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Kein gutes Haar am Wolf gelassen

© Julian Stratenschulte/dpa

Beim Jägertag in Zschauitz fand der natürliche Konkurrent der Waidleute nicht einen Fürsprecher.

Von Manfred Müller

Großenhain. Nichts spaltet die Jägerschaft und die Naturschützergilde so tief wie ihr Verhältnis zum Wolf. Die Gräben wurden auch am Freitagabend bei einer Zusammenkunft des Jagdverbandes Großenhain sichtbar. Die etwa 100 Mitglieder starke Vereinigung hatte zum Jägertag in den Zschauitzer Gasthof geladen, und neben Verbandsangelegenheiten standen auch einige Fachvorträge auf der Tagesordnung. Einer davon – gehalten vom ehemaligen Verbandsvorsitzenden Dr. Joachim Schierig – widmete sich dem Thema „Wolf“.

Für den Zabeltitzer hat Sachsen die höchste Wolfsdichte in der ganzen Welt. Der Nahrungsbedarf eines einzigen erwachsenen Tieres liege bei 64 Rehen, neun Stück Rotwild und 16 Wildschweinen – insgesamt etwa 1,7 Tonnen Fleisch. Da werde wertvolles Wildbret als Tierfutter zur Verfügung gestellt. Schierig beziffert den Verlust für die Jäger auf jährlich etwa drei Millionen Euro. Auch sonst ließ der pensionierte Tierarzt kein gutes Haar am grauen Räuber. Er gehöre keineswegs zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten und verdiene deshalb auch keinen besonderen Schutz. Die Wölfe in Deutschland ohnehin nicht, weil sie eigentlich Hybriden aus Wölfen und Hunden seien. Deshalb die kleinere Statur, die dunklere Fellfärbung und der Hang einzelner Tiere, sich in der Nähe menschlicher Siedlungen aufzuhalten. Wildbiologen würden da sicher mit ihm streiten.

Es fällt generell schwer, in der Wolfs-Frage gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse von weidmännischen Verschwörungstheorien zu trennen. Andererseits ist es kein Geheimnis, dass es in der sächsischen Jägerschaft seit Langem grummelt. Der gesetzliche Schutzstatus, den der Wolf genießt, ist vielen Grünröcken ein Dorn im Auge. Nicht alle vertreten so extreme Positionen wie Joachim Schierig, aber rückhaltlos begrüßt wird die Ausbreitung wohl von keinem. „Es lässt sich nicht wegreden, dass Jäger und Wölfe Konkurrenten sind“, sagt Jagdverbands-Chef Jörg Köhler. Letztere fräßen nun mal kein Gras.

Köhler gehört allerdings eher zum moderaten Lager in der Großenhainer Jägerschaft. Ja, es gebe einen Rückgang des Wildbestandes, aber der sei nicht so dramatisch, dass er aus dem Ruder zu laufen drohe, erklärt er. Sein Verbandskollege Holger Schöne widerspricht. Der Böhlaer hat sein Jagdrevier unmittelbar an der Königsbrücker Heide. „Seit sich hier ein Wolfsrudel angesiedelt hat, ist der Bestand an Rehwild erheblich zurückgegangen“, sagt er. Das habe zwar den Vorteil, dass es auf den Straßen kaum noch Wildunfälle gebe, aber für ihn als Jäger sei das keine wünschenswerte Entwicklung.

Generell erntete Schierig für seine Ausführungen beim Jägertag eher Zustimmung. Der Zabeltitzer verwies darauf, dass Wölfe hunderte von Kilometern weit wandern. Da bestehe die Gefahr, dass sie in Sachsen die Tollwut einschleppen, möglicherweise sogar die afrikanische Schweinepest, die seit Jahren im Baltikum grassiert. Schierig sieht auch einen verhängnisvollen Zusammenhang zwischen dem Wolfsschutz und Forstbehörden. Letztere hätten ein Interesse an möglichst kleinen Schalenwildbeständen. Das halte die Verbiss-, Schäl- und Fegeschäden in Grenzen, weshalb es in Dresden eine starke Lobby für den Wolf gebe.

Und auch die Naturschützer blieben nicht ungeschoren. „Die Überpopulation ist ökologischer Wahnsinn“, sagt Schierig. Sie reduziere die Artenvielfalt, womit der Naturschutz gegen sein eigenes Gebot verstoße. Am Ende nahm er sogar seinen Verbandsvorsitzenden ins Visier. Köhler solle seine passive Haltung aufgeben und sich über den Landesjagdverband für die Begrenzung der Wolfsbestände stark machen. Dass die Jäger in dieser Frage nicht nur das Gesetz, sondern auch eine breite Öffentlichkeit gegen sich haben, zeigen die Ereignisse um den ostsächsischen Wolf „Pumpak“. Der Jungrüde hatte in Rietschen versucht, einen frischgebackenen Kuchen von einem Fensterbrett zu stehlen und wurde damit für die Behörden zum Problemwolf. Sie gaben ihn zum Abschuss frei, worauf im Internet ein Sturm der Empörung losbrach. Eine Online-Petition für Pumpak erbrachte bis heute fast 96 000 Unterschriften. Die Petition war zwar eher von Emotionen als von Sachverstand geprägt, aber das ist im Online-Zeitalter nicht ungewöhnlich.

Der Schönfelder Martin Steinborn sieht darin einen immer stärker werdenden Konflikt zwischen Stadt- und Landbevölkerung. „Die Städter, die noch nie einen Wolf zu Gesicht bekommen haben“, kritisiert der Landwirt und Jäger, „wollen uns in dieser Frage ihren Willen aufzwingen.“