und am wenigsten wohl er selbst. Nach einer Therapie in der Autismus-Ambulanz steht er zum ersten Mal in seinem Leben zu dem, was er ist. Er kennt seine Stärken und seine Schwächen und er weiß selbst, was ihm guttut. Auch den frühen Tod seiner Eltern hat er überwunden.

Gegen den Willen seiner Mutter war er 2007 Hals über Kopf nach Dresden gezogen, um näher bei einer Frau sein zu können, in die er verliebt war. Aus der Beziehung wurde zwar nichts, aber Birger Höhn blieb dennoch. Seit acht Jahren lebt er im ambulant betreuten Wohnen in Striesen. Hier und da braucht er Hilfe, zum Beispiel beim Umgang mit Geld, bei der richtigen Körperhygiene, bei Behördengängen und auch bei der Ernährung. „Wenn ich Stress habe, bekomme ich manchmal richtige Fressattacken“, sagt er. Er wog deswegen auch schon mal 170 Kilogramm, weiß aber, dass auch 140 nicht gesund sind. Zumal er auch Diabetiker ist. „Manchen Verlockungen kann ich aber einfach nicht widerstehen.“ Um Bäcker und Cafes macht er lieber einen großen Bogen. Nicht zufällig möchte sich Birger Höhn in den Räumen der Wir-AG in der Dresdner Neustadt treffen. Nirgends geht er so gern ein und aus wie hier. Seit 2012 ist Birger Höhn Mitglied der Linken. Anfangs unterstützte er die Partei nur im Stillen. Seit einem siebenwöchigen Praktikum in der Stadtgeschäftsstelle ist das aber anders. Am liebsten wäre er danach gleich dort geblieben und hätte weiter im Büro gearbeitet, aber ganz so einfach ist es leider nicht.

Vernetzt wie ein Polit-Profi

Durch seinen Asperger-Autismus fühlt er sich in der Öffentlichkeit schnell überfordert. Sprechen in einem Raum mehrere Menschen gleichzeitig, kann er die Eindrücke nicht filtern. „Es ist, wie wenn ich vor einem Wasserfall stehe und jeden einzelnen Wassertropfen verfolgen möchte“, sagt er. Auch mit der Feinmotorik hat er bis heute seine Probleme. Seit vielen Jahren arbeitet Birger Höhn in sozialen Werkstätten. Erst in Husum, dann in Freital, inzwischen in Dresden. Zurzeit prüft er dort für 150 Euro im Monat Metallteile und Verschlusskappen. Einen Weg in einen richtigen Job hat er bislang nicht finden können. Abseits des Geldverdienens läuft es dafür umso besser für ihn.

Seit anderthalb Jahren hat er eine Freundin, die er über das Internet kennengelernt hat und die er regelmäßig besucht. Seine Freundschaften fand er vor allem in der linken Szene. Mehr und mehr knüpfte er Kontakte, machte weitere Praktika, lernte die Linken-Chefin Katja Kipping kennen und diskutierte mit ihr über die Probleme von Behinderten in unserer Gesellschaft. Inzwischen koordiniert er eine Aktionsgruppe für politische Neueinsteiger und leitet einen inklusiven Stammtisch, dessen Themen er in die Stadtratsfraktion weiterträgt. „Das sind inzwischen fast wie Familientreffen“, sagt Birger Höhn. Er ist heute fast so gut vernetzt wie ein Polit-Profi. Die Interessengemeinschaft „Selbstbestimmt Leben“ ernannte ihn zum Inklusionsbotschafter. Sein Traum ist eine Stadt, ein Land, eine Welt, in der Menschen mit Behinderungen ganz selbstverständlich mit anderen zusammenleben können.

Lautstark tritt er für Gleichberechtigung und eine konsequente Umsetzung der 2009 beschlossenen UN-Behindertenrechtskonvention ein, verlangt eine soziale Mindestsicherung von 1 000 Euro für jeden, oder, dass der Mindestlohn auch für Werkstattbeschäftigte gelte.

Das alles ist nachzulesen in einem Buch, das Birger Höhn Ende vergangenen Jahres herausbrachte. Es trägt den Titel „Auf dem Weg zu mir selbst – Innenansichten eines Menschen mit Autismus“ und ist in einer Auflage von 300 Exemplaren in der Edition Freiberg erschienen. „Ich habe schon 2008 angefangen, einige Gedanken über mein Leben aufzuschreiben“, sagt er. Nun, zehn Jahre später, sei er stolz, endlich das fertige Buch in den Händen halten zu können. Mit verblüffender Ausdruckskraft, mit Witz und großer Offenheit beschreibt er auf 80 Seiten, wie er zu dem Menschen wurde, der er heute ist.

„Autismus ist ein Teil von mir. Ein Teil, den ich nicht missen und von dem ich nicht geheilt werden möchte – selbst dann nicht, wenn es möglich wäre“, schreibt Birger Höhn in seinem Resümee. Starke Worte eines starken Mannes.

Am 9. April von 18 bis 20 Uhr liest Birger Höhn in der Wir-AG (Martin-Luther-Platz 21) aus seinem Buch „Auf dem Weg zur mir selbst“. Der Eintritt ist kostenlos. Der inklusive Stammtisch trifft sich jeden ersten Samstag im Monat von 15 bis 18 Uhr in der Wir-AG. Das Buch „Auf dem Weg zu mir selbst“ ist zum Preis von 5 Euro bei Lesungen oder bei Birger Höhn direkt per Mail an [email protected] zu erwerben.